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Leipziger Allerlei
Zur Krise der Antideutschen: Eine kurze Revision
Nils Johann
Sowohl der Verfassungsschutz, der ihnen
ein vermindertes spalterisches Potential attestiert, als auch der
Großteil der bundesdeutschen Antifagruppen, der inzwischen wieder einen
Antinationalismus propagiert, der schon vor über 15 Jahren als nur
mäßig originelle Version der in Deutschland so beliebten Israelkritik
entlarvt wurde und der sich in dem infantilen Slogan „Staat. Nation.
Kapital. Scheiße.“ Ausdruck verschafft, sind sich einig: Die
Antideutschen befinden sich in einer personellen wie ideellen Krise. In
einer Stadt, in der es einerseits zum guten Ton gehört, das Ohr am Puls
der linksradikalen Bewegung zu haben, andererseits aber die Fähigkeit
zur fleißigen Theoriebildung und zum kritischen Differenzieren noch zum
Rüstzeug eines jeden Jugendzentrumsbesucher gehört, konnte man daher
nicht schweigen und lieferte dem über die Antideutschen gefällten
Urteil sowohl eine Begründung, als auch einige Vorschläge für
eventuelle Resozialisierungsmaßnahmen nach. Wie jedes Urteil, das vor
höheren Instanzen Bestand haben will, würdigte man dabei umfassend die
Vergangenheit und persönlichen Umstände der Angeklagten, ging aber auch
besonders auf deren Motive und Verfehlungen ein. Da es sich bei den
Richtern zudem um echte Menschenfreunde handelt, die sich in ihrer
Jugend vielleicht sogar selbst den einen oder anderen Fehltritt
geleistet haben, besaßen sie die Güte, abschließend noch einige
Vorschläge anzubringen, dank derer die Verurteilten in Zukunft wieder
den Weg aus der Krise und in die Mitte der Gesellschaft finden könnten.
Diese Krise, also die der Antideutschen, so befanden die Mitglieder der
"Gruppe in Gründung" aus Leipzig in ihrem in der Jungle World
04/2009 veröffentlichten Dossier Harte Männer, hartes Geschäft,
resultiere vor allem aus der Tatsache, dass die Antideutschen gespalten
seien - in Ideologiekritiker und Realpolitiker nämlich - und dass sie
sich dank der vermeintlichen Stagnation gegenseitig immer wieder
die gleichen Argumente um die Ohren hauen müssten. Besonders
erschwerend - dabei müsse man es doch wie in Leipzig besser wissen -
fielen dabei zwei Dinge ins Gewicht: „ein mangelndes Verständnis für
den Widerspruch, der der gegenwärtigen Problemlage zugrunde liegt, und
fehlende historische Tiefenschärfe.“ [1] Um die in der Krise
resultierende Problematik chronologisch aufzuschlüsseln, sei es daher
unumgänglich, sich mit der Theoriegeschichte der Antideutschen zu
beschäftigen [2], was deren nicht mehr haftbar zu machenden geistigen
Anstifter aus Frankfurt miteinschließen muss.
