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Urinfläschchenkommentatoren
Über den deutschen Dopingwahn
DANIEL BÖSS
2008 war ein gutes Jahr für jene, deren Beruf es ist, gefüllte
Urinfläschchen zu kommentieren. Denn 2008 war ein olympisches Jahr. Die
Monate vor den Spielen wurden bestimmt von der Beschuldigung, dass sich
chinesische Sportler einem staatlich verordneten Dopingprogramm
unterzögen. Auch wurde der Verdacht geäußert, dass die Chinesen für
jeden Athleten zu Betrugszwecken ein Double besäßen. Spekulationen
dienten dazu, Ressentiments zu befriedigen: Investigativen Journalismus
nannte man das. Dann kam der Sommer und mit ihm ein
Kurzstreckenläufer, der die Konkurrenz dominierte wie schon lange
keiner mehr. Der Dopingvorwurf war schon ausgesprochen, bevor der
letzte Läufer die Ziellinie überschritt. Den an den Wettkampf
anschließenden Siegestanz empfand ein deutscher Sprinter
dementsprechend als ausgewachsene Demütigung. Man müsse doch ernsthaft
die Rechtmäßigkeit des Sieges in Zweifel ziehen, war aus Deutschland zu
vernehmen, wo die Athleten stets im Namen des nationalen "Wir" in
Beschlag genommen werden und wo die Verbände auf Zuruf von Seiten des
Mobs und der diesen ideologisch versorgenden Medien gegen Einzelgänger
vorgehen, die durch Zuhilfenahme unlauterer Mittel die naturverbundene
Sportkultur der Deutschen in den Schmutz ziehen. Und was für die
eigenen Jungs gilt, das gilt erst recht für die der konkurrierenden
Nationen: Nicht die mangelnden eigenen Fähigkeiten, sondern die
hochgedopten Gegner seien der Grund, weshalb der authentisch gebliebene
und "eigentlich" jegliche Chemikalien von grundauf verabscheuende
deutsche Sportler keine Siege mit nach Hause bringt. Ehrliche Arbeit,
so die einhellige Meinung, zahlt sich auch im Sport nicht aus. Und so
fühlt man sich in dem Land, in dem das "Schaffen" immer schon jenen
neidbeißerisch-schwäbischen und schon deshalb latent antisemitischen
Klang hatte, um seine Medaillen betrogen. Genauso wie das
internationale Finanzkapital angeblich dem rheinischen Kapitalismus den
Garaus gemacht hat, soll es nun der gedopte Sportler sein, der den
rechtschaffenen bedroht. Der ehrliche arbeitet an Gewichten, der
unehrliche lässt die Pharmabranche für sich arbeiten.
Fast jeder hat eine Meinung zum Doping, die meisten finden es schlecht
und einige nutzen das Thema sogar, um mit bürgerlichen Grundrechten
abzurechnen. Es sind dies vor allem die selbsterklärten
„Doping-Aufklärer“ Udo Ludwig und Werner Franke - der eine Redakteur
beim Spiegel, der andere Träger des Bundesverdienstkreuzes -,
die sich durch ihren ausgeprägten missionarischen Eifer empfehlen. In
ihrem neuesten Buch Der verratene Sport [1] versuchen sie
wieder einmal, Dopingexorzismus zu betreiben. Es werden dort
Horrorgeschichten in einem Untergangsjargon aufbereitet, der den Spiegel
stolz machen dürfte, einen solchen Mitarbeiter in seinen Reihen zu
wissen. Auf über 200 Seiten „Aufklärungsarbeit“ wird Doping für
allerhand verantwortlich gemacht: Eine „krankhafte Lust“ bescheinigen
die Autoren denjenigen, die von den Dopingmitteln nicht lassen können.
Dann werden „bizarre Zwitterwesen“ vorgestellt, die durch den
Dopingmissbrauch von ihrem naturgegebenen Geschlecht abgerückt seien.
