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German Images (7)
„Gegen antisemitischen Auswüchse“
RAINER WASSERTRÄGER
Wenn in Hamburg mal wieder rote Nazis ihren Wahn ausleben, dann
schreien alle „Skandal!“ und „Übergriff!“. Während die Skandalisierung
angesichts der Periodizität der antisemitischen Gewaltausbrüche immer
lächerlicher wirkt, hat die Bezeichnung „Übergriff“ tatsächlich etwas
wahres an sich: Ein Übergriff war die Verhinderung der Aufführung des
Lanzmann-Films Pourquoi Israel tatsächlich in dem Sinne,
dass die Antiimperialisten mit dieser Aktion dank der medialen
Aufmerksamkeit tatsächlich über den szeneüblichen Konsens
hinausgegangen sind. Sie sind, so könnte man im Sozialarbeiterjargon
sagen, übers Ziel hinausgeschossen. Proisraelische Demonstrationen
angreifen, das ist okay, das muss man tolerieren, aber einen Mann
anzugreifen, der in der Diktion der Hamburger Gruppe Kritikmaximierung
Holocaust-Überlebender, Sartre-Freund und Künstler in einem ist, das
geht zu weit. Deshalb organisierte man eine Demonstration für den guten
Ruf der Hamburger Linken, um unmissverständlich das Signal auszusenden:
Das war ein Übergriff, den wir, die Hamburger Linke, scharf
verurteilen!
Demzufolge durfte eine Gruppe, die den Hamburger Konsens allzu
offensichtlich zur Sprache bringen wollte und die sich konsequent gegen
"antisemitischen Auswüchse" stellt, ihren Redebeitrag auf der Demo
nicht halten: Die Gruppe 170, deren "zensierten" Beitrag wir hier
vollständig dokumentieren wollen. Weitere Erläuterungen sind
überflüssig, denn der Text spricht für sich selbst:
Der Film ‚Warum Israel' von Claude Lanzman muss gezeigt
werden. Dieser Film, der den Staat Israel diskutiert, muss gezeigt
werden. Es darf keinen Zweifel daran geben, dass über den Staat Israel
diskutiert werden kann. Die Diskussion über Israel hat aber die
logische und notwendige Voraussetzung, das Existenzrecht Israels ein
für alle Mal anzuerkennen. Das heißt: Jede Rhetorik, die mit Parolen
wie 'Werft sie zurück ins Meer' arbeitet, außerhalb des
Diskussionszusammenhangs zu stellen und als das zu benennen, was sie
ist: antisemitische Hass - und Vernichtungsrhetorik!
Die Diskussion über Israel hat auch die logische und notwendige
Voraussetzung, Kritik an der Politik des Staates Israel zuzulassen. Das
heißt: Kritik an den aggressiven Anteilen der israelischen Politik des
States Israel nicht reflexhaft mit der stereotypen Anklage des
Antisemitismus zu begegnen. Eine kritiklose Zuwendung kennt keine
Diskussion, nimmt den Staat Israel nicht ernst und fällt abgesehen
davon hinter Positionen des israelischen Linken zurück.
Wie gesagt: Die Auseinandersetzung mit Israel muss möglich sein. Nichts
anderes tut dieser Film. Jenseits aller politisch und neurotisch
gespeisten Extreme setzt dieser Film sich mit dem Staat Israel
auseinander. Das muss das Hauptargument zur Haltung zu diesem Film sein.
Dass es ein recht alter Film ist, der eigentlich niemanden mehr so
recht aufregen dürfte, ist zweitrangig.
Dass es ein Film von Claude Lanzman ist, der vor allem durch sein
späteres Werk 'Shoah' zu Recht hohes Ansehen und Würde genießt, ist
zweitrangig.
Was vor allem zählt: Mit diesem Film wird eine vernunftbestimmte
Auseinandersetzung mit dem Staat Israel angestrebt.
Wir erteilen allen und allem, die dieses nicht zulassen wollen, hiermit
eine radikale und vollständige Absage.
Vermutlich hätte dieser Film an keinem anderen Ort in Hamburg eine
solche Eskalation bewirkt. Welche Ziele und Absichten eine antideutsche
Gruppe damit verbindet, diesen Film in allernächster Nähe zu einem
Zentrum internationalistischer antiimperialistischer Gruppen zu zeigen,
muss offen bleiben. Das Provokative dieses Vorhabens hingegen ist
offensichtlich: Nicht etwa wegen des Films, sondern wegen der
unversöhnlichen Feindschaft zwischen den beteiligten Gruppen. Jenseits
dieser unversöhnlichen haben wir auch als Gruppe größte Schwierigkeiten
mit der Theorie und Praxis antideutscher Gruppen. In aller
Deutlichkeit: Wir wollen keine, und damit meinen wir keine
Nationalfahnen sehen. Die Nation ist für uns keine politisch legitime
Struktur: keine Nation. Dies ist uns ein wichtiger politischer
Anspruch, den wir zumindest auf den von uns organisierten
Demonstrationen durchsetzen. Daher wehren wir uns hiermit gegen die
unerträgliche und politisch unscharfe Aneinanderreihung im Aufruf zur
heutigen Demonstration. Die Antifaschistinnen und Antifaschisten, die
2004 auf unserer Demonstration in Barmbek keine Nationalfahnen
zuließen, sind nicht eines Geistes mit Antisemiten, wegen derer wir
heute hier auf der Straße stehen. Wir folgen nicht der platten
Rhetorik, die da sagt: Jede und jeder, die mit Antideutschen
Auseinandersetzungen führt, ist allein aus diesem Grund antisemitisch.
Noch ein mal klar und deutlich: auch mit dieser Rhetorik können
Antideutsche die autonome Bewegung weder spalten noch zerstören.
Doch auch diese Gedanken sind heute zweitrangig angesichts der
ursächlichen Forderung nach der Möglichkeit zur vernunftbestimmten
Auseinandersetzung um Israel. Es geht uns heute vor allem um eines: Wir
alle hier demonstrieren, dass wir es aus Gründen der politischen Kultur
wichtig finden, den Film ‚Warum Israel' zu zeigen.
Angesichts der Auseinandersetzungsformen der Blockierer des Kinos am
25.10. sagen wir in aller Solidarität: Wir sind eure schwulen
Judenschweine.
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