Schon die Kritische Theorie, so weiß man, habe ein „lebendiger
Widerspruch“, der ja heute auch in verschärfter und zudem verdrängter
Form die Antideutschen präge, durchzogen: „Sie amalgamierte
links-kommunistische Gesellschaftskritik und einen affirmativen Bezug
auf die liberale Gesellschaft“ und „verband […] die Kritik an der
kapitalistischen Totalität mit der Bejahung ihrer bürgerlichen
Errungenschaften.“ Aus der Parteinahme für die Residuen der Freiheit,
wie sie im Vorwort der Dialektik der Aufklärung gefordert
wird, wird so keine bloße Verteidigung, sondern eine Affirmation der
liberalen Gesellschaft, was, das wird im Laufe der Argumentation noch
klar werden, nicht bloß eine sprachliche Schlamperei ist. Insbesondere
in der Verteidigung der Formalität des Rechts soll der die kritische
Theorie prägende Widerspruch ausgeführt werden. Dass das Recht als
„Urphänomen irrationaler Rationalität“ (Adorno), welches durch die vom
Souverän gewährte Gleichheit, in der alle Ungleichheiten untergehen,
zumindest „ein Minimum an Freiheit“ (Neumann) für die Individuen
verbürgt, ist richtig. Dass es durch die Subsumtion des konkreten
Sachverhalts unter die abstrakte Norm ebenso die bestehenden
Differenzen negiert, so der Ungleichheit Vorschub leistet und zudem im
Ausnahmezustand die Möglichkeit besteht, dass der Souverän auch noch
dieses Minimum an Freiheit suspendiert, stimmt ebenfalls. Nur ist dies
kein Widerspruch innerhalb der Kritischen Theorie, der dann von dieser
zu verbinden oder gar aufzulösen wäre, sondern resultiert aus der Sache
selbst, was zur Folge hat, dass die rechtliche Abstraktheit und
Formalität zwar als Bedingung der Möglichkeit einer Gesellschaft ohne
Zwang zu verteidigen ist, sich eine Affirmation des Rechts, das ohne
Souverän und somit Zwang eben nicht sein kann, verbietet. Und auch die
Tatsache, dass die bürgerliche Gesellschaft erstmalig das Versprechen
auf das Glück aller Menschen in der selbstbewussten Organisation ihres
Lebens zum Ziel erhob, dieses aber durch Kapital und Staat gleichzeitig
dementiert, ist kein bloßer Widerspruch zwischen Staats- und
Kapitalkritik und der Bejahung bürgerlicher Errungenschaften, sondern
ein Widerspruch innerhalb der bürgerlichen Gesellschaften selbst, aus
dem der Funke der Kritik zu schlagen ist. Dieser Widerspruch entspringt
nicht äußerlich der Kritik und erfordert daher nicht lediglich ein
gewieftes Taktieren zwischen revolutionärer Theorie und reformistischer
Realpolitik, sondern wäre im das Glück Aller verwirklichenden
Kommunismus aufzulösen. In Leipzig unterstellt man der Kritischen
Theorie jedoch auf der einen Seite Skepsis und Kritik an der
bürgerlichen Gesellschaft, auf der anderen den affirmativen Bezug auf
die liberale Ordnung. Und da beide Seiten lediglich amalgamiert, also
von außen verbunden, nebeneinander stehen, ergibt das einen lebendigen
Widerspruch und ein solcher, das weiß der geschulte linksradikale
Dialektiker, ist immer gut. Somit ließen sich bereits in der Kritischen
Theorie Vorformen der Spaltung in Ideologiekritik und politisch
liberaler Praxis erkennen. Obwohl zumindest letztere den liberalen Teil
in Adorno und Horkheimer zur Gründung eines realpolitischen
Bundesarbeitskreises hätte drängen müssen, lieferten beide, so wirft
man ihnen in Leipzig vor, stattdessen mit der Dialektik der
Aufklärung noch nicht einmal „einen praktischen Handlungsrahmen“
für die postnazistische Bundesrepublik oder wenigstens eine „politische
Theorie für die demokratische Nachkriegsgesellschaft“, was man ihnen
wegen des drohenden Scheiterns der „demokratisch initiierten
'Befriedung'“ im „Land der Täter“ aber gerade noch verzeihen kann.
