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Moschee des Schadens
ESTHER MARIAN über die Krise der Islamischen
Republik
Iran
Prodomo: Wenn in der Kommentarspalte eines deutschen
Provinzblattes statt der üblichen Gesinnungsartikelchen ein
umstürzlerisches Pamphlet zu finden ist, muss etwas Außergewöhnliches
geschehen sein. Am 28.12.2009 veröffentlichte der Kölner
Stadtanzeiger einen Kommentar eines Tobias Kaufmann mit dem Titel
„Revolution für den Iran!“. Was ist da passiert?
Esther Marian: Inzwischen ist die Stimmung in
den internationalen Massenmedien eine andere. Die Unruhen im Iran seien
vorbei und die Islamische Republik habe sich konsolidiert, war der
Tenor der Kommentare, nachdem die Regierung am 11. Februar, dem 31.
Jahrestag des Zusammenbruchs der vom Schah eingesetzten Regierung
Bakhtiar, gezeigt hatte, dass sie noch immer Jubiläumsfeiern abhalten
kann, wenn sie ihre Anhänger aus allen Teilen des Iran mit Bussen nach
Teheran karrt, an allen strategisch wichtigen Straßenecken bewaffnete
Milizen postiert und im Vorfeld Tausende verhaftet. Jeder, auch die
Regierung selbst, hatte an diesem Tag mit einem großen Showdown
gerechnet, nachdem es Aufrufe gegeben hatte, die Feierlichkeiten auf
dem Azadi-Platz in Manifestationen gegen den Revolutionsführer
Khamenei, Ahmadinejad und die Islamische Republik umzufunktionieren und
dann zu versuchen, von dort aus die Stadt zu übernehmen. Als der
Showdown ausblieb und die Gegendemonstrationen kleiner ausfielen als
erwartet, proklamierten die Regimevertreter ihren triumphalen Sieg. Das
heißt nicht, dass die Unruhen, die mit den Präsidentschaftswahlen im
Juni begannen, wirklich zuende sind, aber auch die Gegenseite hat
diesen Tag als Einschnitt wahrgenommen. Derzeit scheint auch im Iran
selbst niemand wirklich zu wissen, wie es weiter geht.
Als der Kölner Stadtanzeiger von Revolution sprach, stand
hingegen jeder unter dem Eindruck der Aschura-Demonstrationen vom 27.
Dezember, die ebenfalls eine offizielle Feierlichkeit
zweckentfremdeten. An diesem Tag erlitt das Regime eine schwere
Niederlage: Polizei, Basij und andere Milizen wurden von Demonstranten,
die ganze Straßenzüge Teherans und anderer Städte unter ihre
Alleinkontrolle brachten, überwältigt, und YouTube-Videos von
verängstigten, in eine Ecke gedrängten Polizisten und brennenden
Polizeivehikeln machten die Runde. An diesem Tag sah es so aus, als
werde sich die Islamische Republik nicht mehr lange halten können.
Deshalb sind die riots in den internationalen Medien bis
hinunter zum Lokalblatt in den Schlagzeilen gelandet. Nicht jeder war
von dieser Aussicht so begeistert wie der Kölner Stadtanzeiger:
auf Radio Köln hieß es, nun müsse Mousavi die Situation retten, weil
sonst die Unruhen außer Kontrolle zu geraten drohten.
Dieser komplette Stimmungswandel in einer vergleichweise kurzen
Zeitspanne ist kennzeichnend für die Situation im Iran, wo sich derzeit
in einer Woche so drastische Veränderungen vollziehen können wie sonst
nur in Jahren und wo das, was man vor einigen Tagen gesagt oder gedacht
hat, oft heute schon veraltet ist. Von dem Ausgang eines einzigen
Demonstrationstages hängt ungeheuer viel ab, und ob eine
Regierungsmaßnahme auf öffentlichen Widerstand trifft oder nicht, kann
das ganze Bild verändern. Weil es unmöglich ist vorauszusehen, was noch
unentschieden ist und nur praktisch entschieden werden kann, kann man
auch nicht sagen, ob es sich bei dem, was passiert, um eine Revolution
handelt in dem Sinn, dass die Islamische Republik bald am Ende ist.
Diese Unentscheidbarkeit hängt auch mit der inhaltlichen
Widersprüchlichkeit der Protestbewegung zusammen, die sich als „Green
Movement“ konstituiert hat: Sie hat sich von den Denkformen der
Islamischen Republik bislang nicht vollständig emanzipiert, so dass
nicht sicher ist, ob sie nicht manches Unheil reproduziert, statt es
abzuschaffen oder ob sie, was dasselbe ist, aufgrund ihrer inhaltlichen
Schwäche eine Niederlage erleidet. Eben deshalb, weil man das Resultat
der Ereignisse nicht kennt, ist es extrem schwierig, überhaupt
Einschätzungen dessen abzugeben, was geschieht.
In klassischer Diktion würde man vielleicht sagen, dass sich die
Islamische Republik in einer tiefen Krise befindet, oder dass die
Situation eine revolutionäre ist. Aber der Begriff der revolutionären
Situation selbst unterliegt der Kritik, die aller linearen
Geschichtsphilosophie gilt: Statt revolutionäre von nichtrevolutionären
Zeiten abzugrenzen, als ob deren Abfolge vorbestimmt wäre, käme es
vielmehr darauf an, die spezifische revolutionäre Chance jedes
Augenblicks zu erkennen. Die Besonderheit ist vielleicht, dass es
scheint, als sei im Iran in einer Abfolge von Ereignissen eine solche
Chance stets von neuem ergriffen worden und als breche jedesmal, wenn
das geschieht, die Islamische Republik ein Stück weiter zusammen. Dabei
ist zu bedenken, dass dieser Zusammenbruch im Grunde die Existenzweise
der Islamischen Republik ist: Sie ist von Haus aus Krisenbewältigung,
eine Scheinlösung der Krise der nachholenden Modernisierung. Die
Dynamik der Situation entfaltet sich deshalb als Wechsel oder auch
Ineinander von Revolution und Konterrevolution.
Schon die Entscheidung, Ahmadinejad ein so überwältigendes Wahlergebnis
zu verschaffen, dass nur ein paar westliche Kommentatoren die Zahlen
wirklich ernst nahmen, war nicht einfach ein Fehler Khameneis und
derjenigen, die an der Auszählung beteiligt waren. Vielmehr stellte
dieser Schritt bereits den Versuch dar, einen Ausweg aus einer Krise zu
finden, die in Khameneis Freitagspredigt vom 19. Juni durchscheint: So
oft wird wiederholt, diese „historische“ Wahl mit ihrer hohen
Wahlbeteiligung zeige die Loyalität der Bevölkerung zum Islam und zum
islamischen System, dass sich schon daraus entnehmen lässt, dass es mit
eben dieser Loyalität nicht weit her sein kann. Tatsächlich haben sich
im Iran vor allem in den Städten, aber nicht nur dort, im letzten
Jahrzehnt Auffassungen von Freiheit und ungegängeltem individuellem
Glück durchgesetzt, die zu den ideologischen Fundamenten der
Islamischen Republik in äußerstem Widerspruch stehen und sie in ihrer
Substanz bedrohen. Wenn Mousavi und Karoubi auch keineswegs für diese
Tendenzen stehen, so haben sie doch, schon weil sie als
anti-Ahmadinejad-Kandidaten auftraten, in ihren Wahlkampagnen an die
freiheitshungrige städtische Jugend appelliert, und Ahmadinejad, der
Kandidat der Massenrackets Revolutionsgarden und Basij, musste
demgegenüber als der sicherere Kandidat erscheinen. Eben diese
offenkundige Entscheidung Khameneis – der, unter dem Druck der
Revolutionsgarden stehend, anders als bei vergangenen Wahlen auch
öffentlich seine Präferenzen bekanntgab – hat eine Dynamik in Gang
gesetzt, in der jeder Schritt, den er unternimmt, um den Zusammenbruch
der Islamischen Republik zu verhindern, diesen Zusammenbruch weiter
beschleunigt. Die Pointe dabei ist, dass diese Dynamik nicht einfach
vorgegeben ist, sondern davon abhängt, ob und wie die Gegenseite jeden
einzelnen seiner Schritte beantwortet. Im Fall des offiziellen
Wahlergebnisses bestand diese Antwort in Massenprotesten, zu denen,
wenn man dem Bürgermeister von Teheran glauben darf, allein in der
Hauptstadt täglich bis zu drei Millionen zusammenkamen, und die dem
islamischen System nicht gerade ein überwältigendes Vertrauen
aussprachen. Weil sie implizierten, dass der Revolutionsführer und
Stellvertreter des verborgenen 12. Imams Mahdi, des schiitischen
Messias, ein Scharlatan ist, stellten sie als solche schon einen
Angriff auf die Doktrinen der Islamischen Republik dar. Kein Wunder
daher, dass Khamenei sie auch als solche auffasste – und dem Realismus
seines Bedrohungsgefühls tut die Wahnhaftigkeit, mit der er sie als
Komplott „zionistischer Agenten und ihrer Diener“ sowie anderer „Feinde
des iranischen Volkes“ bezeichnete, keinen Abbruch. Ebensowenig
verwunderlich ist, dass er die Debatte relativ schnell für beendet
erklärte und allen, die das offizielle Ergebnis nicht akzeptierten, mit
Blutvergießen drohte, für das sie gegebenenfalls selbst verantwortlich
seien. Genau diese Drohung, der einzig denkbare Schritt, mit dem er
seine Autorität und die der Islamischen Republik wiederherstellen
konnte – denn jedes Zugeständnis hätte geheißen, die Möglichkeit eines
großangelegten Wahlbetrugs einzuräumen – hat wie nichts anderes seine
Autorität und die seines Postens beschädigt. Nicht dass dies die
zwangsläufige Folge einer solchen Drohung wäre. Auch hier ist die
Reaktion der Adressaten ausschlaggebend: Wenn Mousavi eingelenkt hätte
und am Tag nach der Freitagspredigt alles ruhig gewesen wäre, dann
hätte sich Khamenei in seiner Macht behauptet oder diese noch
gesteigert. Es ist jedoch das Gegenteil eingetreten: schätzungsweise
einige Zehntausend nahmen die Herausforderung an, indem sie am 20.
Juni, einen Tag nach der Todesdrohung, auf die Straße gingen. Sich ihr
zu stellen, bedeutete, dem Revolutionsführer, der vom Expertenrat nur
theoretisch und nur bei Amtsunfähigkeit abgesetzt werden kann, nun
ausdrücklich die Autorität abzuerkennen und sich seinem Willen zu
widersetzen, worin die Absage an das Prinzip der „Herrschaft der
Rechtsgelehrten“ und damit an die islamische Verfassung schon enthalten
ist. Wie angekündigt und auch nicht anders vorstellbar, wurde der
Verstoß gegen das ausgesprochene Demonstrationsverbot mit Blutvergießen
beantwortet, doch in den Straßenkämpfen gegen Aufstandspolizei und
islamische Milizen haben sich die Demonstranten so gut geschlagen, dass
Khamenei seinen Anspruch, in seiner Eigenschaft als Revolutionsführer
Gehorsam und künftiges Stillschweigen über den Gegenstand erzwingen zu
können, nicht durchsetzen konnte. Seitdem hat Khamenei die Aura
heiligen Schreckens, die ihn früher umgab, völlig verloren und die
zuvor undenkbare Parole „Tod Khamenei“ (auch übersetzbar mit „Nieder
mit Khamenei“), die an diesem Tag erstmals gerufen wurde, ist bei
tausend Gelegenheiten zu hören und an den Wänden zu lesen. Jeder
Versuch, seine Anerkennung und damit die Einheit der Nation zu
erzwingen, führt deren Zerfall erst recht vor, und die
Unterdrückungsmaßnahmen und propagandistischen Simulationen von
Krisenfreiheit sind ebensoviele Schritte der Diskreditierung und
Selbstzerstörung des Regimes. Alles, worauf sich Khamenei und
Ahmadinejad berufen, selbst der Islam, wird zum Entsetzen ihrer
Anhänger wie mancher ihrer Gegner in den Strudel mit hineingezogen.
