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Auftrag und Verbrechen
Über das Verhältnis von
Selbstmordattentat und Amoklauf
JAN HUISKENS
Ein gewöhnlicher amerikanischer Collegefilm läuft nach folgendem Muster
ab: Ein „nerd“ ist verliebt in ein hübsches und von allen begehrtes
Mädchen, das allerdings von ihm nichts wissen will, weil er ein
Verlierertyp ist, der von den Mitschülern gemobbt und gedemütigt wird.
Der Nerd, der wahlweise Computerfreak, Schachspieler oder Bücherwurm
ist und immer eine Brille trägt, ist einsam und traurig, weil er von
den anderen ausgestoßen wird. Doch die Angebetete hat die Rolle einer
Vermittlerin inne: Gewinnt er ihre Gunst, so steigt er auf, genießt
Respekt und gehört dazu. In der Regel ändert sich das Verhalten des
Mädchens dergestalt, dass aus der bloßen Ignoranz zunächst eine
verteidigende Bemutterung wird, bevor sie die wahren, natürlich
„inneren Stärken“ des Ausgegrenzten entdeckt und sich in ihn verliebt.
Die Realität, das weiß jeder, der eine deutsche Schule besucht hat,
sieht anders aus. Gerade darin liegt ja der Reiz des Collegefilms, dass
er einen glücklichen Ausgang des Unheils verspricht, der Hoffnung bei
den Verzweifelten entfacht, die sie – unabhängig vom Zwang durch die
Eltern oder den Staat – dazu antreibt, doch jeden Tag aufs Neue ins
Unglück zu rennen, sprich: zur Schule zu gehen. Die Bildung, die den
Kindern „vermittelt“ werden soll, wie es im Lehrersprech heißt, ist
schon immer eine der Disziplinierung gewesen, die nicht nur autoritär
von oben herab die lieben Kinderlein mit dem Rohrstock oder einem
immateriellen Surrogat züchtigt, sondern unter ihnen eine Konkurrenz
entfesselt, die mitunter furchtbarer ist als diejenige im Leben der
Erwachsenen. Die Furcht, aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen,
misshandelt und verlacht zu werden, treibt die kleinen Monster an, nach
unten zu treten und sich keinerlei Mitgefühl zu gestatten. Für einige
ist die Schule daher Qual und Drangsal, sie hilft ihnen nicht, ein
autonomes Subjekt zu werden, sondern verwandelt sie in Duckmäuser, die
ihrer selbst so unsicher sind, dass sie mit ihren Mitmenschen ohnehin
nichts anfangen können.
Ein solches Kind muss, wenn man den Recherchen der Tageszeitungen
Glauben schenken darf, Tim K. gewesen sein, der im März an seiner
ehemaligen Schule im schwäbischen Winnenden acht Mitschülerinnen und
einen Mitschüler sowie drei Lehrerinnen erschoss. Er sei, so die FAZ
(13.03.09), ein „depressiver, verzweifelter Mensch“ gewesen, dem
„Anerkennung und Selbstachtung“ gefehlt hätten. Die Psychiater, die ihn
laut Polizeiauskunft (die Eltern bestreiten das) behandelten, waren
offenbar erfolglos darin, ihm diese mentalen Zustände einzutrichtern.