Schließlich war es im Wesentlichen ihre Aufgabe, als Mahner und Warner
„das wirklich gewordene Unheil im Gedächtnis wach zu halten.“
Den Hauptangeklagten Antideutschen, die die Gruppe in Gründung zurecht
in der Tradition der Kritischen Theorie stehend sieht, wird nun zwar
zugute gehalten, die Besonderheiten des Nationalsozialismus erfasst zu
haben, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Postnazismus jedoch einige
gravierende Schwächen, ja sogar Leerstellen aufzuweisen. In bester
Tradition eines Josef Fischer sieht man hier die postnazistische
Verfasstheit der deutschen Gesellschaft gerade „in der personellen
Kontinuität nazistischer Funktionsträger in Recht und Politik“ sowie,
wie in schönstem Sinistradeutsch ausgeführt wird, der
„transgenerationellen Verdrängung und Weitergabe
nationalsozialistischer Erfahrungen“ in Kultur und im Privaten, womit
klar wird, dass man in Leipzig unter antideutscher Kritik, das mit
zahlreichen gewitzten Zitaten und Erläuterungen gespickte Herumnörgeln
an Guido Knopp, an Filmen wie dem Wunder von Bern und dem
berühmt-berüchtigten Naziopa versteht. Im Hinblick auf die Konstitution
des Staates scheint, so weiß man hier, der Begriff des Postnazismus
„das Fortwesen des Nationalsozialismus eher zu beschreiben als zu
deuten“. Nun wird zwar nicht klar, was hier eher beschrieben als
gedeutet werden hingegen soll, dass aber auch nach der militärischen
Niederschlagung des Nationalsozialismus die negative Aufhebung von
Staat und Gesellschaft in der Volksgemeinschaft wie von bourgeois und
citoyen im Volksgenossen nicht einfach rückgängig zu machen war, will
man zumindest nicht wahrhaben. Da man den Unterschied zwischen
nachbürgerlicher und postnazistischer Gesellschaft nicht verstanden
hat, führt man daher zum einen an, dass auch in anderen Staaten
Interventionen des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft stattfanden
und -finden, und zum anderen „antiamerikanische wie antizionistische
Manifestationen“ weltweit verbreitet sind. Dass beispielsweise auch in
einer liberalen Gesellschaft wie den USA der Staat längst nicht mehr
nur als Nachtwächter der liberalen Gesellschaft, sondern zunehmend als
wirtschaftlicher Gestalter und Krisenmanager auftritt, und dass auch
dort das bürgerliche Selbstverständnis, wie der Wahlsieg eines
Anhängers staatlicher Regulation wie Barack Obama zeigt, im
Verschwinden begriffen ist, macht, soviel ist wahr, auch diese
Gesellschaft zu einer nachbürgerlichen. Da aber selbst in
DDR-Geschichtsbüchern nicht behauptet wurde, dass der
Nationalsozialismus gerade in den USA zum Durchbruch gelangte, müsste
man eigentlich sogar in Leipzig wissen, dass es sich daher bei den USA
im Gegensatz zu Deutschland eben nicht um eine postnazistische
Gesellschaft handeln kann, die Kategorien „nachbürgerlich“ und
„postnazistisch“ also nicht identisch sind, womit sich das schöne
Argument leider selbst erledigt. Und der weltweit grassierende
Antisemitismus und dessen Verwirklichung im islamischen suicide
bombing, das gerade in Deutschland und Österreich als
Verzweiflungstat verharmlost und von der Gruppe in Gründung als
„antizionistische Manifestation“ verniedlicht wird, ist Beleg dafür,
dass die deutsche Form der Krisenbewältigung - der Zusammenschluss der
panischen Subjekte in der Vernichtung der zur Gegenrasse erklärten
Juden - eben nicht auf Deutschland beschränkt ist und weltweit
Nachahmer findet: Deutsche also auch in Gaza, Teheran und, wenn auch in
geringerer Anzahl, in Oxford und Washington anzutreffen sind.