Die Voraussetzung für eine Revolution ist nicht, dass auf einmal aus
dem Nichts ungeheuer aufgeklärte Massen auftauchen oder dass eine
disziplinierte Untergrundarmee bereit steht, die militärisch die Macht
übernehmen kann, sondern dass die bestehende Ordnung ihre Legitimation
verliert und zerbricht. In einer solchen Krise ist jeder gezwungen,
bisher für selbstverständlich Gehaltenes in Frage zu stellen, auch
diejenigen, die sich bisher loyal verhalten haben und nun nicht mehr
wissen, wie sich Loyalität überhaupt noch äußern könnte.
Waffentechnische Überlegenheit hilft der herrschenden Ordnung dann
nicht mehr, weil Revolution bedeutet, dass auch die alten
Ordnungskräfte von ihr erfasst werden – sie siegt genau in dem
Augenblick, in dem die Befehlsketten nicht mehr funktionieren und die
Soldaten, Polizisten oder irregulären Truppen, die sie niederschlagen
sollen, nicht mehr gehorchen und sich zerstreuen. Offensichtlich hat
das im Iran bisher nicht in großem Maßstab stattgefunden, obwohl es
Anzeichen dafür gibt, dass sich Niedergeschlagenheit, Zweifel und auch
Furcht in den Reihen der Polizei und selbst bei den Basijis breit
machen. Doch solange die Ordnung nicht tatsächlich zusammengebrochen
ist, wird die Islamische Republik in der Krise weiterbestehen und von
einem Blutbad zum nächsten weiterstolpern, und man kann nicht einmal
sagen, dass das überhaupt etwas Neues ist. Dabei gibt es seit dem Juni
immer wieder Situationen, in denen Polizei und irreguläre Milizen
zeitweilig die Kontrolle verlieren und temporär ihre Herrschaft
aufgehoben ist, und jedesmal, wenn das geschieht, verändert sich
schriftlichen Berichten und Videoaufzeichnungen zufolge die Stimmung
völlig: Sie wird dann ausgelassen, es wird gesungen, die Menschen
verhalten sich höflich und rücksichtsvoll, und, was von jedem, der das
Neue darin zu fassen versucht, als entscheidend hervorgehoben wird, es
fällt die Angst weg, von der die Islamische Republik durchdrungen ist.
Diese Angst jedoch, gegen die Sprechchöre wie „Fürchtet euch nicht,
fürchtet euch nicht, wir halten alle zusammen“,„Artillerie, Panzer,
Basiji haben keine Wirkung mehr“ oder „Wir sind Kinder des Krieges,
bekämpft uns und wir werden euch bekämpfen“ zielen, kehrt
augenblicklich wieder, wenn Massenverhaftungen einsetzen oder die
Milizen Bestrafungsaktionen unternehmen. Mehr noch als durch die
Schüsse auf Demonstranten und Todesurteile wird sie durch das
unüberschaubare und unter unterschiedlichen Kompetenzen stehende System
regulärer und irregulärer Haftanstalten erzeugt, in dem Folter und
Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Sobald die Angst wieder die
Oberhand gewinnt, verliert sich die Zuversicht. Weil diese das einzige
ist, was dazu bewegen kann, dem Regime die Stirn zu bieten, bedeutet es
viel, wenn sie gebrochen wird. Auch deshalb kann der Ausgang jeder
einzelnen Situation ausschlaggebend sein: Er entscheidet nicht nur über
die Richtung, die die Protestbewegung nimmt, sondern auch über
Siegesgewissheit und Resignation.
Prodomo: In den westlichen Medien
wird Mousavi meist als „Oppositionsführer“ bezeichnet, so als bestünde
das Ziel der Opposition darin, Mousavi in das Präsidentenamt zu
befördern. Andere Kommentatoren bekunden ihr Bescheidwissen mit der oft
wiederholten Aussage, er (und Karoubi etc.) seien mehr ein „Symbol“ der
Opposition. Michael Ledeen, ein amerikanischer Neokonservativer,
verstieg sich sogar zu folgender Lobrede:
„Mousavi has been very careful not to say what everyone
believes he means: the Islamic Republic must come down. [...] He says
that the Constitution must be respected, although perhaps there is room
for some modification. The whole country understands the meaning, but
literal-minded analysts can say that he isn’t really calling for
revolution.“
Welche dieser Einschätzungen kommt der Wahrheit am nächsten?
Esther Marian: Genauso wenig wie es stimmt,
dass alle, die im Iran seit dem Juni auf die Straße gegangen sind,
Mousavi-Anhänger sind, trifft das glatte Gegenteil zu. Nur stellen
westliche Medien, und besonders die deutsche Presse, die sich Politik
grundsätzlich nur nach dem Führer-Gefolgschaft-Prinzip vorstellen kann,
es gerne so dar, als gebe es im Iran nur zwei verschiedene politische
Richtungen, einmal die Hardliner, zu denen Ahmadinejad gezählt wird,
und dann die Reformfraktion mit Khatami und Mousavi an der Spitze. Und
die Reformfraktion samt Anhängerschaft wird dann als „die Opposition“
bezeichnet. Tatsächlich sind aber nicht nur die Verhältnisse in der
politisch-klerikalen Führungsriege im Iran viel komplizierter – denn
auch Ahmadinejad unterzieht die Islamische Republik drastischen
Veränderungen, während Mousavi als Aushängeschild einer alten Garde
angetreten ist, die, zusammengebracht und wohl auch finanziert von
Rafsanjani, durch eine Flucht nach vorn ihre politische und ökonomische
Entmachtung zu verhindern versucht. Auch die Vorstellung, bei den
Wahlen und später bei den Demonstrationen und Straßenkämpfen sei es vor
allem um Mousavi und sein Programm gegangen, trifft die Sache nicht.
Die meisten derjenigen, die nach den Wahlen demonstriert haben, haben
das nicht deshalb getan, weil sie sich mit Mousavi identifizieren oder
in ihm einen Führer oder Retter sehen. Vielmehr wurde das offizielle
Wahlergebnis, 63% für Ahmadinejad, als eine ungeheure Provokation
empfunden, weil es der Stimmungslage so deutlich widersprach, dass es
als unverhüllte, nicht einmal Glaubhaftigkeit vortäuschende Lüge
erscheinen musste. Man kann fragen, was Wahlfälschung zugunsten eines
Regimekandidaten schon ausmacht, wenn alle Kandidaten vom Wächterrat
vorher auf ihre Regimetreue überprüft worden sind. Doch Khameneis
Anspruch, als oberste Autorität über den Wahlausgang das letzte Wort zu
haben, konnte nicht unwidersprochen bleiben, ohne die
formaldemokratischen Elemente bedeutungslos werden zu lassen, die, so
fadenscheinig sie sind, den Iran von einer reinen Willkürherrschaft
islamischer Massenrackets trotz allem noch unterscheiden. Ahmadinejad
als legitimen Präsidenten zu akzeptieren hätte geheißen, die
Transformation des Iran in eine scheinbar unter Khameneis Diktatur,
tatsächlich aber unter der Alleinherrschaft von
Revolutionsgarden, Basij und anderen Schlägertruppen wie den
Ansare Hezbollah stehende Mobilisierungsbasis für eine weltweite
islamische Revolution abzusegnen, die zusammen mit ihren politischen
Widersachern alle hedonistischen und prowestlichen Tendenzen in der
Gesellschaft rigoroser unterdrückt als jemals zuvor. Eine solche
islamische Formierung, die laut Ahmadinejad die Wiederkehr des 12. Imam
vorbereitet, der in wenigen Jahren zusammen mit Jesus aus der
Versenkung auftauchen und dann eine gerechte islamische Weltordnung
errichten wird, würde paradoxerweise auch die Kleriker entmachten, die
sich der Tradition zufolge dem Kommen des 12. Imam widersetzen und auch
sonst ein störendes Element darstellen. Dieses Vorhaben bedeutet nach
innen, dass alle islamischen Restriktionen verschärft werden und die
Zugeständnisse, die dem kritischen Geist und der Sexualität widerwillig
in den Schlupfwinkeln der Gesellschaft eingeräumt wurden, eliminiert
werden, während zugleich den Banden, die zur Niederschlagung jedes
Widerstandes entfesselt werden, beim Marodieren völlig freie Hand
gelassen wird. Nach außen läuft es auf eine Eskalation des permanenten
Krieges gegen den durch sein Glücksversprechen lockenden, durch seine
bloße Existenz Zweifel hervorrufenden und zudem der islamischen
Expansion militärisch sich entgegenstellenden Westen hinaus, namentlich
gegen Israel, von dessen Beseitigung, die Ahmadinejad bekanntlich
unmittelbar bevorstehen sieht und mittels des Atomprogramms
herbeizuführen bestrebt ist, das Heil der Welt abhängen soll.
Gegen diese Aussicht, nicht für Mousavi sind die Leute im Juni auf die
Straße gegangen. Mousavi, der gegen Ahmadinejad und Khamenei den Text
der Verfassung und den Geist Khomeinis geltend zu machen versucht, ohne
zu realisieren oder auszusprechen, dass die Elimination vermittelnder
und einschränkender Elemente durch den Revolutionsführer als permanent
aktualisierbare Diktaturermächtigung in eben dieser Verfassung schon
enthalten ist, konnte vielleicht deshalb zur Autorität und
Projektionsfläche werden, weil er innerhalb des Spielrahmens der
Islamischen Republik einerseits für die unter Ahmadinejad entmachtete
Fraktion alter Kader einsteht und weil er andererseits durchaus
populistisch Wünsche der mehrheitlich jungen Stadtbevölkerung
aufgegriffen hat, die die Kontrolle aller ihrer Lebensregungen schon
lange gründlich satt hat. Einige seiner Wahlkampfversprechen, wie das,
die Sittenpolizei abzuschaffen, rührten tatsächlich an die Grundlagen
der Islamischen Republik. Zudem hat Mousavi nach den Wahlen Mut
bewiesen und sich de facto Khamenei entgegengestellt, obwohl er damit
sein Leben riskiert hat – und hierdurch hat er sich die Achtung mancher
erworben, die sonst für ihn nicht viel übrig gehabt hätten. Das heißt
aber nicht, dass sein Programm von allen Demonstranten oder auch nur
den meisten unter ihnen geteilt wird. Über Mousavis Intentionen und die
der anderen so genannten Oppositionsführer braucht man sich keine
Illusionen zu machen. Was Michael Ledeen über ihre angeblichen
verborgenen Ziele behauptet, ist völlig an den Haaren herbeigezogen.
Wenn Mousavi, Khatami und Karoubi betonen, es gehe ihnen um die Rettung
der Islamischen Republik, des islamischen Establishments und des Islam
selbst, die durch Khameneis Handeln und die gegenwärtige Krise
gefährdet seien, kann man ihnen das ruhig abnehmen. Gerade Mousavi hat
seine Loyalität zur Islamischen Republik zur Genüge bewiesen, als vor
zwanzig Jahren unter seiner Regierung Tausende politische Gefangene
massakriert wurden, unzählige Iraner im Krieg gegen den Irak in den Tod
geschickt wurden und die Hezbollah gegründet wurde – unter anderem um,
wie Mousavi damals sagte, Khomeneis Todesurteil gegen Salman Rushdie zu
vollstrecken. Nichts spricht dafür, dass er das Regime abschaffen
möchte, und selbst wenn er in den letzten zwanzig Jahren seine Haltung
geändert haben sollte, könnte er dies innerhalb des Spielrahmens, in
dem er sich als iranischer Politiker bewegt, nicht zeigen. Er hat sich
dann auch explizit gegen alle radikalen Sprechchöre gewandt,
Khomeini-Zitate als Slogans empfohlen und sich von denjenigen
distanziert, die ihm durch die Konfrontation mit Basij und
Aufstandspolizei auf der Straße das Leben gerettet haben – und darauf,
dass er heimlich etwas anderes denkt, verlässt man sich besser nicht:
So oder so signalisieren seine Statements, dass er im Zweifelsfall die
Verfolgung säkularistischer Revolutionäre billigen oder sie
möglicherweise, sollte er durch revolutionäre Ereignisse an die Macht
getragen werden, selbst betreiben würde. Als das Staatsfernsehen im
Dezember die Demonstranten beschuldigte, Khomeini-Bilder zerrissen zu
haben, beeilte sich Mousavi, zu pro-Khomeini-Demonstrationen aufzurufen
und seine Anhänger unter den Studenten mit Khomeini-Plakaten auf die
Straße zu schicken.