Aber noch viel wichtiger erscheint den Autoren ein anderes Thema: Das
Individuum, das selbstbestimmt sein Leben bestreiten und also über
seinen Körper verfügen möchte, ist ihnen ein Graus. Um dieses zumindest
im Sport bekämpfen zu können, stellt das Gespann einen
„15-Punkte-Rettungskatalog“ vor. 24-Stunden-Kontrollsysteme werden
genauso gefordert wie ein lebenslanges Berufsverbot für alle, die in
den Dopingkontrollen positiv aufgefallen sind. Ein „radikaler
Repressionsapparat“ soll eingerichtet werden, der weit „über die Grenze
des bisher Vorstellbaren“ seinen Dienst tut. Eine internationale
Eingreiftruppe für Dopingkontrollen, die zum Zweck der schnellen
Intervention keiner Visapflicht unterliegen dürfe, müsse, so Ludwig und
Franke, schleunigst installiert werden. Das, was die UNO auf der
politischen Ebene gerne wäre, aber niemals sein wird, soll im Sport
Wirklichkeit werden: Ein Weltpolizist für Dopingfragen, der immer dann
eingreift, wenn es brennt.
Legt man das Buch beiseite und betrachtet die gegenwärtig gängigen
Methoden der Dopingkontrollen, stellt man fest, dass die Vorstellungen
der Autoren in großen Teilen bereits umgesetzt wurden. Mit Jahresbeginn
nämlich wurde die propagierte Rettung des Sports praktisch eingeleitet.
Der Athlet wird von nun an unter Generalverdacht gestellt. Das gesamte
Leben muss dokumentiert werden, 24 Stunden pro Tag, drei Monate im
Voraus. Und dies zu dem Zweck, dass Kontrolleure jederzeit unangemeldet
erscheinen können, um den Sportler wissen zu lassen, dass Privatsphäre
für ihn ein nicht existierendes Recht ist. Der Körper wird zum
Besitzstand des Sportverbandes. Er kann angezapft werden, wann immer
die Offiziellen dies für nötig erachten. Dem Athleten bleibt keine
andere Wahl als sich zu fügen. Dies sei erforderlich, um dem Sport
seinen alten Glanz zurückzugeben, erfährt man in den unterstützenden
Medien. Der Sportler, der sich der Überwachung unterzuordnen hat, wird
ausgeblendet. Niemand möchte einen weiteren Sendungsabbruch der Tour
de France erleben - dann lieber die totale Überwachung. Und diese
ist auch nach Meinung des sportbegeisterten Publikums wichtig. Denn der
„Dopingsumpf“ müsse endlich ausgetrocknet werden. Doping - die
„Pestbeule“, das „Krebsgeschwür“ - muss mit den ehernen Idealen des
Sports selbst geheilt werden. Es sind die Ideale des Fair Play und
der Sauberkeit oder Natürlichkeit, die trotzig verteidigt werden. Der
„saubere“ Sport dient als Vorbild der Gesellschaft.
So schwört auch die Berufspolitik auf das Bild des Sports als wichtigem
Kulturgut, das geschützt werden müsse. Das 2007 verabschiedete
Antidopinggesetz etwa begründete der Bundestag folgendermaßen: „Die
Bundesregierung sieht sich den ethisch-moralischen Werten des Sports
und der Volksgesundheit verpflichtet. Doping zerstört diese Werte,
täuscht die Mitstreitenden im Wettkampf, die Öffentlichkeit sowie die
Veranstalter und gefährdet nicht zuletzt die Gesundheit der
Sportlerinnen und Sportler.“ [2]
Zwei Fraktionen, denen das Thema der Volksgesundheit schon immer so
richtig am Herzen lag, bekämpfen die Gesetzgebung mit besonderer
Vehemenz: Die Rede ist von den Grünen und der Linkspartei. Das
vorliegende Gesetz erscheint ihnen als zu halbherzig, denn ihr Anliegen
ist die rückhaltlose Verfolgung und harte Bestrafung aller
Dopingsünder. So fordert etwa Renate Künast, dass das bestehende
Strafrecht zur Ahndung von Dopingvergehen konsequenter als bisher
angewendet wird. Kein Dopingsünder solle mehr durch das Netz der
Kontrollen entkommen können; Forderungen, wie sie Ludwig und Franke
nicht besser hätten zu Papier bringen können.