Postnazistische Gesellschaften sind Großbritannien oder die USA
deswegen aber noch lange nicht. Leipziger Linksradikale wissen
hingegen, dass gerade in Deutschland „nach der demokratisch initiierten
'Befriedung'“ der Versuch, die „irreduzible Gewalt des bürgerlichen
Rechtsstaates einzuhegen“ und „der vorpolitischen Öffentlichkeit“
größeren Einfluss einzuräumen, erfolgreich war. Deutschland wurde also
nicht nur friedlich und erfolgreich demokratisiert und ist somit
inzwischen mindestens so bürgerlich oder nachbürgerlich wie alle
anderen auch, sondern hat es dank der Einflussnahme zahlreicher
außerparlamentarischer NGOs und anderer Vertreter der Zivilgesellschaft
– in der sich zwar, folgte man der eigenen Logik, die
transgenerationell weitergegebenen nazistischen Erfahrungen sammeln
müssten, aber egal – geschafft, mit gutem Beispiel voranzugehen,
weswegen es dank seines befriedeten Gemeinwesens auch international als
Friedensmacht auftreten darf. Wer dies wie Gerhard Scheit nicht
einsieht, der trägt als negativer Geschichtsphilosoph, der
skandalöserweise „die deutsche Spezifik dabei mit den zentralen
Kategorien der Gesellschaft amalgamiert“, mit seinem „dunklen und
apodiktischen [sic!] Raunen“ nur dazu bei, „die gegenwärtige Situation
immer unter dem Gesichtspunkt des schlechtesten Falles“ zu betrachten
[3] und solch ein destruktives Verhalten wird in der vorpolitischen
Öffentlichkeit nun mal nicht gerne gesehen. Weil das ewige Rumhängen im
jugenzentrumsinternen Lesekreis auch in ostdeutschen
Universitätsstädten irgendwann langweilig wird und das Institut von
Professor Dan Diner nur begrenzt wissenschaftliche Assistenzstellen
anbietet, will man zumindest zivilgesellschaftlich mitmachen dürfen,
und wer da immer etwas von „postfaschistischen Demokratien als bloß
aufgehaltenem Ausnahmezustand“ erzählt, der muss „Alarmismus“
betreiben. Daher wirft Gerhard Scheit und Manfred Dahlmann auch vor,
ihre Kategorien des „neuen Behemoth“ beziehungsweise „Gegensouveräns“
(Dahlmann) verdeckten gerade die „Differenz zwischen einem
demokratischen und einem autoritär verfassten Gemeinwesen“ und
denunzierten somit das demokratische Deutschland. Dabei betont Scheit
in Anlehnung an Thomas Hobbes gerade, dass zwar alle Staaten Ungeheuer
sind, dies aber nicht bedeute, dass diese Ungeheuer gleich sind, die
Differenz jedoch weniger in Kategorien wie „demokratisch“ oder
„autoritär“, sondern vielmehr darin zu sehen sei, “inwieweit der
Souverän, der über Leben und Tod entscheidet, die Verwertung des Werts,
die sein Wesen – als Unwesen – ausmacht, auch mit der Erhaltung und
Verteidigung des menschlichen Lebens in Einklang bringt oder die Krise
jener Verwertung in der Verbreitung des Todes als Selbstzweck
austrägt.“ [4] Gerade hier wird also eine Differenz entfaltet, die
nicht den auch in Leipzig verbreiteten Jargon der Demokratie predigt,
sondern auch zwischen scheinbar demokratisch verfassten Gesellschaften
noch einen Unterschied auszumachen vermag. Dies akzeptierte man
vielleicht auch noch in Leipzig, würde als notwendige politische
Konsequenz daraus nicht folgen, dass „nicht erst, sondern
allerspätestens seit Auschwitz, jede Institutionalisierung
gegensouveräner Politik Rechtfertigung genug [ist, N.J.], auch
militärisch dagegen vorzugehen.“ [5] In einer Stadt, die bereits seit
fast 60 Jahren zur jeweils friedlichsten Deutschen Republik gehört,
will man von solch bellizistischen Gedanken nichts wissen, besonders
anschlussfähig sind diese im erfolgreich demokratisch befriedeten und
beste Kontakte in die islamische Welt unterhaltenden Deutschland