Entscheidend ist aber letztlich nicht die Intention Mousavis, sondern
die Dynamik der Situation, in der er von einer sich zunehmend gegen die
Islamische Republik selbst wendenden, sich beständig radikalisierenden
und ständig wachsenden Menge vor sich hergetrieben wird. Diese Menge
hat einen ungeheuren, lange unterdrückten Zorn in sich und braucht für
das, was sie tut, keine Winke ihres vermeintlichen Führers. Nach allem,
was seit dem 12. Juni geschehen ist, also nach dem Zusammenschießen und
-knüppeln der Demonstrationen, der Gefangennahme Tausender, den
Schauprozessen, nach Folter und Hinrichtungen und nicht zuletzt durch
die desolate ökonomische Situation sind selbst diejenigen, die davor
noch an die Reformierbarkeit der Islamischen Republik geglaubt hatten,
inzwischen völlig desillusioniert und ständig hört man Berichte von
Leuten, die ihre früher zögerlichen Verwandten im Iran kaum noch
wiedererkennen und versichern, die überwältigende Mehrheit wolle das
Regime nun endgültig loswerden. Selbst wenn die Zahl derer, die
weiterhin hinter der Islamischen Republik stehen, beträchtlich ist –
und über die Zahlenverhältnisse sagt jeder etwas anderes –, ändert das
nichts daran, dass die islamische Verfassung selbst zur Disposition
steht. Wie gesagt, steckt die Verneinung der Islamischen Republik als
Konsequenz schon in der Parole „Tod Khamenei“. Andere Sprechchöre, die
immer häufiger zu hören sind, ziehen diese Konsequenz dann explizit, so
beispielsweise „Schah, Sultan, Herrschaft der Rechtsgelehrten, eure
Zeit ist um“, „Tod dem Prinzip der Herrschaft der Rechtsgelehrten“,
„Unabhängigkeit, Freiheit, iranische Republik“ und „Gedankenfreiheit
ist nicht möglich mit diesem System“ – und um zu ermessen, was es
heißt, dergleichen zu rufen, muss man sich vergegenwärtigen, dass erst
kürzlich jemand, Omid Dana, wegen eines solchen Rufs zum Tode
verurteilt wurde. Am 11. Februar 2010 kam „Referendum, Referendum, dies
ist der Ruf des Volkes“ dazu, ein Klassiker unter den iranischen
Protestparolen, der sich auf die Verfassung bezieht – wobei man, wenn
es um die Zukunft des Iran geht, den Auszählungskünsten der derzeitigen
Autoritäten vielleicht besser nicht vertraut. Seltener konnte man auf
Videos auch „Tod der Islamischen Republik“ hören. Die Rede von Mousavi
als einem „Symbol“, die von Mohsen Makhmalbaf kommt, der als Sprecher
Mousavis auftrat, aber von diesem wegen zu säkularistischer und
prowestlicher Tendenzen fallengelassen wurde, zielt auf diesen
Zusammenhang: Mousavi ist nur ein Symbol, kein Idol und das heißt:
Diese Leute werden weiter gehen, als Mousavi das will, und sich von ihm
nicht zurückhalten lassen.
Mousavi agiert zwar einerseits innerhalb des Rahmens der Islamischen
Republik und muss sich insofern von den radikalen Tönen und von
Gewaltakten gegen die Regimemilizen distanzieren, die er vermutlich
auch nicht billigt, aber andererseits ist er auch auf die Demonstranten
angewiesen und setzt seine Gegner mit dem Szenario unkontrollierbarer
Riots unter Druck. Wenn er gegenüber Ahmadinejad und Khamenei nachgibt,
wird er vom Regime nicht geschont werden, und das bedeutet umgekehrt
auch, dass er die Demonstranten nicht völlig vor den Kopf stoßen kann.
In Abstimmung mit Karoubi fordert er unter anderem deshalb nicht
einfach Neuwahlen, sondern auch die Freilassung aller politischen
Gefangenen, das Ende der Repressalien gegen die reformistische Presse
und die Bestrafung von außerlegalen Erschießungen und Folter. Karoubi
ist dabei häufig derjenige, der zuerst mit weitergehenden Forderungen
hervortritt, neuerdings mit der nach dem Ende der Überwachung der
Wahlen durch den Wächterrat und die Zulassung aller Kandidaten. Diese
Forderungen sind, verglichen mit dem Aufruf zu einem kompletten Sturz
der Islamischen Republik, begrenzt und stets mit Bekenntnissen zum
Islam, zur islamischen Verfassung und zu Khomeini verbunden. Mousavi
und Konsorten haben zudem immer wieder signalisiert, dass sie
grundsätzlich bereit sind, sich mit Khamenei zu verständigen, zuletzt
im Vorfeld der Regimefeierlichkeiten am 11. Februar. Tatsächlich
scheint gerade Karoubis Forderung nach dem Ende der Kandidatenauswahl
durch den Wächterrat nicht nur mit dem ständig hinter den Kulissen
taktierenden Rafsanjani und anderen Mitgliedern des Expertenrats
abgestimmt zu sein, sondern auch mit Hassan Rohani, Khameneis
Repräsentanten im Sicherheitsrat. All dies sind Versuche der
Schadensbegrenzung und trotzdem werden sie, wenn sie tatsächlich
umgesetzt werden sollten, die Islamische Republik voraussichtlich
weiter beschädigen. Dass Khamenei sich darauf einlässt, ist nur
realistisch, wenn er wirklich mit dem Rücken zur Wand steht und das
Eingeständnis seiner Niederlage seine letzte Hoffnung ist, was erst
dann der Fall sein wird, wenn die Islamische Republik unmittelbar vor
dem Einsturz steht.
Prodomo: Heutzutage legitimieren
sich die meisten autoritären Regime mit routinemäßig frisierten Wahlen.
Mehrtägige Proteste der unterlegenen Partei gehören zum Theaterstück
dazu, das regelmäßig in ehemaligen Sowjetrepubliken und afrikanischen
Staaten aufgeführt wird. Wären die iranischen Unruhen diesem Drehbuch
gefolgt, wären sie wahrscheinlich schon nach der ersten
Repressionswelle Ende Juni in sich zusammengefallen, was aber nicht der
Fall ist. Das deutet erstens darauf hin, dass die Menschen mehr wollen
als einen anderen Schauspieler in der Rolle des Präsidenten. Zweitens
deutet der lange Atem und die Disziplin der Demonstranten auf eine
umsichtige Organisation hin. Andererseits existiert offenbar kein
zentrales Kommando. Wie funktioniert das?
Esther Marian: Die Disziplin der Demonstranten
kann man dann, wenn man Mousavi für einen Führer hält und die Sache aus
seiner Perspektive betrachtet, nur als miserabel bezeichnen: Seit dem
20. Juni ist so gut wie jedesmal, wenn er dazu aufrief, schweigend zu
marschieren, alle radikalen Parolen zu vermeiden und die Gewalt der
Milizen nicht mit Gegengewalt zu beantworten, das Gegenteil geschehen:
Die von Mousavi verworfenen Parolen wurden an jeder Straßenecke gerufen
und wenn Basiji und Polizei angriffen oder in einer unterlegenen
Position waren, wurden sie mit Steinen und Stöcken attackiert,
verprügelt und es wurden ihre Motorräder in Brand gesetzt. Ein
zentrales Kommando gibt es nicht, obwohl Mousavi manchmal so tut, als
läge es bei ihm, um sich dann bei Bedarf auf eine Außenseiterposition
zurückzuziehen. Viele der Demonstrationen waren tatsächlich völlig
unabhängig von Mousavi, der zu ihnen überhaupt nicht aufgerufen hatte.
Aus der Sicht der Demonstranten selbst gibt es natürlich sehr wohl
Disziplin, die vor allem darin besteht, nicht einfach blind irgendetwas
zu tun, sondern mit Umsicht vorzugehen. Sie bedarf keines militärischen
Kommandos, da sie durch die Rationalität der Ziele bedingt ist, was
aber nicht heißt, dass es keine Organisationsstrukturen gäbe. Alle
Demonstrationen werden sorgfältig vorbereitet: Es werden Routen
bekanntgegeben, die bei Bedarf dann spontan variiert werden, Taktiken
über Flugblätter, das Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet,
Verhaltenstipps weitergegeben und Graffiti gesprüht. Dahinter steht ein
riesiges, notwendigerweise größtenteils unsichtbares Netzwerk von
Gruppierungen und Einzelpersonen, die im Untergrund agieren, oft an den
Universitäten, aber auch in Stadtvierteln und im Internet. Teilweise
existierten diese Strukturen schon vor dem 12. Juni, teilweise sind sie
aber auch neu entstanden, entstehen weiterhin im Zuge der Proteste und
werden nach Festnahmen, die sie immer wieder zerreißen, wieder
aufgebaut. Kleingruppen von Freunden, die zusammen auf Demonstrationen
gehen und einander dort unterstützen, gehören ebenso dazu wie Leute,
die über Email und andere Kanäle Bilder, Videos, Nachrichten und
Details über geplante Proteste an Kontaktpersonen im Ausland senden,
Exiliraner, die diese Nachrichten auf YouTube, Facebook und Twitter
veröffentlichen, Nachrichtenseiten, Radio- und Fernsehsender, die
für eine weitere Verbreitung sorgen, Rezipienten, die an ihre
Freunde und Verwandten im Iran Informationen weitergeben, oder auch
Computerexperten, die die Internetzensur und -überwachung umgehen
helfen und gelegentlich die Websites der Islamischen Republik hacken.
Einige der Gruppierungen, die im weitesten Sinne zum „Green Movement“
gerechnet werden können, haben militärischen oder quasi-militärischen
Charakter, so beispielsweise Einheiten, die sich in vielen Straßen und
Stadtvierteln zum Kampf gegen Basij und Ansare Hezbollah neu gebildet
haben, die schon lange bestehenden Untergrundstrukturen im iranischen
Kurdistan oder Zellen, die innerhalb von Polizei, Armee und
Revolutionsgarden operieren und von denen man nur indirekt etwas
erfährt. Natürlich haben auch Mousavi, Karoubi oder auch andere
Politiker, die im „Green Movement“ mitmischen und dieses für ihre
Zwecke auszunutzen versuchen, wie Shirin Ebadi oder Mohsen Sazegara
außerhalb des Iran, ihre eigenen Netzwerke. Es ist charakteristisch für
die Situation, dass sich sofort nach dem 12. Juni die
unterschiedlichsten Gruppierungen eingeschaltet haben, darunter die
bestehenden politischen Organisationen der Monarchisten, der
Volksmujaheddin, der Sozialisten und Kommunisten verschiedenster
Spielart, der Demokraten, der Feministinnen, der kurdischen und
azerischen Nationalisten. Jede nur denkbare politische Richtung
versucht, in einem Moment, der von allen als entscheidend wahrgenommen
wird, sich und ihre Ziele geltend zu machen, wobei die seit mindestens
dreißig Jahren bestehenden Feindschaften natürlich nicht verschwunden
sind und irgendwann auch wieder hervorbrechen werden.