Was der öffentlichen Auseinandersetzung mit Doping zugrunde liegt, ist
die Vorstellung, dass der 'richtige' und 'gute' Sport durch den
Dopingmissbrauch zerstört wird. Doping alleine ist es, das für den
Niedergang, die Verkommenheit, ja die Zerstörung des wahren, also
reinen und unverfälschten Sports verantwortlich gemacht wird. Doch
genau jener als unschuldig verstandene Sport hat in seiner modernen
Ausprägung einen expliziten Auftrag, denn Sport ist mehr als das
freiwillige Schinden des Körpers zum Zwecke seiner Verwertbarkeit. Die
Sphäre des Sports ist zwar einerseits das Spiegelbild der Gesellschaft,
andererseits aber erscheint sie vollständig unabhängig von den
gesellschaftlichen Verhältnissen und als Raum, in dem das, was das
Feuilleton "Werte" nennt, seine Heimat hat: Im Sport findet das
Leistungsprinzip, jenes Grundprinzip der bürgerlichen Gesellschaft, zu
sich selbst. Er ist geprägt von der völligen Rücksichtslosigkeit
gegenüber individuellen, über das perfekte Funktionieren hinausgehenden
Bedürfnissen. Das einzige Ziel ist der Sieg, denn schon der zweite
Platz ist eine Niederlage. Dass auch dem Zweiten und Dritten eine Ehre
zuteil wird, ist eine Erfindung der modernen olympischen Spiele. Jedoch
dient diese Ehre vor allem dazu, den Sieger noch herausragender
erscheinen zu lassen. Allerdings korrespondiert dem Ideal des
verbissenen Kämpfers auch das des verantwortungsbewussten
Staatsbürgers. Der Athlet soll im Auftrag der Gemeinschaft streiten und
nicht für seine egoistischen Begehrlichkeiten. Und er muss - will er
Publikumsliebling bleiben und der öffentlichen Schmähung entgehen -
"bodenständig" bleiben, d.h. allzeit bereit sein, den Fans das zu
sagen, was sie hören wollen. Der Sport führt somit nicht nur in
fetischisierter Weise die Prinzipien vor, die der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung existentiell sind, sondern bedient zugleich die
ihr entspringenden und vom Staat propagierten ideologischen Bedürfnisse
der Warenhüter.
Es war Pierre de Coubertin, der mit der Einführung der neuzeitlichen
olympischen Spiele dem Sport seinen pädagogischen Auftrag erteilte.
Ausschlaggebend war seine ablehnende Haltung gegenüber dem
gesellschaftlichen Zustand des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Emanzipationsbemühungen, die sich der Selbstbestimmung des Individuums
verschrieben, erklärte er den Kampf. Die ideelle Zuflucht fand er dabei
in der noch jungen Ordnungswissenschaft Soziologie. Sie gab ihm die
Zuversicht, dass der Individualisierungsprozess der Moderne noch
gestoppt werden könne. Als Hilfsmittel sollte der Sport fungieren.