nämlich nicht. Stattdessen weiß man hier, „dass Politik eben nicht
immer und in jedem Fall die Mobilisierung von Gewalt bedeuten muss“,
sondern zum Beispiel ja auch das fröhlich-friedliche Mitwerkeln in
einem Bundesarbeitskreis zur Bekämpfung von Antisemitismus,
Antiamerikanismus, Antiimperialismus und regressivem Antisemitismus in
einer antizionistischen Partei bedeuten kann. Denn herrscht wie in
Deutschland einmal das Gesetz und verunmöglicht somit den
Ausnahmezustand [6], dann bleibt das bekanntlich auch so; gerade in
einem Gemeinwesen, welchem der Rechtsstaat militärisch aufgezwungen
werden musste. Es ist ausgerechnet dieses Absehen von der auch
demokratisch verfassten Gesellschaften inhärenten Gewalt im Allgemeinen
und der Rolle Deutschlands als Förderer der ganz offenen islamischen
Gewalt im Besonderen, das die Begeisterung der Gruppe in Gründung für
die vorpolitische deutsche Öffentlichkeit und die Realpolitik und ihr
Ressentiment gegen eine Freund/Feinbestimmung, das eine tragende
Begründung für ihr Urteil über die Antideutschen ist, ausmacht. Den
Liberalen um die Freunde der offenen Gesellschaft konnte man daher noch
zugute halten, auf Vermittlung zu insistieren, was hier nur
Anschlussfähigkeit heißt, auch wenn ihr offener Bezug auf den Markt im
Umfeld einer Vorfeldorganisation der Linkspartei sauer aufstößt.
Besonders verwerflich – und das verbindet diese Liberalen mit
antideutschen Ideologiekritikern -, sei jedoch ihre Polemik und ihre,
eine permanente Entscheidungsposition postulierende,
Freund/Feindbestimmung. Diese führe dazu, den angeblich so wichtigen
Unterschied zwischen Theorie und Praxis beziehungsweise Kritik und
Realpolitik einseitig aufzulösen, wobei die Antideutschen in der
Position des „'Kritikers' als harten Mannes“ auch noch einen
narzisstischen Gewinn einführen, behielten sie im selbstinszenierten
politischen Kampf doch immer die Oberhand.
In der Wiederholung der ebenso alten wie ermüdenden
Theorie/Praxisdebatte weiß man, dass antideutsche Theorie in der Kritik
des Antisemitismus und der Haltung zu Israel die „besten Argumente“ [7]
hatte und so die „neuralgischen Punkte eines traditionellen linken
Selbstverständnisses“ (ebenda) traf, jedoch die Israelsolidarität „samt
ihrer realpolitischen Konsequenzen“ das „größte Verdienst“ der
Antideutschen sei, denn: “Realpolitik von Seiten einer radikalen Linken
[…] ist seit Auschwitz dringender geworden denn je.“ Wenn die schlichte
Tatsache, dass Auschwitz Gegner von Kapital und Staat dazu
verpflichtet, nicht nur theoretische Antisemitismusforschung zu
betreiben, sondern sich mit dem Staat Israel als Nothilfemaßnahme gegen
den antisemitischen Wahn bedingungslos solidarisch zu zeigen, zu der
Lüge wird, dass man deshalb in Deutschland konkrete Realpolitik zu
betreiben hätte und Kritik nur noch als „Korrektiv politischer Praxis“
zu dienen hat, dann führt all das Gerede über Widersprüche nur noch
dazu, eine Rechtfertigung für die Beteiligung an deutschen
Verhandlungen, wie sie nun einmal in der Realpolitik notwendig gepflegt
werden, zu liefern. Wenn die schlichte Feststellung, dass sich auch der
Kritiker, sobald er sich, in welcher Form auch immer, an die
Öffentlichkeit wendet, auf dem Feld der Politik tummelt, zum Vorwurf
wird, dass polemische Kritik „konkretes politisches Handeln […]
ersetzt“, dann ist das nur noch der billige Versuch einiger linker
Jungpolitiker, ihr Engagement in Parteien, Stiftungen und anderen
Institutionen der politischen oder vorpolitischen Öffentlichkeit in