Prodomo: Die Proteste folgen
mittlerweile einem festen Zeitplan, der sich an vorgegebenen Daten des
iranischen Kalenders orientiert. Die Opposition nutzt die offiziellen
Aufmärsche des Regimes (al-Quds Tag, Jahrestag der Besetzung der
US-Botschaft) und traditionelle religiöse Feiertage wie Aschura, unter
anderem, weil an diesen Tagen legale Versammlungen möglich sind. Aber
auch Daten wie der Jahrestag der Niederschlagung der Studentenunruhen
von 1999 werden als Anlass für Demonstrationen genutzt. Gibt es in
diesem ritualhaften Charakter nicht eine Parallele zur islamischen
Revolution von 1979?
Esther Marian: Vielleicht. Es stimmt, dass die
Orientierung an den vorgegebenen Daten des iranischen Kalenders, die es
auf dem Höhepunkt der Unruhen unmittelbar nach den Wahlen nicht gab,
dem Ganzen etwas Ritualhaftes verleiht und das, was sich heute
ereignet, auf die Revolution von 1979 rückbezieht, so als fände nicht
etwas ganz Neues, sondern die Wiederholung eines alten Schauspiels
statt. Dem widerspricht auch nicht, dass die Jahrestage unter anderem
deshalb genutzt werden, weil die Gefahr der Verfolgung die Organisation
jeder unabhängigen Kundgebung ungeheuer schwer macht – denn in der
Woche nach den Wahlen bedurfte es kaum eines Aufrufs, um täglich
Hunderttausende oder sogar Millionen auf die Straßen zu bringen. Selbst
die Unruhen, die Khameneis Drohung in der Freitagspredigt am 19. Juni
folgten und die Teheran in einen Kriegsschauplatz verwandelten, hatten
noch viel von dieser Offenheit; sie brauchten keine Genehmigung und
waren insgesamt eine Fortsetzung der großen und blutigen Konfrontation
am 20. Juni, die unentschieden endete. Dass es seit der darauf
folgenden Repressionswelle, den erzwungenen Geständnissen, den
Schauprozessen und der Amtseinsetzung Ahmadinejads außerhalb der
offiziellen Jahres- und Feiertage der Islamischen Republik nur
sporadische kleinere Proteste gegeben hat, verweist auf die Schwäche
einer Bewegung, die auch Fragwürdiges und Enttäuschendes an sich hat
und dem Unterdrückungsapparat, der bislang nicht in sich
zusammengebrochen ist, unterlegen bleibt.
Aber vielleicht ist es doch ganz anders. Die Jahrestage haben für das
öffentliche Bewusstsein des Iran eine ungeheuer wichtige Bedeutung. Sie
gehören zur Islamischen Republik nicht nur deshalb, weil sie Anlass für
propagandistische Feierlichkeiten sind, sondern vielmehr wird in diesen
Feierlichkeiten das Ereignis, an das sie erinnern, aktualisiert: Es ist
mehr als bloß eine Erinnerung an die Geiselnahme der amerikanischen
Botschaftsangehörigen durch iranische Studenten am 13. Aban 1358 (4.
November 1979), wenn jährlich am 13. Aban aus öffentlichen
Lautsprechern „Tod Amerika“ schallt und dies von einer Menge wiederholt
wird; vielmehr setzt sich in diesem Akt die islamische Revolution
selbst in der Gegenwart fort. Genauso sind die jährlichen
Studentenunruhen am Jahrestag der Verwüstung der Studentenheime, der
Verletzung Hunderter und der Tötung mindestens eines Studenten durch
die Ansare Hezbollah unter der Regierung Khatami am 18. Tir 1378 (9.
Juli 1999) nicht nur Gedenkritual, sondern zugleich die Wiederaufnahme
des damals zugunsten der Islamischen Republik vorläufig entschiedenen
Kampfes gegen die Unterdrückung von Zeitungen und das Wüten der
islamischen Rackets, mit dem Ziel, das Ergebnis zu revidieren und den
Kampf nunmehr zu einem anderen Ende zu führen – so lange, bis sich der
Grund für ihn erledigt hat. Denn anders als bei deutschen Jahres- und
Gedenktagen finden am 18. Tir jedes Jahr Straßenkämpfe statt, bei denen
es wirklich um etwas geht, nämlich um Rache für die Toten, Verwundeten
und Gefangenen und um Freiheit für die Lebenden. Sie sind nicht bloß
leeres Abspulen eines Programms, sondern ein Stück echtes
revolutionäres Eingedenken. Wenn seit dem Juni 2009 ausnahmslos jeder
offizielle Gedenk- oder Feiertag zu einem Tag der Unruhe und der
Straßenschlachten zwischen Basij, zivilgekleideten Milizen und
Aufstandspolizei einerseits und Aufständischen andererseits wird, dann
wird dadurch tatsächlich die Islamische Republik in ihren Grundlagen
angegriffen, weil die permanente islamische Mobilisierung, ohne die sie
nicht bestehen kann, damit partiell außer Kraft gesetzt wird. Es
scheint zunächst, zurückhaltend gesagt, eine sehr zweischneidige Sache
zu sein, wenn das „Green Movement“ zur Teilnahme an einer
Freitagspredigt oder zum al-Quds-Tag aufruft, da darin eine Anerkennung
und positive Bezugnahme auf die Islamische Revolution und ihre Rituale
zu liegen scheint, wie sie auch in manchen Sprechchören, besonders
natürlich im „Allahu Akbar“-Ruf zum Ausdruck kommt. Wenn dann jedoch
bei der Freitagspredigt die aus den Lautsprechern schallenden „Tod
Israel“-, „Tod Amerika“-, „Tod den Engländern“- und „Tod den
Ungläubigen“-Rufe von der Menge erstmals in der Geschichte des Iran
nicht wiederholt, sondern mit Sprechchören gegen die heutigen
Verbündeten der Islamischen Republik Russland und China beantwortet und
damit sabotiert werden, und wenn am al-Quds-Tag die staatsoffizielle
anti-Israel-Propaganda mit „Nicht Gaza, nicht Libanon, ich gebe mein
Leben für den Iran“ oder „Putin, Chavez, Nasrallah sind die Feinde
unseres Landes“ zurückgewiesen wird, dann bedeutet das – bei aller
Kritik, die man auch an diesen Sprechchören noch haben kann –, dass die
Ideologie, die den Kern der Islamischen Republik ausmacht, durchkreuzt
und der Wiederholungszwang gebrochen wird. Nicht umsonst war der Schock
der Repräsentanten des Regimes über den al-Quds-Tag, der von den
Saboteuren, die in der überwältigenden Mehrheit waren, völlig kaputt
gemacht wurde und nie wieder in derselben Form wie früher stattfinden
können wird, besonders groß. Vielleicht muss jeder der rituellen
Kalendertage der Islamischen Republik auf diese Weise von
Gegendemonstranten außer Kraft gesetzt werden. Gelingen kann das nur
dann, wenn dabei die ideologischen Grundlagen der Islamischen Republik
wirklich zerstört statt reproduziert werden. An Aschura, dem Tag im
schiitischen Kalender, an dem die Niederlage Hoseyn ibn Alis bei
Kerbala gegen den Kalifen Yazid mit Trauerprozessionen begangen wird,
ist das nur teilweise gelungen, obwohl die Regierungsmilizen an diesem
Protesttag in der Defensive und teilweise in Auflösung waren. Denn der
Slogan, der an diesem Tag am häufigsten zu hören war, war neben
„Khamenei ist ein Mörder, seine Führerschaft ist ungültig“ und „Tod
Khamenei“ einer, der auf die Aschura-Tradition Bezug nimmt, nämlich
„Dieser Monat ist der Monat des Blutes, Yazid wird fallen“. Khamenei
wird also mit dem Kalifen Yazid gleichgesetzt, gegen den es in der
Tradition Hoseyns für einen gerechten Islam zu kämpfen gilt, was
letztlich auf eine Neuinterpretation der islamischen Revolution statt
auf einen Bruch mit ihr hinausläuft.
Der 11. Februar, im iranischen Kalender der 22. Bahman, war von beiden
Seiten mit Beklemmung erwartet worden, weil klar war, dass es am Tag
der Siegesfeiern der Islamischen Revolution um diese selbst gehen und
sein Ausgang entscheidend sein würde. Die Regierung hat die
Angelegenheit deshalb keineswegs als bloßes ritualhaftes Spiel, sondern
als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen und zur Unterdrückung von
Sabotage einen ungeheuren Aufwand betrieben: Sie verhängte eine
Nachrichtenblockade, ersetzte die brennbaren Plastikmülleimer auf der
Demonstrationsroute durch solche aus Blech, installierte auf einer
kilometerlangen Route neue Lautsprecher zum Übertönen der Proteste,
zäunte den riesigen Azadi-Platz ein, arbeitete einen sorfältigen Plan
zur Zerstreuung jeder Versammlung außerhalb der Regierungskundgebung
aus und hielt dafür Übungen ab; die Massenverhaftungen im Vorfeld und
das Herbeischaffen von Milizen und Anhängern aus dem ganzen Land habe
ich schon erwähnt. Zwar war der 22. Bahman kein glatter Sieg der
Regierung – denn es ist kein Sieg, wenn eine Kundgebung nur gerade eben
unter Bedingungen stattfinden kann, die an einen Belagerungszustand
erinnern, und selbst dann nicht verhindert werden kann, dass Tausende
dagegen Riots veranstalten. Und auch die gelangweilten Massen auf der
offiziellen Regierungskundgebung auf dem Azadi-Platz, die
Khomeini-Bilder als Sitzkissen benutzten und sich mit Fußball die Zeit
vertrieben – gemischt mit Leuten, die ihrem Aussehen nach zur
Gegenseite gehörten und offenbar dem Aufruf folgen wollten, die
Kundgebung zu kapern – waren nicht eben die begeisterten
Jubeldemonstranten, die die Regierungspropaganda angekündigt hatte.
Doch weil es durchaus darauf ankam, wie der 22. Bahman verlief, war die
Tatsache, dass die Gegendemonstrationen zwar radikal, aber nicht
überwältigend groß waren, für die Gegner des Regimes auch keine bloß
symbolische, sondern eine wirkliche Niederlage.
Der nächste Kalendertag, an dem es voraussichtlich Riots geben wird,
Chaharshanbe Suri, hat einen ganz anderen Charakter, da dies der letzte
Dienstagabend vor Nouruz, dem persischen Neujahrsfest ist. Diese Nacht
ist die einzige im Jahr, an der auf der Straße gefeiert werden kann,
und das auch erst seit einigen Jahren, da die Islamische Republik lange
verboten hatte, dieses unislamische Fest öffentlich zu begehen. In den
letzten Jahren ist es an Chaharshanbe Suri immer wieder zum allgemeinen
Verstoß gegen den Kopftuchzwang, das öffentliche Tanzverbot für Frauen
und andere Verbote gekommen, während Jugendliche mit Feuerwerkskörpern
sich Kämpfe mit Regierungstruppen lieferten. Das wird sicherlich
diesmal nicht anders sein.
Prodomo: Zumindest aus der Ferne
hat man den Eindruck, die Opposition betreibe einen regelrechten
Personenkult um Mousavi; einer der Dauerbrenner unter den Parolen der
Opposition ist etwa „Ya Hoseyn – Mir Hoseyn“, der Mousavi mit Hoseyn,
dem schiitischen Märtyrer par excellence, gleichsetzt. Und
unbestreitbar liegt zwischen der Ikonisierung der auf einer
Demonstration ermordeten Neda Aghan-Soltan und der Ideologie des
suicide bombing ein Abgrund. Dennoch erinnert das „Green Movement“ auch
in diesem Punkt an die Islamische Revolution.