Sportliche Ertüchtigung, so die Meinung Coubertins, solle dem Zweck
dienen, die degenerierten Völker zu aktivieren, um somit das dekadente
Zeitalter zu überwinden und wieder zu einer homogenen Gemeinschaft
zurückzufinden. Der Sport sollte, als Therapie angewendet, der modernen
Gesellschaft zur Genesung verhelfen. Als reaktionärer Bezugspunkt
diente das verklärte antike Griechenland, das als ideale Gesellschaft
präsentiert wurde. Es dürfte nicht verwundern, dass der erklärte
Wagnerianer Coubertin ausgerechnet in den olympischen Spielen von 1936
im nationalsozialistischen Deutschland die perfekt inszenierte
Vollendung seiner Vorstellungen am Werk sah. Dementsprechend war der
Gründer der olympischen Spiele und des modernen Sports Coubertin
ausgerechnet von der nationalsozialistischen Ideologie, die das
Individuum in der Masse auflösen will, tief beeindruckt. Der
bedingungslose, selbstaufopfernde Kampf für das Vaterland war die
Botschaft, die Nazideutschland vermittelte, und jene war es auch, die
Coubertin über Jahrzehnte in die Welt trug.
Das agonale Prinzip des modernen Sports entspringt der
gesellschaftlichen Synthesis, dem Wert. Doch davon möchte der
Empörungsjournalismus nichts wissen. Er verteidigt weiterhin den
ehrlichen Sport gegen das Verderben des Dopings. Er erklärt, dass der
Sinn des Sports durch den Dopinggebrauch verloren gehe. Auf
argumentativ morschem Fundament wird der natürliche Amateursport
beschworen, der noch die einstigen Ideale in sich trage und nicht
vollends durch den professionell betriebenen Sportbetrieb ersetzt
werden dürfe. Diese naive und grundfalsche Unterscheidung, die nicht
erkennen möchte, dass im Amateursport die gleichen Prinzipien herrschen
wie im professionell betriebenen, wurde auch von Coubertin getroffen.
Er versuchte sein Programm von Beginn an explizit von den schon im 19.
Jahrhundert in Gang gesetzten Professionalisierungstendenzen des Sports
in den USA abzusetzen. Sein Ziel war, den richtigen Sport im falschen
Ganzen zu propagieren, um zum richtigen Ganzen zurückzufinden. Ein
ideologischer Winkelzug, der bis heute in der Dopingdiskussion immer
wieder auftaucht.
Betrachtet man die bisher vorgestellten Argumente derer, die das Dopen
im Sport rundherum ablehnen, und hier insbesondere die Erklärung des
Bundestages, dann lassen sich verschiedene Begründungsstrategien
herausarbeiten, die allesamt einen mythologischen ehrlichen Sport
propagieren: Zuvorderst wird das Prinzip der Chancengleichheit in
Anschlag gebracht. Jenes Prinzip, auf das der moderne Sport so stolz
ist, werde durch den Einsatz von Doping außer Kraft gesetzt, so die
Einheitsmeinung. Dabei ist es nicht erst das Doping, welches das
Gleichheitspostulat zur Farce werden lässt. Denn die vermeintliche
Chancengleichheit am Start verdeckt die faktische Ungleichheit, die
ohnehin durch unterschiedliche Trainingsverhältnisse und Möglichkeiten
der weiteren Wettkampfvorbereitungen vorhanden ist. So kann sich der
eine Verband das Höhentraining leisten, welches dem Athleten einen
entscheidenden Wettbewerbsvorteil erbringt, wohingegen dem anderen
Verband diese Möglichkeit nicht gegeben ist. Nicht anders sieht es in
der Materialforschung aus: Verfügt der Verband nicht über die
finanziellen Möglichkeiten, eigene Forschung zu betreiben, muss er
stets einen Nachteil gegenüber der Konkurrenz durch den Einsatz
neuester Techniken befürchten. Nicht erst der Gebrauch von Doping,
sondern schon die Möglichkeit oder eben Nichtmöglichkeit der Sportler,
auf ein Heer von Medizinern, Sportwissenschaftlern, Ernährungsberatern,
Psychologen usw. zurückzugreifen, verbannt die Chancengleichheit in das
Land des Mythos. Sämtliche Bemühungen des Sportlers und seiner Betreuer
sind einzig darauf ausgerichtet, die Chancengleichheit schon vor Beginn
des Wettkampfes außer Kraft zu setzen.