Deutschland zu legitimieren. [8] Von Josef Fischer hat man anscheinend
nicht nur den Verweis auf personelle Kontinuitäten, sondern auch die
Begründung für Realpolitik wegen Auschwitz abgeschaut; damals waren es
die Grünen, heute ist es die radikale Linke beziehungsweise bald dann
die Linkspartei. Ideologiekritik, die sich dem Mitmachen verweigert und
dieses zum Objekt der Kritik macht, muss daher als Bedrohung
wahrgenommen und denunziert werden. Zum einen geschieht dies dadurch,
dass sich die Kritik der Antideutschen angeblich nur noch wiederhole
und sich daher lediglich um sich selbst drehe. Ganz offensichtlich
versteht man unter Kritik also das Hervorbringen spannender neuer
Theorien und Ansätze, über die es sich dann vortrefflich auf der
Diskoseite der Jungle World oder vielleicht sogar im
politikwissenschaftlichen Seminar streiten lässt. Da Ideologiekritik
jedoch auf die Verhältnisse selbst zielt, scheint man weniger an der
Abschaffung dieser Verhältnisse - was eben nicht eine stetig neue
Theoriebildung, sondern polemische Kritik zur Folge haben müsste - als
vielmehr an akademischer Fortbildung und ausgewogenem Meinungsaustausch
interessiert zu sein. Zum anderen wirft man den Antideutschen vor, sich
abzuschotten. Da das Grand Hotel Abgrund in der Krise anscheinend zu
teuer war, verkrieche man sich nun in die „Winterhöhle der
Emanzipation“, also der eigenen, von „inzestuösem Verhalten“ geprägten
Szene. Dort präsentiere sich der Kritiker als harter, illusionsloser
und einsamer Mann, der dennoch dem „Elend der Welt furchtlos ins
Gesicht blickt“. Hierbei komme es zu einer „Existenzialisierung dieses
vorweggenommen Scheiterns, einem Leiden an der Marginalität (statt am
fortdauernden gesellschaftlichen Elend).“ [9] Dass die heutige Zeit
wenig Anlass zu Zufriedenheit und Zuversicht gibt und eine aufkommende
Krise diesen Zustand vermutlich nicht gerade verbessern wird, sollte
man eigentlich auch dort wahrgenommen haben, wo die linke Szene einen
Zusammenhalt stiftet und Rückzugsraum bietet, wie man es aus keiner
anderen größeren deutschen Stadt kennt. Daran sind weniger „harte“
antideutsche Ideologiekritiker als vielmehr die gesellschaftlichen
Verhältnisse Schuld, was Leuten, die so stolz auf ihr
gesellschaftskritisches Wissen sind, dass sie noch jeden Text mit einer
Unmenge halbwegs passender oder unpassender Querverweise und Zitate
spicken, eigentlich auch bekannt sein sollte. Es ist keine
Überraschung, dass sich die Kritik deutscher Ideologie in deren
Mutterland nicht allzu großer Beliebtheit erfreut, weswegen der in
Leipzig offenbar erwartete und ersehnte Ansturm der Massen auf sich
warten lässt. [10] Dass dies zwar keine erfreuliche, aber eine
möglichst zu ändernde Tatsache ist, weswegen Ideologiekritiker ihre
Winterhöhle nicht nur zur Bärenjagd, sondern gelegentlich auch zur
politischen Intervention verlassen, ist daher zweifellos richtig. Wenn
aber aus dieser Tatsache - und daher ist das Leiden an der eigenen
Marginalität auch keine existentialistische Pose, weil nur eine weit
größere Anzahl an Kritikern dem fortdauernden gesellschaftlichen Elend
auch tatsächlich ein Ende bereiten könnte - nicht die schonungs- und
illusionslose Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern das
Verlangen folgt, sich an all dem Unsinn auch noch aktiv zu beteiligen,
dann kann der Versuch, „das Verhältnis zwischen der theoretischen
Kritik der Gesellschaft und ihrer praktischen Verwirklichung
auszuformulieren“, nur noch im Ausfüllen des Mitgliedsformulars des BAK
Shalom oder einer anderen zivilgesellschaftlichen Institution liegen.