Esther Marian: Der Sprechchor „Ya Hoseyn – Mir
Hoseyn“ kann einem tatsächlich Schauer über den Rücken jagen. „Ya
Hoseyn“ ist der Ruf, der an den mythischen Hoseyn ergeht und jedes Jahr
bei den Prozessionen im Trauermonat Moharram wiederholt wird. Ihn auf
Mousavi zu beziehen bedeutet, ihm Gefolgschaft bis in den Tod zu
schwören. Mousavi selbst hat bezeichnenderweise gerade diese Parole,
die ihn zur mythischen Figur erhebt, als die beste Parole von allen
empfohlen und mehrfach betont, er sei bereit, den Märtyrertod zu
sterben, was nur heißen kann, dass er sich gern als religiös
legitimierter und damit unanfechtbarer Führer sähe. Man muss allerdings
hinzufügen, dass die Parolen „Ya Hoseyn – Mir Hoseyn“ und „Mousavi,
Mousavi“, wenn sie auf Demonstrationen oder beispielsweise in der
U-Bahn skandiert werden, meist weniger wie ein ehrfürchtiges
Bekenntnis, sondern eher wie Sprechchöre von Fußballfans klingen, und
tatsächlich sind sie auch schon bei Fußballspielen gerufen worden. „Ya
Hoseyn – Mir Hoseyn“ ist unter anderem deshalb beliebt, weil es als
Losungswort taugt, mit dem sich Demonstranten, die durch eine Straße
oder durch eine anonyme Menge voneinander getrennt sind, ihrer
Zusammengehörigkeit versichern können. Dieses Spiel mitzuspielen muss
nicht unbedingt heißen, Mousavi zu verehren und ihm in jeder Hinsicht
zu folgen, beispielsweise wenn es um die Frage Säkularismus oder Reform
der Islamischen Republik geht. Dieselben Leute, die „Ya Hoseyn – Mir
Hoseyn“ rufen, hört man auch Parolen skandieren, die Mousavi für tabu
erklärt hat, und die praktischen Anweisungen Mousavis werden, wie schon
gesagt, meist ignoriert. Der Khomeini-Kult von 1979, an den die
Ikonisierung Mousavis von Ferne erinnert, wies deutlich sakralere Züge
auf. Auf alten Fernsehaufnahmen kann man z. B. sehen, wie Demonstranten
ehrfürchtig die Kleidung Khomeinis berühren, als ob sie hofften,
dadurch geheilt zu werden. So etwas wäre im Fall von Mousavi nicht
denkbar.
Wie ernst der in „Ya Hoseyn – Mir Hoseyn“ enthaltene religiöse
Treueschwur gemeint ist, wird sich wohl erst dann wirklich zeigen, wenn
es tatsächlich zur Konfrontation zwischen Mousavi und säkularistischen
Revolutionären kommt. Zu hoffen ist, dass die Säkularisten sich dann
gegen die hartgesottenen Mousavi-Anhänger durchsetzen. Trotzdem
verheißen diese Parolen nichts Gutes und machen eine Trennung von
Mousavi, die irgendwann unvermeidlich werden wird, schwieriger. Eine
säkularistische Revolution, wenn sie denn gelingen soll, wird sich von
Mousavi und seinem Programm und von der Hoseyn-Verehrung emanzipieren
müssen. Ob das geschieht, ist offen.
Etwas anders verhält es sich mit der Ikonisierung von Neda Agha-Soltan
und den anderen, die bei den Unruhen ums Leben gekommen sind. Auch sie
hat etwas vom Islamismus, seinem Kult des Opfers und der Entwertung des
Lebens gegenüber dem Tod. In den Märtyrerbildern, die bei iranischen
Demonstrationen im Exil omnipräsent sind, und dem Vorzeigen von
Blutenden und Toten, das auf Protestvideos festgehalten ist, ist eine
merkwürdige, und merkwürdig schiitische Liebe zum blutenden und
zerstückelten Leib, zu Massaker und Opfer, eine Obsession von Bildern
von Folter und Tod, die zu verewigen droht, wogegen sich die Bilder
oberflächlich gesehen richten sollen. Ähnlich wie das Christentum, das
sich an der Passion des Heilands, ohne die es keine Erlösung gibt,
nicht sattsehen kann und dies doch nicht wahrhaben will, ist der
schiitische Islam erfüllt von einer uneingestandenen Lust an Marter und
Wunden, und vieles hiervon findet sich noch in den
Gegenmanifestationen. Man sieht die Schändung des Leibes und dessen
Zurichtung zur Leiche allzu gerne – wenn ein Link zu einem Video mit
der Warnung „graphic“ markiert ist, klicken alle an, und eine
Falschmeldung von einem Massaker mit Äxten verbreitet sich schneller
als jede andere Nachricht. Wenn um einen schwer Verwundeten eine Traube
von Leuten steht, die mit ihren Handykameras alles festhalten, geht es
nicht allein um Dokumentation, sondern mindestens ebenso sehr um das
Hingezogensein zum Grauen. Neben dem Bedürfnis, sich das Unerträgliche
erträglich zu machen, ist dieses Hingezogensein einer der Gründe für
die Rationalisierung des sinnlosen Geschehens, seine Verwandlung in
Sinn, wie sie sich im Märtyrerkult vollzieht. Hierin sind die
Regimegegner der Islamischen Republik näher als es ihnen lieb sein
kann, und die Übereinstimmung geht bis in die Details der Ikonographie
hinein: So finden sich zum Beispiel Tulpen, in der Ikonographie die
Blumen der Märtyrer, auch auf Plakaten des „Green Movement“, und wie
ihre gläubigen Vorgänger vor 31 Jahren benetzen die Demonstranten ihre
Hände mit dem Blut toter Genossen. Im kurdischen Mahabad wurden die
Springbrunnen zum zwanzigsten Jahrestag der Wiener Morde an drei Kadern
der Demokratischen Partei Kurdistan blutrot gefärbt, genau wie die
Brunnen, mit denen die Islamische Republik an ihre Toten erinnert.
Was Neda Agha-Soltan zur Ikone gemacht hat, war zum einen, dass sie
durch einen symbolisch hoch aufgeladenen Herzschuss ums Leben kam und
der Moment, in dem ihre Augen brachen und Blut aus ihrem Mund und ihrer
Nase strömte, unmittelbar auf Video festgehalten wurde, aber dann auch,
dass sie hübsch war und nach Angaben ihrer Begleiter selbst keine
Steine geworfen, sondern nur an den Protesten teilgenommen hatte, also
für die Rolle des reinen Opfers taugte: Sie hatte „keine Waffe in ihren
zarten Händen oder eine Granate in ihrer Tasche“, wie Karoubi später
betonte. Dazu kommt noch ihr Name, der „Ruf“ oder „Aufruf“ bedeutet.
Sohrab Arabi, ein 19-jähriger Studienanfänger, der entweder auf der
Straße oder nach seiner Festnahme erschossen wurde, wurde zur Ikone aus
anderen Gründen: Seine Eltern erfuhren erst lange nach seinem Tod, dass
er nicht mehr lebte, seine Mutter hat bei dem Begräbnis ausgerufen,
dass nichts vergessen und nichts verschwiegen werden soll, und so
verkörpert er den Horror, spurlos zu verschwinden, ebenso wie die
Hoffnung auf Rettung vor dem Vergessen. Die dritte Tote, die eine
exemplarische Bedeutung als Märtyrerin erhielt, ist Taraneh Mousavi,
von der es heißt, sie sei ihrer Schönheit wegen von islamischen Banden
entführt oder festgenommen worden und an den Folgen der
Vergewaltigungen gestorben, die sie erlitt; später sei dann eine
Leiche, möglicherweise ihre, verbrannt in der Wüste gefunden worden –
und auch in ihrer Ikonisierung liegt einiges von lustvollem Grauen.
Warum bestimmte Individuen im Gegensatz zu anderen zu Ikonen erhoben
werden, ist schwer zu beantworten. Jedenfalls geht es dabei um mehr als
um Erinnerung; symptomatisch, Index des Falschen, ist, dass eines der
Neda-Bilder, die im Internet zirkulierten, das auf Facebook gefundene
Bild einer ganz anderen jungen Frau war, die zufällig Neda Soltani
hieß.
Was die Verwandlung von Toten, die bei den iranischen Unruhen starben,
in Märtyrer dann allerdings radikal vom Islamismus unterscheidet, ist
die Hoffnung, dass es nicht mehr werden mögen, was immer wieder
ausgesprochen wird, auch auf Websites, die die Namen solcher Toten
aufzeichnen. Zwar ist das Opfer und Selbstopfer als Figur in den
Protesten allgegenwärtig, auch in Parolen wie „Nicht Gaza, nicht
Libanon, ich gebe mein Leben für den Iran“ oder in der säkularen
inoffiziellen Nationalhymne „Ey Iran“, doch richten sich diese Proteste
zugleich auch gegen das Opfer als Institution, denn sie haben einer
Herrschaftsform den Kampf angesagt, die das Martyrium des Leibes zum
Prinzip erhebt und im Alltag die Aufopferung jeder individuellen
Lebensregung fordert. Die Haltung der iranischen Demonstranten zum
Opfer ist zwiespältig, und dieser Zwiespalt ist nicht ausschließlich
der mangelnden Skespis gegenüber Denkfiguren des Islam geschuldet. Auch
der Gedanke, mit dem die Kritik der Subjektivität als Opferritual im
Odysseuskapitel der Dialektik der Aufklärung schließt, „es bedarf all
der überflüssigen Opfer – gegen das Opfer“, ist mehr als nur
platte Apologie. Falsch ist hauptsächlich die Sinnstiftung, die damit
betrieben wird, denn wenn die falsche Gesellschaft und die islamische
Austreibung ihrer Krise nicht notwendig sind, sind es auch die Opfer
nicht, die der Kampf gegen sie fordert. Aber die Erinnerung an die
Toten, an den gequälten Leib, an Leid und Tränen hat auch etwas sehr
Legitimes und ohne sie kann es auch keine Revolution geben. Es ist
sogar ein Zeichen des revolutionären Charakters dieser Bewegung, dass
sie ihre Handlungen auch als Rache für die Toten, Verwundeten,
Gefangenen und Exilierten versteht. Die Befreiung soll im Namen des
verwundeten Leibes geschehen: in „Yare Dabestani“, dem Lied, das auf
den Demonstrationen häufig gesungen wird und das wie kaum etwas anderes
das Selbstverständnis der Revolte ausdrückt, wird ein Freund aus der
Grundschule und Leidensgenosse mit den Worten angesprochen: „Du bist
mein Groll und mein Schmerzlaut“, „Mein und dein Name wurde in den
Körper dieser Schultafel eingeritzt, der Stockschlag der Unterdrückung
und Tyrannei ist noch in unserem Körper geblieben“, und am Ende dann:
„Meine und deine Hand müssen diese Vorhänge zerreißen, wer außer dir
und mir kann unserem Schmerz abhelfen“. Ein anderes Lied, das über das
Internet verbreitet wurde, ist mit „Blutgeld“ überschrieben. Darin wird
der Schwur abgelegt, dass die Toten durch das Blut der Henker und das
Ende des eisigen Winters gerächt werden und dass dann ihr Name im
Gedächtnis jeder Straße nachhallen wird. Dasselbe sagen Sprechchöre wie
„Nicht Neda ist tot, Khamenei ist tot“, „Meine Märtyrerschwester, ich
nehme dein Blut zurück“ oder „Ich töte den, der meinen Bruder getötet
hat“. Alles das ist wieder zwiespältig, weil es heißen kann, dass der
ganze Aufstand nicht in etwas Besserem, sondern in der Wiederholung des
immergleichen Schlachtens endet, so wie ja auch das Blutgeld im Islam
den Mord nicht abschafft. Rache als solche ist noch nicht dasselbe wie
Befreiung. Es gab und gibt Aktionen, in denen beides unmittelbar
zusammenfällt, so ein am 2. August in der Jerusalem Post
gemeldeter bewaffneter Angriff auf ein Internierungsgefängnis 80 km von
Teheran, bei dem die Häftlinge befreit und dann das Gebäude in Flammen
gesetzt wurde. In anderen Fällen ist es weniger eindeutig. Viel Mühe
wurde und wird darauf verwendet, Basijis und Ansare Hezbollah, die bei
den Unruhen auf Fotos oder Videos festgehalten wurden, zu
identifizieren – führend daran beteiligt ist Amir Farshad Ebrahimi, der
sich 1999, nach der Niederschlagung der Studentenunruhen, in einem
spektakulären Akt von den Ansare Hezbollah lossagte, die er
mitgegründet hatte, dafür mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte, schwer
gefoltert wurde und schließlich ins Exil ging. Was mit den
Identifizierten geschieht und an welchem Punkt die legitime Rache am
Ende in ein ungehemmtes Ausleben von Mordlust umschlägt – oder ob sich
dazwischen überhaupt Grenzen ziehen lassen –, ist schwer zu sagen. Wenn
sich, wie im Juli gemeldet wurde, innerhalb der Revolutionsgarden eine
Untergrundorganisation bildet, die sich Azarakhsh nennt und erklärt,
sie werde Militärtribunale einrichten, die „Verbrechen gegen das Volk“,
das heißt Schüsse auf die Demonstranten, mit dem Tod bestrafen, dann
wird man das nicht nur als Desertionsakt und Schützenhilfe begrüßen
können, sondern zugleich auch die Bildung einer neuen Tötungsmaschine
fürchten müssen, deren Rolle in einem künftigen Iran nicht abzusehen
ist.