Doch der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau weiß, dass
Tim eine „doppelte Identität“ hatte. Nach außen hin sei er „kein Junge
zum Fürchten“ gewesen. Eine Nachbarin bestätigt: „Der Tim war ein
guter, lieber Junge. Ich kann einfach nichts Schlechtes sagen.“ Und
schiebt hinterher: „Der Tim war ein ruhiger Bub’, nicht aggressiv.“
Niemand habe ahnen können, dass Tim diese Bluttat begehen würde – und
doch hat er es getan. Das verlangt nach einer Erklärung. Die Nachbarin
Hartmann meint: „Ich gebe nicht dem Bub’ die Schuld, ich gebe den
Waffen die Schuld.“ Doch auch wenn Waffen wie alle Waren
sinnlich-übersinnliche Dinge sind: Von alleine ziehen sie nicht los und
schießen Menschen über den Haufen. Die Ermittlungen der Polizei ergaben
nur, dass Tim ein mittelmäßiger Schüler war, der gerne und gut
Tischtennis spielte, ein paar Horrorfilme besaß und gelegentlich so
genannte „ego shooter“ auf dem Computer spielte. Über eine extreme
politische Ausrichtung sei nichts bekannt, doch habe ihn der Vater –
ein Mitglied des örtlichen Schützenvereins – des Öfteren zu
Schießübungen mitgenommen. Seine Eltern arbeiteten viel, seien aber
umgängliche Menschen. Eine Freundin habe er schon längere Zeit nicht
mehr gehabt. Mit anderen Worten: Tim war ein ganz normaler, fast schon
zu durchschnittlicher Jugendlicher, an dem absolut gar nichts auffällig
war. Warum er ein Massaker angerichtet hat, ist aus seiner Biographie
allein nicht zu erklären. Bei ihm brach sich eine allgemeine Tendenz
nachbürgerlicher Subjektivität Bahn, die aufgrund ihres objektiven
Charakters von allen nachempfunden werden kann: Wer verspürt nicht
gelegentlich tiefe Abscheu gegenüber den Menschen, die da ihre Intrigen
und Neidbeißereien mit der niederträchtigsten Selbstzufriedenheit
betreiben? Dass einem die Sicherungen durchbrennen und er diese in der
Regel durch den Verstand in Schach gehaltenen Gefühle nicht nur zu
Vernichtungsfantasien heranreifen lässt, sondern sie auch noch
praktisch auslebt, ist zwar schrecklich, klingt allerdings nicht völlig
absurd. Denn gerade weil die Kränkung, die dem Verbrechen zu
Grunde liegt, so nachvollziehbar ist, ist das Gerede, man sei
„fassungslos“ und „tief erschüttert“ ob dieser „sinnlosen Tat“, in
vielen Fällen als Versuch zu sehen, sich der eigenen Gefühlswelt zu
erwehren. Die von Tim nur auf die Spitze getriebene, vom Kapital
verursachte Kälte, die Bedingung wie Produkt repressiver Vergleichung
ist, und die gerade in der Schule trotz aller von den Pädagogen
ergriffenen Gegenmaßnahmen („Streitschlicht-AG“, „Klassenfahrt“ etc.)
den zukünftigen Warenhütern praktisch beigebracht wird, hat ihr Telos
in der Vernichtung all derer, die der eigenen Verwertung im Wege
stehen.
Vieles spricht dafür, dass Tim recht eigentlich kein anderes Motiv
hatte als das, möglichst viele Menschen zu töten. Eine überlebende
Schülerin sagt: „Er hat die Tür des Klassenraums aufgestoßen und
einfach nur geschossen. Er hat kein Ziel gehabt, und er hat nichts
gesagt.“ Später allerdings, als er zum zweiten Mal in einen
benachbarten Klassenraum rannte und sah, dass sich noch Leute bewegen,
rief er: „Seid ihr immer noch nicht alle tot?“ Tim K. wollte töten und
er tat es. Darin schüttelte er jede Menschlichkeit ab, formierte sich
zur Tötungsmaschine, die keinen außer ihr liegenden Zweck hat, sondern
um ihrer selbst willen zur Tat schreitet.
Eine brauchbare, d.h. sinnstiftende und die Staatsgewalt legitimierende
Erklärung allerdings ist das nicht. Um Handlungsfähigkeit zu beweisen,
überschlagen sich Politiker, Leitartikler und Unternehmerverbände, das
Waffengesetz, die Horrorspielfilmindustrie, gefährliche Computerspiele
oder die mangelnde Ausstattung mit Schulpsychologen als Grund für die
Tat zu benennen. Dabei liegt es viel näher, den Tatort und die Opfer in
die Analyse einzubeziehen. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass Tim
ausgerechnet in seine ehemalige Realschule stürmte und ebenso wenig
wird der „gute Schütze“ (FAZ) aus Versehen fast nur Mädchen
und Frauen erschossen haben. Er war ein potentieller Verlierer dieser
Gesellschaft wie so viele andere auch, im Unterschied zu ihnen aber gab
er den Versuch und den Glauben auf, einmal zu den Gewinnern zu gehören,
sondern sann auf blutige Rache. Besonders Frauen – also jene Geschöpfe,
die sich dem Weltbild des pubertierenden Sohnes eines
Schützenvereinsmitgliedes gemäß unterordnen sollen, die jedoch in
keinem Falle als reguläre Konkurrenten gelten können – sollten dafür
büßen, ihn auch noch verschmäht und ständig verlacht zu haben. Sein
Menschen- und speziell Frauenhass muss zum Zeitpunkt der Tat so groß
gewesen sein, dass er den Selbsterhaltungstrieb mit aller Kraft
überwand. Die schusssichere Weste, die Tim vor dem Blutbad angelegt
hatte, konnte ihn nicht schützen, weil er sich am Ende selbst erschoss.