Ein weiteres Argument, das gerne Verwendung findet, ist das der
Gesundheit. Denn der gedopte Sportler schadet fahrlässig seinem Körper
durch den Einsatz der Mittel. Kein Wort aber hört man von dem
gesundheitsgefährdenden Potential des Hochleistungssports an sich. Doch
sind antrainierte Spätschäden ehemaliger Athleten keine Seltenheit,
sondern die Regel. Der ruinöse Umgang mit dem eigenen Körper, der
Voraussetzung des modernen Sports ist und dessen Resultate der
Altersverkrüppelung des klassischen Proletariers nur wenig nachsteht,
wird nicht wahrgenommen. Auch Sportunfälle werden übersehen, wenn sie
nicht mit Doping in Verbindung gebracht werden können. Sie sind
tragische Einzelfälle, die den Sport selbst jedoch nicht tangieren. Es
soll einzig das Doping sein, das dem Körper und dem Sport Schaden
zufügt.
Doch was ist Doping überhaupt? Lange Zeit wurde versucht, dem Wesen des
Dopings auf die Spur zu kommen, um es definitorisch fassbar zu machen.
So verabschiedete der Europarat im Jahr 1963 folgende Deklaration:
„Doping ist die Verabreichung oder der Gebrauch körperfremder
Substanzen in jeder Form und physiologischer Substanzen in abnormaler
Form oder auf abnormalem Weg an gesunden Personen mit dem einzigen Ziel
der künstlichen und unfairen Steigerung der Leistung für den Wettkampf.
Außerdem müssen psychologische Maßnahmen zur Leistungssteigerung des
Sportlers als Doping angesehen werden.“ [3] Spätere Definitionen
verabschiedeten sich von einer Wesensbestimmung. Laut den aktuell
geltenden Richtlinien ist ein Dopingmittel genau das, was der Verband
als ein solches bezeichnet. Doping ist, was den Weg auf die Dopingliste
gefunden hat. Mehr nicht. Eine pragmatische Dopingdefinition nennt man
das, wobei pragmatisch in diesem Fall ohne weiteres mit beliebig
gleichgesetzt werden kann. So finden sich auf der Liste Stoffe von
Anabolika über EPO bis Cannabis und Koffein, die sämtlich das Kainsmal
des Dopings tragen. Was Doping ist, wird nun nicht mehr seinem Wesen
nach bestimmt, doch die moralischen Vorstellungen, die den
Antidopingwahn antreiben, bestehen weiter fort. Und da der Sport den
Auftrag der Vorbildfunktion übernimmt, dient die Liste auch dazu, das
richtige, also staatskonforme Leben vorzuführen. Dies dürfte
beispielsweise der Grund dafür sein, dass Cannabis, dessen Einnahme aus
ersichtlichen Gründen nicht zur Leistungssteigerung eines Sportlers
führt, unhinterfragt auf der Dopingliste steht.
Seit nunmehr über 100 Jahren wird mit dem Sport Ideologie vom Feinsten
transportiert. Athleten sind gern geladene Gäste in Talkshows und der
Politik, wenn es darum geht, das Bild des entbehrungsreichen, aber
erfüllten, da erfolgreichen Lebens zu repräsentieren. Und besonders
erfolgreich ist der, der sämtliche Energien auf das einzige Ziel
konzentriert, das wirklich zählt: Der Sieg in der direkten
Konfrontation des Wettkampfes. Nicht die unproduktiven Eigenschaften
des Müßigganges oder der Lethargie, sondern die reine, auf Effizienz
beruhende Produktivität vermittelt der Auftritt des erfolgreichen
Athleten. Er stellt sich tagtäglich der Herausforderung und
Krisenmomente werden von ihm mit Bravour gemeistert. Verborgen bleibt,
dass auch der Sportler keine andere Wahl hat. Denn Hochleistungssport
ist wie das Malochen des Stahlarbeiters keine Freude, sondern dient
einzig dem Zweck der Existenzsicherung. Aus diesem Grund ist der Athlet
regelrecht aufgefordert, die Aura des reinen Sports zu erhalten. Er
muss, um das eigene Überleben zu sichern, öffentlich dem Doping
entsagen oder es zumindest abstreiten. Es ist die vorausgesetzte
Vertragsklausel, die jeder einzuhalten hat, der Teil des Sportbetriebs
sein möchte. Tut er dies nicht und lüftet stattdessen den ideologischen
Schleier des Sports, der dann nichts weiter als das Ebenbild der
Gesellschaft zurücklässt, wird er zum Aussätzigen. Ihm winken dann
keine lukrativen Beschäftigungen nach Beendigung der eigenen
Sportkarriere, sondern ein Leben in Armut.