Anmerkungen:
[1] Alle nicht weiter gekennzeichneten Zitate entstammen dem besagten
Dossier aus der Jungle World.
[2] Der folgende Text kann sich leider nicht mit allen Leipziger
Stilblüten befassen, aber was soll man zu Sätzen wie „Damit einher geht
die bequeme Annahme [der Antideutschen, N.J.], dass mit Marx die
ökonomische Basis der gegenwärtigen Gesellschaft bereits hinreichend
beschrieben ist. Oftmals ist damit aber nicht mehr gemeint, als dass
bei Marx von Krisen und deren Möglichkeit die Rede ist: Und tatsächlich
– zu solchen kommt es immer wieder“ auch noch schreiben.
[3] Scheit wirft man mit vollem Ernst vor, seine Herausarbeitung der
Besonderheiten der deutschen Vergesellschaftung hätten eines
„Aufwand[es] an bedruckten Seiten“ bedurft. Da hätte man es mit der
Grundsatzerklärung des BAK Shalom natürlich leichter, ist diese doch
zumindest schön kurz.
[4] Gerhard Scheit, Jargon der Demokratie, Freiburg i. B.
2006, S. 33.
[5] Manfred Dahlmann, Souveränität und Gegensouverän, S. 259
in: Stephan Grigat, Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg
i. B. 2006.
[6] Dass das deutsche Grundgesetz den Ausnahmezustand vielmehr
institutionalisiert und verrechtlicht hat, kann bei Clemens Nachtmann, Kapitalistische
Krise und Gesellschaftsplanung in Joachim Bruhn, Manfred Dahlmann,
Clemens Nachtmann, Geduld und Ironie Freiburg i. B. 1995 und
dem Text Der Staat des Grundgesetzes vom ISF, erschienen in
der Jungle World 21/09, nachgelesen werden.
[7] So das Gruppe in Gründung-Mitglied Walter Schrotfels in seinem auf
das Gruppendossier Bezug nehmenden Debattenbeitrag In der
Winterhöhle. Anmerkung zur falschen Kritik der Realpolitik (Jungle
World 17/09, S. 19ff.).
[8] Wohin ein solches Engagement führt, kann man dann beispielsweise am
fortlaufenden Schwachsinn erkennen, den ein Sebastian Voigt (BAK
Shalom) in schöner Regelmäßigkeit in linken Medien zusammenschreiben
darf. Als Beispiel mag hier sein Beitrag Raus aus der Szene, rein
ins Leben (ebenfalls aus besagter Debatte in der Jungle World
17/09, S. 20ff.) dienen, dessen Titel im Grunde schon alles aussagt,
und in dem er mit Erkenntnissen wie der, dass ausgerechnet Greenpeace
und George Clooney als humanitärer UNO-Sonderbotschafter in Dafur
(warum nicht gleich die Linkspartei und Peter Sodann mit seiner
Anti-Graffitigruppe) „mehr zur konkreten Verbesserung der Situation von
Menschen“ beigetragen hätten als alle linken Debatten zusammen“,
aufwartet.
[9] Schrotfels, Jungle World 17/09, S. 20.
[10] Behauptet wird auch noch, die Antideutschen implizierten einen
„Zusammenhang zwischen einer vermeintlichen Stellung des Kritikers und
dem Wahrheitsgehalt seiner Aussagen.“ Das ist schlicht und einfach
gelogen und wäre natürlich auch Unsinn, denn dann besäßen ja auch die
Aussagen einer fraglos isolierten Gestalt wie Horst Mahler für
Antideutsche einen enormen Wahrheitsgehalt.
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