Die Schule, der Ort, den er mit all den erlittenen Kränkungen
keineswegs völlig zu Unrecht identifizierte, sollte die Bühne eines
Lehrstücks werden, dessen Botschaft lautete: Ich bin wertvoll, also
respektiert mich gefälligst.
Die Logik des Kapitals, Menschen überflüssig zu machen, wurde von Tim
K. voll und ganz akzeptiert: Nur sollte nicht er der Überflüssige sein,
sondern die anderen. Indem er ihr Leben auslöschte, bekam sein Leben
einen, wenn auch barbarischen Sinn. Insofern war der Amoklauf von
Winnenden nicht „sinnlos“. Interessanterweise sind all die
Bedenkenträger dieser Republik weniger darüber betrübt, dass mehrere
Menschen ermordet wurden als vielmehr darüber, dass die Opfer
„unschuldig“ waren. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wären sie „schuldig“
gewesen, würde die Tat schon in Ordnung gehen. Freilich, so einfach ist
die Sache nicht. Denn wer schuldig ist – das lernt man nicht nur in der
Schule, sondern auch in den nachmittäglichen Gerichtsshows –, bestimmt
nicht ein einzelner Bürger, sondern die unabhängige Justiz: Schließlich
ist die BRD ein Rechtsstaat. Der Einwand, Tim habe sich „angemaßt“,
über Leben und Tod zu entscheiden, zielt ab auf die Erhaltung des
Gewaltmonopols des Staates, der die Entziehung des Lebensrechts an
seine Polizisten und Soldaten, gelegentlich des Ausnahmeszustandes auch
an die einfachen Volksgenossen delegiert. Der Idee nach soll das Recht
die Gewalt einhegen, sie begrenzen - doch wohnt dem Recht immer schon
die Möglichkeit seiner negativen Aufhebung inne: Wenn es brenzlig wird,
werden die zu Bestien vergesellschafteten Staatsbürger von der Leine
gelassen und die vormalige Totalität des Rechts in die Grenzenlosigkeit
der Gewalt aufgelöst: Der größte, allerdings mit industriellen Mitteln
kollektiv betriebene Amoklauf der Geschichte war der Holocaust. Jenes
monströse Verbrechen konstituiert bis heute das, was „deutsches Volk“
heißt. [1] Die Sehnsucht nach dem Zustand des erneuten
Losschlagenkönnens umtreibt seither die Volksgenossen, die dem Blutbad
als Erlösung von der widersprüchlichen Existenz entgegen fiebern. Der
alltäglich sich aussprechende und über die Bildzeitung oder die Junge
Welt undgebende Hass auf die Schmarotzer und andere (scheinbar)
Glückliche präjudiziert das Vollstreckungsurteil, das die endlich
wieder zu sich selbst kommende Volksgemeinschaft im avisierten
historischen Augenblick sprechen wird – sollte dieser Augenblick nicht
verhindert werden können.
Doch auch ohne die befreiende Tat, die der deutsche Staat aufgrund von
Verwertungsinteressen untersagt – obwohl sich schon jetzt keineswegs
alle an dieses Verbot halten, was nur zeigt, dass die Deutschen
gelegentlich autoritärer sind als ihr Staat –, muss das Grundbedürfnis
der postnazistischen Warenmonaden nach Bestrafung der Volksfeinde
bedient werden, sollen sie im Zaum gehalten werden. Und so ist es kein
Zufall, dass die Kulturindustrie zur Stelle ist, um dieses deutsche
aber nicht nur auf Deutschland beschränkte Bedürfnis zu befriedigen.