Der Sportbetrieb ist gnadenlos. Wer mitspielt und sich den Prinzipien
unterwirft, kann gewinnen, wer nicht mitspielt, hat von Beginn an
verloren. Der Sport macht schon vor, wo die Gesellschaft noch
hingeführt werden soll. Aus diesem Grund ist das verschleiernde Moment
von solcher Relevanz: Denn wo die demokratisch verfasste Gesellschaft
an ihre selbst auferlegten Handlungsgrenzen stößt, muss die Ideologie
die Aufgabe der Zurichtung übernehmen. Es ist der Sport, der sich dafür
besonders empfiehlt, da in ihm die monotone Wiederholung im
Trainingsalltag sowie der Wettkampfsituation Gesetz ist. Er formt den
perfekten, den unmündigen Menschen, der niemals hinterfragt, sondern
einfach nur macht. Dadurch lässt sich jene Sonderfunktion erklären, die
dem Sport in der Gesellschaft zugesprochen wird. Es ist nicht das Bild
des besseren Lebens, sondern jenes des effizienteren, das über den
Sport vermittelt wird und das ihn so erfolgreich macht.
Dabei ist es bereits ideologisch, davon zu reden, Doping sei eine
Gefahr für den Sport, denn Hochleistungssport und Doping sind
prinzipiell untrennbar. Das auf die Spitze getriebene Leistungsprinzip
verlangt nach leistungssteigernden Mitteln und so wird es ohne Doping
auch keinen Spitzensport mehr geben. Trotzdem wird gerade das Doping
allzu oft für den Niedergang des Sports verantwortlich gemacht. Es
begleitet den Sport als dunklen Schatten. Doping müsse nur stärker
verfolgt werden, damit man es in den Griff bekomme. Diejenigen, die
sich dem dualistischen Bild von Sport und Doping verschreiben, können
nur moralisch erklären, weshalb Athleten trotz besseren Wissens durch
den Einsatz der Mittel ihre Gesundheit gefährden. Und sie können gar
nicht erklären, warum im Amateursport der Dopinggebrauch epidemische
Ausmaße angenommen hat. Sie haben keinen Begriff von diesen Phänomenen,
denn Doping erklärt nichts, wenn man die Abhängigkeit des Sports vom
Zustand der Gesellschaft nicht erkennen will. Kurz: Sie verstehen
nicht, dass Doping eine zwingende Notwendigkeit des modernen Sports
ist.
Der Sport wird auch weiterhin von der Gesellschaft positiv abgehoben
werden, wohingegen Doping als abzulehnendes Moment verurteilt wird. Zu
stark ist der Sog der ideologischen Verblendung. Die Sportindustrie hat
dies erkannt. Sie muss mitspielen, muss öffentlich das Doping
verdammen. Zu diesem Zweck werden regelmäßig Athleten in öffentlich
gemachten Verfahren abgeurteilt. Vom Sportler wird erwartet, dass er
sich der Entscheidung beugt und zum Büßer wird. Wen es trifft, kann
nicht vorhergesagt werden. Jan Ulrich ist es widerfahren. Von ihm wurde
nach Bekanntgabe der ersten Dopingvorwürfe erwartet, dass er freiwillig
den Gang nach Canossa antritt. Sein Benehmen jedoch entsprach nicht den
Erwartungen, es wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde zur persona non
grata erklärt, denn er gefährdete den das Image des Sports als
ganzes.