Der Sehnsucht zu töten und zu sterben ist durch eine Zurückhaltung
Grenzen gesetzt, die nichts mit Beschwichtigung zu tun hat, sondern
ihrerseits wiederum revolutionären Charakter hat: Immer wieder sind
gefangene Polizisten oder auch Basijis von Demonstranten in
Hauseingänge geleitet worden, um sie in Sicherheit zu bringen und ihre
Wunden zu versorgen, es hat Ketten zum Schutz umzingelter Polizeikräfte
gegeben und Sprechchöre, die dazu aufforderten, entwaffnete und wehrlos
gemachte Gegner nicht weiter zu verletzen. Obwohl, wie es heißt,
tatsächlich einige Basijis totgeschlagen wurden oder bei Angriffen auf
ihre Quartiere ums Leben kamen und in Kurdistan ein Oberstaatsanwalt
erschossen wurde, gibt es unter den Demonstranten doch, bei allem
berechtigten Hass und Zorn, einen Zug zur Großzügigkeit und eine Scheu
vor dem Blutbad, die sie gegenüber ihren Widersachern auszeichnet und
davor bewahrt, dass es außer Destruktion nichts geben kann. Möglich
wird solche Großzügigkeit durch die Aussicht oder Hoffnung darauf, dass
sich die Verteidiger des Regimes in der Befehlsverweigerung als
Menschen erweisen werden: „Lege deine Waffe nieder, so dass der
Menschen-Töter deinen Körper verlässt“, heißt es exemplarisch in einem
neuen Lied, „Sprache des Feuers“, von Mohammed Reza Shajarian. Einige
Sprechchöre fordern direkt zum Überlaufen auf, und nichts ist mehr
begrüßt worden als das punktuelle Fraternisieren von Polizisten.
Prodomo: Eine weitere Parallele
zur 1979er Revolution liegt darin, dass die Opposition oft die alten
Parolen entweder recycelt („Allahu akbar“ von den Dächern) oder
abwandelt („Unabhängigkeit, Freiheit, iranische Republik“).
Esther Marian: Auch die Wahl der Farbe grün als
Erkennungszeichen, die in der islamischen Tradition mit Mohammed
assoziiert und insofern synonym mit dem Islam selbst ist, gehört
hierher. Allerdings sollte man „Allahu Akbar“, das einen wirklich
zusammenzucken lassen kann, nicht mit „Unabhängigkeit, Freiheit,
iranische Republik“ in einen Topf werfen. 1979 hieß der Sprechchor
„Unabhängigkeit, Freiheit, islamische Republik“. „Islamisch“ durch
„iranisch“ zu ersetzen ist trotz der Fragwürdigkeit der
Unabhängigkeitsforderung, die letztlich nur durch Autarkie zu
verwirklichen ist, mehr als die Veränderung einer bloßen Nuance. Es
kehrt den Sinn des Sprechchors völlig um: Wenn „Unabhängigkeit,
Freiheit, iranische Republik“ skandiert wird, wie es zuerst auf einem
Video vom 30. Juli 2009 dokumentiert ist, auf dem zudem eine Frau ohne
Kopftuch zu sehen ist, dann ist das eine eindeutige Absage an die
Islamische Republik und impliziert, dass eine säkulare iranische
Republik an deren Stelle treten soll. Außerdem ist eine weitere
Provokation darin enthalten, dass nämlich, wie eine Lieblingsthese
iranischer Nationalisten lautet, der Islam als Staatsgrundlage nicht
wahrhaft iranisch sei und der Souveränität und Freiheit der Nation
entgegenstehe. Gerade dieser Slogan hat dann auch die Repräsentanten
des islamischen Regimes zutiefst beunruhigt, was man daran erkennen
kann, dass in ihren Reden immer wieder auf ihn Bezug genommen wird –
stets im Ton der Alarmiertheit und nicht ohne hinzuzufügen, dass es die
Islamische Republik zu verteidigen gelte. Er unter anderem ist gemeint,
wenn Mousavi, Karoubi und Khatami sich gegen „extreme“ Parolen wenden.
Prodomo: Nochmal zu „Allahu
Akbar". Einer der irritierenden Aspekte des „Green Movement“ besteht
darin, dass diese Bewegung anscheinend dem islamischen Faschismus
völlig entgegengesetzt ist, anderseits auf ihren Demonstrationen dessen
zentrale Parole immer wieder skandiert. Lässt sich dieser Widerspruch
überhaupt auflösen?
Esther Marian: „Allahu Akbar“ ist der
Schlachtruf der als Subjekte losgelassenen Subjektlosen. Um das zu
verstehen, genügt es, sich einmal die Aufnahmen hypnotisierter Basiji
bei iranischen Freitagspredigten anzusehen oder auch die von der Hamas,
beispielsweise von Azzam Tamimi, der während des Gazakriegs letztes
Jahr in London zum „Allahu-Akbar“-Getöse tausender begeisterter Zuhörer
triumphierend das bevorstehende Ende Israels und islamische
Revolutionen zum Sturz von Mahmoud Abbas, Hosni Mubarak, des saudischen
Königshauses und Israels westlichen Verbündeten ankündigte. Nicht
umsonst kann man von Iranern aus säkularen Familien hören, dass ihnen
als Kind eingeschärft wurde, niemals, auch nicht im Spiel, den
Gebetsruf nachzuahmen: untrennbar ist das „Allahu Akbar“ mit der
Barbarei derer verbunden, die sich als Soldaten Allahs und Vollstrecker
seines Willens installiert haben. Selbst wenn man annimmt, dass etwas
dran ist daran, dass das „Allahu Akbar“, das sich Jugendliche auf den
Dächern Teherans nächtlich zurufen, lediglich ein euphemistischer
Ausdruck für „Fuck you Ahmadinejad“ sei – so richtig überzeugend ist
das nicht, ebensowenig wie die Behauptung, man bediene sich aus
Selbstschutz dieser Parole, denn andere Parolen werden schließlich auch
gerufen. Es wird dann ja auch oft genug betont, dass die „Allahu
Akbar“-Rufe eine Reminiszenz an die Revolution von 1978/79 sein sollen,
als ebenfalls „Allahu Akbar“ von den Dächern tönte; sollte man aber
diese Revolution wirklich wiederholen wollen, dann braucht man sich
auch nicht wundern, wenn nichts Besseres herauskommt als beim letzten
Mal. Und wenn man wirklich, wie wiederum andere meinen, diesen Slogan
den Islamisten entreißen will, um damit die Trennung von Religion und
Staat zu fordern, dann ist das zumindest ein einigermaßen seltsames
Unterfangen, bei dem man sich fragt, wofür man eigentlich einen Slogan
braucht, mit dem man sich nur falsche Freunde schafft und bei sich
selbst und anderen für Verwirrung im Kopf sorgt – beispielsweise bei
Slavoj Žižek, der sich gerade für die „Allahu Akbar“-Rufe des „Green
Movement“ besonders begeisterte, weil er auf seiner Suche nach dem
guten Islam nun endlich eine geeignete Projektionsfläche gefunden hat,
oder bei kanadischen Iranenthusiastinnen, die meinen, ausgerechnet aus
Solidarität mit der iranischen Revolution im Monat Ramadan fasten zu
müssen.
Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, dass dieselbe Menge, die „Allahu
Akbar“ ruft, fast in einem Atemzug „Tod den Taliban, ob in Kabul, ob in
Teheran“, „Gedankenfreiheit kommt nicht vom Fenster aus“ oder
„Unabhängigkeit, Freiheit, iranische Republik“ skandiert. Am 11.
Februar wurde sogar ein Straßenschild mit der Aufschrift „Straße der
Islamischen Republik“ zu „Allahu Akbar“-Rufen heruntergerissen und mit
Fußtritten traktiert. Dasselbe Phänomen gibt es auch auf Twitter:
Leute, die sich ansonsten unzweideutig für Säkularismus aussprechen,
rufen einander virtuell „Allahu Akbar“ zu. Darin liegt tatsächlich ein
Widerspruch. Dieser Widerspruch zwischen Befangenheit in den Formen der
islamischen Revolution, die sich möglicherweise, wie man
schlimmstenfalls im Nachhinein wird sagen müssen, nur modernisiert und
in europakompatibler Gestalt Zutritt zur globalen Bühne verschafft hat,
und dem Aufbegehren eben gegen die Zumutungen islamischer Herrschaft,
wie es derzeit in keinem anderen Land denkbar ist, lässt sich in vielen
Details der Revolte ausmachen. Welchen Charakter das Ganze hat, ist
nicht entschieden. Man kann nur hoffen, dass der Kleriker Ahmad
Khatami, der schon kurz nach den Wahlen die Demonstranten als Feinde
Gottes identifizierte und für Mousavi und Karoubi die Todesstrafe
forderte, recht hat, wenn er für die Untergrabung der Islamischen
Republik unter dem Deckmantel des Islam auf einen Präzedenzfall
verweist: Diejenigen, die auf den Dächern „Allahu Akbar“ rufen,
glichen, so meinte er anlässlich der offiziellen Anerkennung
Ahmadinejads als Präsidenten durch Khamenei, jenen „Heuchlern“, die in
Mohammeds Zeit eine Moschee errichteten, die „Moschee des Schadens“, um
den Propheten von dort aus zu bekämpfen und Unglauben zu verbreiten
(Koran 9:107). In jedem Fall kommt darin, dass „Allahu Akbar“ überhaupt
als Protestparole denkbar ist, eine Begrenztheit oder Schwäche zum
Ausdruck, die zu überwinden eine Voraussetzung dafür ist, die
Islamische Republik zum Einsturz zu bringen. Letztlich kann der
Widerspruch nur dadurch aufgelöst werden, dass diese Rufe und auch
andere positive Bezugnahmen auf den Islam aufhören und eine
grundsätzliche Religionskritik an ihre Stelle tritt. Ansätze für eine
Distanzierung von islamischen Parolen sind auf manchen Videos
dokumentiert: Immer wieder einmal wird gegen einen „Allahu Akbar“-Ruf
von anderen Demonstranten „Tod dem Diktator“ oder die säkulare Hymne
„Ey Iran“ gesetzt, und neuerdings scheint in Teheran beim Vorpreschen
bei Straßenkämpfen mehr und mehr ein unartikuliertes Kriegsgeschrei an
seine Stelle zu treten. Für die andere Option, einen modernisierten
politischen Islam zu propagieren, der im Westen anschlussfähig ist,
steht vor allem das „Green Movement“ außerhalb des Iran, also die
professionellen Mousavi-Freunde von „United4Iran“, die beispielsweise
in Wien „Allahu Akbar“ skandiert haben.