Der preisgekrönte und politisch engagierte Film Slumdog Millionaire
etwa präsentiert eine Figur, die sich ihrer Sünden bewusst wird und ihr
Leben – den eigenen Tod einkalkulierend – damit beendet, einen Haufen
Verbrecher über den Haufen zu schießen. Dass dieser Bösewicht, der am
Ende durch das Selbstopfer doch noch zum Helden wird, in den letzten
Sekunden seines Lebens Koranverse brabbelt, erstaunt wenig. Denn hier,
in der kulturindustriellen Visualisierung der kollektiven Rachegelüste
der Zukurzgekommenen, erweist sich, dass der deutsche Wahn heute auch
ein islamischer ist. Es handelt sich nicht bloß um Parallelen oder
Analogien zwischen deutscher und islamischer Ideologie, wie die
schlaueren Experten für Antisemitismustheorie meinen, sondern um eine
Wesensidentität. Niemals war bekanntlich der Wahn Adolf Hitlers ein
starres, auf den deutschen Sprachraum festgelegtes „Sondermodell“ eines
abstrakten Nationalbewussteins, sondern immer schon – paradox genug –
die bewusstlose Reflexionsform, Ideologie eben, der negativen Tendenz
des Kapitals zur Barbarei. Aus den Braunhemden sprach das falsche Ganze
in so abgrundtief reiner und konsequenter Form, dass vielmehr die Frage
gestellt werden muss, warum sich andere Nationen der Unterwerfung unter
diese wahnwitzige Objektivität erfolgreich verweigerten.
Ebenso ist es mit den islamischen Gotteskriegern: Sie haben nicht die
antisemitischen Verschwörungstheorien der Deutschen rein äußerlich
übernommen, sondern produzieren aus sich selbst heraus den Wahn, der in
den Protokollen der Weisen von Zion sich nur artikuliert. In
ihrer zu allem entschlossenen Kompromiss- und frömmlerischen
Selbstlosigkeit sind die radikalen Muslime die Nazis des 21.
Jahrhunderts. Sie haben den Deutschen, die sich nach zwei verlorenen
Weltkriegen nicht mehr so recht trauen, die Rolle abgenommen, der Welt
die Herrschaft des Todes zu verkünden. Jene Verkündigung ist die
negative Einheit von Theorie und Praxis, die von Joseph Conrads Figur
des anarchistischen Bombenlegers über George Sorel bis zur RAF
gepredigte „Propaganda der Tat“. Die Schriften der Imame, ihre auf
aller Welt als Tonträger verkauften Freitagspredigten sind sowohl die
Anleitung zum Terror als auch dessen theoretische Rechtfertigung.
Der Terror gegen das irdische Glück und besonders gegen die Juden ist
das Primäre, Propaganda der Tat, die Theorie das Sekundäre. Nicht das
Portrait Tariq Ramadans tragen die arabischen Kids in Paris oder Rom
auf ihren T-Shirts, sondern das Gesicht Osama bin Ladens – Inbegriff
der entfesselten Gewalt. Er ist die Verkörperung des muslimischen
Ich-Ideals, Mohammeds, der die Vereinigung der Muslime zur
Selbstmordsekte vorantreibt und wie ein Damoklesschwert über den
arabischen Massen hängt. Die durch Terror geleistete Produktion einer
bedingungslosen politischen Einheit ist vor dem Hintergrund einer
faktisch nicht existierenden Staatsgewalt so schrankenlos, dass selbst
die Deutschen vor Neid erblassen und anerkennend von der „tiefen
Gläubigkeit“ und dem „islamischen Gemeinschaftssinn“ sprechen. Im Jihad
ist das Opfer vollends zum ausschließlichen Inhalt des Umma-Genossen
eskaliert, sogar der Pelz, den der Wehrmachtssoldat von der Ostfront
nach Hause schickte, gilt in Masar-i-Scharif als unislamischer Luxus
und damit als Verstoß gegen den auf Mord und Totschlag ausgerichteten
Sittenkodex der Umma.
In diesem gesellschaftlichen Gefüge, in diesem islamischen
Produktionsverhältnis, verkehrt sich der Amoklauf von einer
bedauerlichen Einzeltat zum gesellschaftlichen Allgemeingut. Was in
Deutschland als Anzahlung auf das zukünftige Inferno fungiert und vom
Staat noch geächtet wird, das preist der Islam schon als heiligen
Auftrag. So sehr sich der Amoklauf Tim K.s und das islamische
Selbstmordattentat gleichen mögen, so sehr unterscheiden sich die
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Tat darf nicht isoliert
betrachtet werden, sondern im Zusammenhang des politischen
Produktionsverhältnisses, vor dessen Hintergrund der jeweilige Amoklauf
stattfindet. Die Anerkennung als politisches Subjekt, die beide – Tim
und Khalid, der prototypische Selbstmordattentäter aus Gaza-Stadt –
erstreben, wird dem einen auch nach seinem Tod verweigert, dem anderen
gewährt: In Winnenden werden Kerzen für die Ermordeten angezündet, in
Gaza-Stadt Märtyrerplakate geklebt. Doch es gibt noch einen weiteren
Unterschied: Obwohl Tim nach einhelliger Meinung „Selbstachtung“
gefehlt habe, verhält es sich genau umgekehrt: Er hatte Selbstachtung,
aber diese ausschließlich. Nur sich selbst liebte und verehrte er, die
anderen waren für ihn Ratten und Schmeißfliegen, die man aus der Welt
säubern muss. [2] Tim handelte nicht im Auftrag, sondern auf eigene
Rechnung. Khalid dagegen mordet im Namen der Umma und des göttlichen
Prinzips. Während Tim sich selbst vergöttlichte und sich
dementsprechend zum Richter über Leben und Tod aufschwang, vollstreckte
Khalid ein von außen kommendes Urteil. Deshalb kann dem Palästinenser
im Paradies Erlösung zuteil werden, dem Schwaben aber nicht: Beide
töteten sich, um in den Himmel zu kommen, Khalid in den Allahs, Tim in
den der Massenmedien.