Die olympischen Spiele 2008 schließlich präsentierten einen weiteren
Opponenten des Sports. Mit dem jamaikanischen Sprinter Usain Bolt trat
erstmals ein Athlet in die geheiligte Arena Olympias, der sich
offensichtlich und ganz bewusst über alle Regeln hinweg setzte, die dem
Sport als ideologisches Schmiermittel dienen. Sein 100 Meter Endlauf
war die öffentliche Demonstration des Unmöglichen. Der Lauf, der von
ihm wie die langweiligste Nebensächlichkeit der Welt bestritten wurde,
vermittelte dem Publikum nur eines: ‚Traut euren Augen nicht. Alles was
ihr seht, ist ein großer Schwindel.‘ Bolt demaskierte den Sport,
indem er ihn seiner Aura beraubte. Er versuchte nicht einmal mehr so zu
tun, als sei er nicht gedopt. Indem er den Sport als lästiges Beiwerk
und seinen eigenen Auftritt als den eigentlichen Moment begriff,
verriet er den Sport. Der US-amerikanische Schwimmer Michael Phelps
befolgte noch jene Regeln des Sports, die Bolt als bedeutungslos
erachtete. Usain Bolt zeigte der Welt die Fratze, die sie nicht sehen
will. Die Offiziellen wussten genau wie das Publikum nicht recht mit
dem Geschehen umzugehen. Das narzißtische Verhalten Bolts traf sie
unvorbereitet. Sie konnten nur rügen, mehr blieb ihnen angesichts des
drohenden Niedergangs nicht übrig. Bolt hat die Erhabenheit des Sports
eingeebnet, zurück blieb nur leeres Erstaunen.
Und wie wurde dieser Bruch in Deutschland verhandelt? Hier wurde Bolts
Verhalten mit besonderer Vehemenz verurteilt. Er wurde verdammt und als
Verräter gebrandmarkt. Indem er den dopingfreien Sport als Chimäre
bloßstellte, verriet er mehr über ihn, als hierzulande gehört werden
möchte. Sein Auftritt wurde ihm von den Deutschen wahrhaft übel
genommen. Der deutsche Protest übertönte bei weitem den der
internationalen Presse. Was man hierzulande nicht wissen möchte ist,
dass es, solange es die kapitalistisch organisierte Gesellschaft gibt,
auch den gedopten Athleten geben wird. Genauso wie der Banker, der
seine 80-Stunden-Woche nur mit aufputschenden Drogen überstehen kann,
muss der Hochleistungssportler auf jene Mittel zurückgreifen, die seine
Regenerationsphasen auf ein Minimum reduzieren. Eine Trainingspause
kann er sich nicht leisten. Der Sport fordert nur die höchsten
Leistungen und lässt fallen, wer diese nicht liefert. Doch weiterhin
wird rabiat gegen Dopinggebrauch im Sport vorgegangen werden. Zuviel
steht auf dem Spiel. Eine völlige Freigabe würde bedeuten, dass im
Sport das Ebenbild der Realität erkannt würde. Der Sport als Ganzes
könnte seinen Reiz verlieren. Ihm würde jene vielbeschworene
Vorbildfunktion abhanden kommen.
Anmerkungen:
[1] Franke, Werner/Ludwig, Udo (2007), Der verratene Sport. Die
Machenschaften der Doping-Mafia. Täter, Opfer und was wir ändern müssen,
München.
[2] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/055/1605526.pdf.
[3] Bette, Karl-Heinrich (2006), Doping im Hochleistungssport,
Frankfurt/M.
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