Prodomo: Massen, die auf
brennenden Barrikaden „allahu akbar“ gröhlen, einen ehemaligen
Ministerpräsidenten der islamischen Republik als Märtyrer verehren,
eine nationalistische Bewegung... Sieht das nicht alles nach einer
konformistischen Rebellion aus und könnte man da nicht die Einschätzung
etwa der „gruppe morgenthau“ teilen, die sich sicher ist, dass
den Freiheitbestrebungen „Mehrheit entgegen(steht), die bereit ist, den
Tugendterror im Gottesstaat zu ertragen oder fortzusetzen“? Ist ein
Sieg des „Green Movement“ da überhaupt wünschenswert?
Esther Marian: Es wäre falsch, die Punkte, die
einem am Aufstand im Iran aufstoßen können, zu verschweigen und ihn
einfach zu bejubeln. Jeder von ihnen bezeichnet die Gefahr, dass alles
auch diesmal in einer Katastrophe enden könnte. Diese mögliche
Katastrophe wird aber in ihrem Ausmaß erst dann ermessbar, wenn man
sieht, welche Zukunftsperspektive die iranische Freiheitsbewegung
eröffnet. Dagegen wappnet sich die „gruppe morgenthau“, die sich mehr
für die Verrenkungen Frankfurter Linker zu interessieren scheint als
für revolutionäre Ereignisse, die dafür „nur den aktuellen Hintergrund“
abgeben, und offenbar fürchtet, die eigene politische Identität könnte
Schaden nehmen, wenn man sich zu große Hoffnungen auf einen Sturz der
Islamischen Republik macht. Man kann aber nicht einfach das ABC, das
man als Antideutscher an Deutschland zu buchstabieren gelernt hat –
also dass man im Zweifelsfall immer eine Mehrheit gegen sich stehen hat
– einfach auf den Iran übertragen. Wenn man auch sonst über den Iran
nichts weiß, so kann man doch wissen, dass die Sittenpolizei dort nicht
eben beliebt ist und die Bevölkerung sich seit Jahren widerspenstig
gegen islamische Restriktionen zeigt. Den allgegenwärtigen Hass auf den
Tugendterror und die Furcht vor ihm einfach vom Tisch zu wischen und im
lässigen Ton des Bescheidwissers zu unterstellen, das Programm einer
Mehrheit sei „jede Menge Racket, Familienbande und Sharia“, heißt
gerade das zu ignorieren, was an der iranischen Situation
außergewöhnlich ist und ihr ihre Bedeutung verleiht: dass hier
möglicherweise erstmals in der Geschichte eine islamisch-faschistische
Gesellschaft von innen heraus gesprengt und damit der globale Zug zu
islamischer Elendsverwaltung und projektiver Krisenexorzierung
aufgehalten wird. Irgendwo hat Benjamin einmal notiert, die Rettung
halte sich „an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe“.
Wenn es etwas gibt, das sich als ein solcher kleiner Sprung erweisen
könnte, dann ist es dumm, diese Möglichkeit von vornherein
auszuschließen, ohne sich die Mühe zu machen, näher hinzusehen, als
wäre die Katastrophe ein Zustand, in dem man gerne lebt und den man
sich von niemandem nehmen lässt. Das aber tut die „gruppe morgenthau“,
wenn sie unter Verweis auf Mousavi erklärt, „der überschwänglich
vorgetragene Optimismus im Hinblick auf die iranische Protestbewegung“
gehe „ein wenig zu weit“, und nicht nur den tatsächlich widerlichen
Appell der Frankfurter „Antifa F“ an den routinierten Pazifismus der
Deutschen ins Visier nimmt, sondern auch die Hoffnung denunziert, eine
Revolution könnte einem die „Entscheidung für eine militärische
Intervention“ – die mangels Machtbefugnissen ohnehin eine bloß
virtuelle Entscheidung ist – ersparen. Wenn die Islamische Republik
fällt, wird das unermessliche Auswirkungen haben, und der Islamismus
weltweit wird sich davon nicht mehr erholen. Das müsste doch eigentlich
auch die „gruppe morgenthau“ interessieren.
Prodomo: Ist es sinnvoll, die
Oppositionsbewegung im Iran als einen „Aufstand der Privatheit“
(Gerhard Scheit) zu bezeichnen?
Esther Marian: Es stimmt, dass die eigenen vier
Wände im Iran einen Rückzugsraum bilden, ein Terrain relativer Freiheit
gegenüber den Zumutungen islamischer Verhaltensvorschriften. Khomeini
hat einmal von den „Schlupfwinkeln der Verderbtheit“ gesprochen. Zu
diesen Schlupfwinkeln, in denen sich der Widerstand gegen die
Verhüllungspflicht für Frauen, das Verbot von Alkohol, von Sexualität
vor oder jenseits der Ehe, von Kontakt zwischen den Geschlechtern
außerhalb genau vorgeschriebener Grenzen, von Homosexualität, von
sinnlicher Musik und Tanz und von kritischem Denken in jeder Form
verschanzt hat und die verbotenen Verhaltensweisen fortleben, gehört im
Iran sicherlich das Familienleben – ebenso wie Freundschaften und
Liebesbeziehungen, halbprivate Parties, Studentenzirkel,
Schönheitssalons oder Underground-Bands. Selbst das Exil stellt sich
aus der Perspektive der Islamischen Revolution, die ja einen globalen
Anspruch erhebt, als ein solcher Schlupfwinkel dar, den es letztlich zu
eliminieren gilt wie jeden anderen Konflikt, der die islamische Einheit
bedroht.
Gegenüber der Sphäre, die von der Sittenpolizei kontrolliert wird,
erscheinen diese Schlupfwinkel als privat. Das heißt aber nicht, dass
sie es ihrem Wesen nach sind, während Öffentlichkeit per se als
Herrschaftsbereich eines falschen Kollektivs definiert sein muss. Die
Unterscheidung zwischen öffentlich und privat, Citoyen und Bourgeois
lässt sich sinnvoll überhaupt nur innerhalb des Kategoriensystems der
liberal verfassten bürgerlichen Gesellschaft treffen. Wie Gerhard
Scheit zurecht hervorhebt, zerfällt das iranische Staatswesen in eine
Vielzahl von Rackets, die durch nichts zusammengehalten werden als
durch ihren gemeinsamen Bezug auf den Islam und den Feind, gegen den
sie sich formieren. Das Racket als Vergesellschaftungsform kennt aber
gerade den Unterschied zwischen öffentlich und privat nicht, sondern
erhebt einerseits einen absoluten Kontrollanspruch über seine
Mitglieder und führt andererseits die bürgerliche Konkurrenz zwischen
Privatleuten als Hauen und Stechen um Geld und Verfügungsgewalt
innerhalb des Rackets fort. Für das gigantische, während Ahmadinejads
Regierungszeit zum beinahe allein herrschenden Faktor aufgestiegene und
weiter angewachsene Konglomerat der Revolutionsgarden, denen auch die
Basiji formell untergeordnet sind, ist es charakteristisch, dass
diejenigen, die in ihm das Sagen haben, einen riesigen Sektor der
iranischen Ökonomie zu ihrem eigenen Nutzen und weitgehend ohne
öffentliche Kontrolle in staatlichem Auftrag verwalten. Die private
Bereicherung geht dabei mit Funktionen Hand in Hand, die üblicherweise
in den Bereich der staatlichen Exekutive fallen, wie Spitzelei, das
Betreiben von Gefängnissen oder militärische und paramilitärische
Einsätze. Schon in der liberalen Gesellschaft ist der Anspruch
ideologisch, die Fabrik sei kein öffentlicher Ort und was sich in ihr
abspiele, gehe niemanden außer den Eigentümer etwas an; die Kategorie
des Bourgeois unterliegt ebenso der Kritik wie die des Citoyen. Wie
sich die bürgerlichen Kategorien in einer nachbürgerlichen, von Rackets
dominierten Gesellschaft verwandeln, wäre genauer zu untersuchen.
Stattdessen gibt es im antideutschen Zirkelwesen die Tendenz, den
Bourgeois, also den Bürger als Privatmenschen, mit Individualität im
emphatischen Sinn und den Citoyen, das heißt den Bürger als öffentliche
Person, mit nationalsozialistischer Volksgemeinschaft zu verwechseln –
und zu unterstellen, eine Gesellschaft mit liberaler Tradition wie die
USA kenne die Kategorie des Citoyens gar nicht, worüber ein
durchschnittlicher Amerikaner, der sich selbstverständlich als citizen
und patriot begreift, nur den Kopf schütteln wird. Etwas von
dieser falschen Gleichsetzung steckt auch in der Bezeichnung dessen,
was im Iran geschieht, als „Aufstand der Privatheit“.
Tatsächlich ist das, was in diesem Aufstand passiert, nämlich Freiheit
und Glück der Individuen gegen eine staatlich-gesellschaftliche Ordnung
einzufordern, die sie verunmöglicht, ein öffentlicher Akt. Revolution
ist nicht privat und kann es niemals sein, banalerweise deshalb, weil
es dabei um die Verfasstheit des gesellschaftlichen Ganzen geht. Auch
der Inhalt dessen, was gegen die Islamische Republik in Anschlag
gebracht wird, ist nicht privat, denn das, was in der rudimentär noch
existierenden Privatsphäre fortlebt, die Idee einer nichtrepressiven
Einheit von Individuum und Allgemeinheit, für die verbotene Bücher,
freizügige Kleidung, Kunst oder Tanz einstehen können, ist mehr als
eine bloße Privatsache. Eben darum, weil die Verderbtheit in den
Schlupfwinkeln die gesellschaftliche Synthesis tangiert, gefährdet sie
beständig die Islamische Republik, und nur deshalb wohnt ihr die
gesellschaftliche Sprengkraft inne, die der islamischen Verfassung ihr
wohlverdientes Ende bereiten kann und wird. Gerhard Scheit selbst
spricht von einem „Vorstoß in den öffentlichen Raum“ und davon, „sich
auf der Straße wie im Wohnzimmer benehmen zu können“. Das impliziert,
dass die Verhaltensweisen, um die es geht, nicht an das Wohnzimmer
gebunden sind, sondern von sich aus auf die Straße drängen. Und auch
Facebook und Twitter sind, genau besehen, nicht so privat, wie Gerhard
Scheit in seinem Aufsatz meint, sondern Veröffentlichungsformen im
Internet, die freilich deshalb, weil sie keinen privilegierten Zugang
kennen und in ihnen – anders als beispielsweise im Fernsehen oder auch
auf Indymedia – kein Moderator über Inhalte vorentscheidet, zum Zweck
der Assoziation einander gleichrangiger Individuen geeigneter sind als
andere Medien.
Prodomo: Die Behauptung, die
iranische Opposition bestünde in erster Linie aus reichen
Mittelstandskindern, gehört zum Allgemeingut und wird meist in
denunziatorischer Absicht vorgetragen. Ist darin irgendein Körnchen
Wahrheit? Wo bleibt der Klassenkampf? Und was bringt die iranische
Opposition für den Kommunismus?
Esther Marian: Unter denjenigen, die auf die
Straße gegangen sind und sich dort exponiert haben, sind tatsächlich
Studenten überrepräsentiert. Das kann man recht genau sehen, wenn man
die Listen derjenigen durchgeht, die bei Straßenkämpfen ums Leben
gekommen sind. Zwar entspricht der Iran nicht unbedingt dem Klischee
des Dritte-Welt-Landes, in dem das Studium nur einer verschwindenden
Minderheit Privilegierter offensteht – es gibt ungefähr vier Millionen
Universitätsstudenten, doppelt so viele wie im größeren Deutschland
– aber trotzdem heißt die hohe Beteiligung von Studenten, dass
Mittelschichtskinder bei den Protesten eine herausragende Rolle
gespielt haben. Das lässt sich auch daran erkennen, dass an den
Universitäten die Demonstrationen gegen Khamenei und das Prinzip der
Herrschaft der Rechtsgelehrten noch dann weitergingen, als im Oktober
und November überall sonst Friedhofsruhe eingekehrt zu sein schien. In
der Geschichte der iranischen Revolutionen waren die Universitäten
immer Zentren der Unruhe und der gesellschaftlichen Diskussion und es
ist kein Zufall, dass es zu den Routinemaßnahmen der Islamischen
Republik gehört, die Studenten an Protesttagen im Campus einzusperren,
und die Studentenwohnheime zu den bevorzugten Angriffszielen von Basij
und Ansare Hezbollah gehören. Auch kein Zufall ist es, dass die
Regierung eine erneute Säuberung der Universitäten von allen
unislamischen Elementen angekündigt hat.