In diesem Unterschied zwischen Amoklauf und suicide attack
reproduziert sich die Spaltung des Bürgers in bourgeois und citoyen
auf höherer Stufenleiter: Weil der Bürger weitgehend – und in Palästina
vollends – Geschichte ist, ist es aber auch die Einheit der
widersprüchlichen Bestimmungen des Kapitalsubjekts. Nichts anderes
synthetisiert die gesellschaftlichen Widersprüche mehr außer der Tod;
der Widerspruch wird nicht zur Versöhnung gebracht, sondern kalt
gestellt. Gerade weil aber die Einheit - die Rechtsform -
entsubstantialisiert (Deutschland) bzw. zerbrochen (Palästina) ist,
fallen die einst antagonistischen Sphären des bürgerlichen Subjekts im
islamfaschistischen Bandenkollektiv unmittelbar zusammen. Das Recht
gilt nur noch als das wilde Treiben unzulässig behinderndes Relikt, das
durch den kollektiven Willen des Volkes oder der Umma gemaßregelt und
damit aufgehoben werden muss. Übrig bleibt die Willkürherrschaft der
Scharia, die jeden Gläubigen in einen skrupellosen Krieger verwandelt.
Weil in Deutschland, entgegen seinem nationalsozialistischen Kern, aber
noch weitreichende und zweifellos oktroyierte zivilisatorische, das
Individuum vor dem Zugriff der Gemeinschaft und die Gesellschaft vor
verrückten Einzelnen schützende [3] Momente Bestand haben und von einer
immer kleiner werdenden „Partei“ verteidigt werden, muss sich hier der
Amoklauf noch als dem Gemeinwohl widersprechendes und seiner
gesellschaftlichen Grundlage entsprungenes Verbrechen darstellen. In
Palästina dagegen agiert der suicide bomber immer schon im
Einklang mit der pervertierten, nachbürgerlichen Form des Gemeinwohls
[4], er negiert den bourgeois, indem er ihn in sich
zurücknimmt und auf dem Altar Gottes opfert. Beide Seiten des
nachbürgerlichen Subjekts sind, obwohl geschichtlich auseinander
gerissen, ineinander verschränkt: Der Einzelne muss tun, was die
Gemeinschaft von ihm verlangt, aber sie nimmt es ihm auch nicht ab:
Barbarei in Eigenregie. Das bedeutet: Khalid macht vor, wonach sich die
Tim K.s noch sehnen: Sinnstiftung durch Mimesis an den objektiven Gang,
Einfügung in den Strom der Geschichte.
Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu: Initiative Sozialistisches Forum, Der Staat des
Grundgesetzes, auf: http://www.isf-freiburg.org.
[2] So schrieb etwa der Amokläufer von Emsdetten: "Nazis, HipHoper,
Türken, Staat, Staatsdiener, Gläubige...einfach alle sind zum kotzen
und müssen vernichtet werden!" Und weiter: "Sie sollten alle vergast
werden!" http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24032/1.html.
Übrigens belegt ein Großteil dieses Abschiedsbriefes die in diesem Text
bezüglich des Winnendener Massakers vertretenen Thesen.
[3] Figuren wie Ismail Haniye kommen hierzulande, wenn alles seinen
gesetzlichen Gang geht und er nicht gerade als Diplomat eines anderen
Volkes auf Deutschland-Tour ist, in den Knast.
[4] Pervertiert ist sie, weil die Produktion gesellschaftlichen
Reichtums in Palästina durch die des Todes ersetzt wird.
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