Der denunziatorische Unterton, mit dem immer wieder auf die Beteiligung
der iranischen Mittelschicht verwiesen wird, unterstellt aber, dass das
irgendwie gegen die Unruhen spricht, und da kann man zunächst die
Gegenfrage stellen, warum eigentlich. Man könnte sich ja auch darüber
freuen, dass die Mittelschicht einmal für sinnvolle Dinge auf die
Straße geht und dafür bereit ist, einen hohen Preis zu zahlen, statt,
wie es ja sonst allgemein eher üblich ist, andere den Kopf hinhalten zu
lassen. Doch es wird schnell klar, dass es gar nicht darum geht. Dafür
braucht man nur einen Artikel wie Jürgen Elsässers „Glückwunsch,
Ahmadinedschad“ zu lesen, der dem iranischen Regime dafür applaudiert,
einige der „Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und Strichjungen des
Finanzkapitals“, die hier „eine Party feiern“ wollen, in einen
„Darkroom“ befördert zu haben, und damit auf den Punkt bringt, was
andere, die von ähnlichen Ressentiments getrieben werden, denken, ohne
es so drastisch aussprechen zu wollen. Es geht um die Zielrichtung der
Proteste, nämlich um den Hedonismus und die individuelle Freiheit, die
als Abgehobensein von den wirklich dringenden Bedürfnissen erscheinen:
Nur eine kleine Minderheit verhätschelter Mittelschichtskinder
beschäftigt sich demnach mit Luxus wie Schönheit, freier Sexualität,
freier Meinungsäußerung oder der Gleichstellung von Frauen und Männern,
während jeder andere im Iran seine Interessen von Ahmadinejad am besten
vertreten findet. Diese Auffassung sagt weniger über die Verhältnisse
im Iran aus als über die Attraktion, die die islamische
Brosamen-Welfare-Ökonomie auf Metropolenlinke ausübt, und beikommen
kann man ihr deshalb letztlich nur mit einer Kritik der
antizivilisatorischen Sehnsüchte im Westen.
Trotzdem ist die Frage nach dem Sachgehalt der Vorstellung auch
berechtigt, weil sich Elsässer und Konsorten hinter den Iranern, die in
ihrer Mehrheit angeblich Ahmadinejad und die Islamische Republik
gutheißen, verstecken. Und deshalb ist gleich nach der Gegenfrage, was
an an einer breiten Beteiligung der Mittelschicht so schlimm sein soll,
zu sagen, dass die Vorstellung, der Hass auf das Regime beschränke sich
auf Leute ohne finanzielle Sorgen, falsch ist und nur deshalb dauernd
reproduziert wird, weil man das Bild des Arbeiters mit der schwieligen
Faust, der seine Hoffnungen in den absichtlich schlecht gekleideten,
auf seinen klapprigen Wagen stolzen Präsidenten setzt, für die eigene
Legitimationsbeschaffung braucht. Wenn die Millionen, die unmittelbar
nach den Wahlen auf die Straße gingen, allesamt reiche Kiddies wären,
dann würde daraus folgen, dass Teheran die Stadt mit der reichsten
Bevölkerung weltweit wäre. Die Videoaufnahmen von den Protesten zeigen
dann auch eine ziemlich gemischte Menge, die – wie die Bevölkerung des
Iran überhaupt – mehrheitlich jung ist und weder abgerissen aussieht
noch im Edellook demonstrieren geht, sondern zumeist Jeans und T-Shirt
oder andere für den Straßenkampf geeignete Kleidung trägt. Welche
Stellung diese Leute im Produktionsprozess einnehmen, weiß niemand
genau und man kann annehmen, dass, wie sonst unter jungen Erwachsenen
im Iran auch, viele unter ihnen arbeitslos sind, von ihren Eltern
abhängen oder sich von Job zu Job hangeln. Auf Fotos und Videos aus den
ersten Protesttagen sind immer wieder auch Frauen und Männer mit
aufwendigerem Styling zu sehen, doch anders als die antihedonistischen
Antiimps meinen, für die man nur genügsam oder reich sein kann, sagt
selbst das nichts Eindeutiges über die gesellschaftliche Lage aus; ein
lesenswerter Artikel von Mehdi Esmaeeli, The Street fighting
Soosool, beschäftigt sich mit dem Phänomen des südteheraner
Schönlings, der sein knappes Geld für schicke Klamotten ausgibt und
anders als sein nordteheraner Spiegelbild dann, wenn ihm ein Basiji
dumm kommt, zurückschlagen kann. Keineswegs auch sind die Slogans
hauptsächlich in englischer Sprache, wie man es von ahnungslosen
Eiferern immer wieder triumphierend vorgehalten bekommt, noch lässt
sich aus Kundgebungsorten im besser gestellten Nordteheran viel
schließen, da zu den großen Demonstrationen stets Menschen aus allen
Stadtvierteln zusammenströmen. Tatsächlich haben manche der heftigsten
Kämpfe, in denen die Regimemilizen zurückgeschlagen und bei Einbruch
der Nacht aus ganzen Straßenvierteln vertrieben wurden, nicht im
Norden, sondern in Nazi Abad im südlichen Teheran stattgefunden. Eines
der markantesten Fotos, die an Aschura entstanden, zeigt, wie
Aufstandspolizisten von älteren, abgearbeitet aussehenden und sicher
nicht der Mittelschicht angehörenden Männern Prügel beziehen.
Die Proteste nach den Wahlen waren und sind kein Klassenkampf und schon
gar nicht wird dieser von Mousavi und anderen Reformislamisten
ausgefochten. Wenn Arbeiter aus dem Industrieproletariat oder andere
nicht bloß lohnabhängig, sondern körperlich Arbeitende, auf die die
Frage ja offenbar abzielt, an ihnen teilnahmen, dann taten sie es nicht
als solche. Die Straßenkehrer mit orangenen Overalls und Besen, die auf
frühen Protestvideos zu sichten waren und offenbar dem öfters zu
hörenden Aufruf „Bruder Straßenkehrer, fege Mahmoud weg“ nachkommen
wollten, waren eine Ausnahmeerscheinung. Relevanter als solche
sporadischen Manifestationen, die allerdings auch schon dem Klischee
vom treuherzig zu Ahmadinejad haltenden Underdog widersprechen, ist die
explizite Solidaritätserklärung der 2005 wiedergegründeten Gewerkschaft
der Busfahrer in Teheran und Umgebung, einer der wenigen unabhängigen
Gewerkschaften im Iran, mit den Anti-Regime-Protesten. Im Iran sind
alle Arbeiterassoziationen außer den staatsnahen „Islamischen Räten“
und deren Dachorganisation „Khaneye Kargar“ illegal und mit brutaler
Unterdrückung konfrontiert, und die für ihre Unerschrockenheit
gegenüber dem Regime berühmt gewordenen Busfahrer, deren Vorsitzender
Mansur Osanlu nun schon seit Jahren im Gefängnis sitzt, haben dies
viele Male zu spüren bekommen. Neben der Busfahrergewerkschaft nehmen
in dem Netzwerk illegaler Arbeitervereinigungen, das sich im Iran in
den vergangenen Jahren gebildet hat, drei weitere Gewerkschaften eine
herausragende Stellung ein: die ebenfalls erst vor kurzem gegründete
Gewerkschaft der Haft Tapeh Zuckerwerke, die Freie Vereinigung
Iranischer Arbeiter und die Gilde der Metall- und Elektroarbeiter
Kermanshah. Anscheinend aus den Reihen dieser vier Gruppierungen heraus
ist kürzlich als Plattform für künftige Organisationsarbeit das
„Network of Iranian Labor Unions“ gegründet worden. Keineswegs teilt
das „Network“ die Meinung, die Protestbewegung gehe es nichts an oder
stehe auf der falschen Seite, sondern es sympathisiert ausdrücklich mit
ihr, hat angekündigt, in Zukunft an allen ihren Demonstrationen
teilzunehmen und will in ihr seine eigenen, von dem Programm Mousavis
verschiedenen Ziele verfolgen. Laut Homayoun Pourzad, der als Sprecher
dieser Plattform auftritt, haben die dahinter stehenden Arbeiter vor,
sich in Zukunft besser zu organisieren, um ihre Forderungen,
zuallererst das Recht zur unabhängigen Assoziation, durchsetzen zu
können und zusammen mit sich neu bildenden Vereinigungen in absehbarer
Zeit einen Generalstreik möglich zu machen. Nicht zufällig haben die
vier Gewerkschaften in ihrer gemeinsamen Erklärung zum 11. Februar den
Generalstreik von 1978 in Erinnerung gerufen und die Revolution als
„Februarrevolution“ statt als „islamische Revolution“ bezeichnet – was
die Drohung impliziert, im Nachhinein wahr zu machen, woran sich eine
ganze Generation iranischer Linker festhält, deren Parteien vor 31
Jahren den Antiimperialisten Khomeini unterstützten und dann
ausgeschaltet wurden: dass die Revolution, an der sie teilnahmen, ihrem
Wesen nach nicht islamisch war. Schon in den frühen 80er Jahren, als
die während der Revolution entstandenen Arbeiterräte zerschlagen
wurden, war es der vorrangige Zweck der neu gegründeten „Islamischen
Räte“, solche revolutionären Vorhaben zu unterbinden, und es ist eine
ihrer Funktionen geblieben, die Bildung genuiner Arbeiterassoziationen
durch ständige Überwachung, Einschüchterung und islamische
Indoktrination der jeweiligen Belegschaft schon im Vorfeld abzufangen
und sie, wenn es doch dazu kommt, gewaltsam zu unterdrücken. Die
Islamische Republik hat einiges unternehmen müssen, um den Streik,
nachdem dieser einmal als revolutionäres Mittel erprobt war, in den
Rahmen des reinen Lohnstreiks zurückzuzwingen, und selbst in diesem
erkennt sie, obwohl sie ihn grundsätzlich erlaubt, zielsicher die alte
gefährliche Waffe wieder. Anders als in Deutschland sind Streiks im
Iran eine ziemlich alltägliche Angelegenheit, weil sie das einzige
Mittel gegen die üblich gewordene monatelange Nichtauszahlung von
Löhnen, miserable Arbeitsbedingungen und eine extreme Unsicherheit der
Jobs darstellen. Eine ebenso alltägliche Erfahrung ist es, dass Streiks
und Arbeiterdemonstrationen mit Festnahmen, Knüppeleinsätzen,
Messerattacken und manchmal auch mit Einsatz von Schusswaffen
beantwortet werden. Man braucht also nicht einmal nach besonderem Luxus
zu rufen, sondern nur täglich die Rechnungen fürs Nötigste bezahlen
wollen, um Grund genug zu haben, das Regime loszuwerden – und das gilt
um so mehr, seit die Lebenshaltungskosten unter Ahmadinejads Regierung
in wahnwitzige Höhen gestiegen sind, so dass sie bei Einkommen um die
300 oder 400 Dollar so hoch wie in Europa oder höher sind.
Die Preise für Lebensmittel, Strom und Benzin werden weiter drastisch
ansteigen, wenn die seit dem Iran-Irakkrieg vom Staat gezahlten
Preissubventionen für Privathaushalte und Unternehmen wegfallen, wie
dies der von Ahmadinejads Regierung schon 2008 entworfene, kürzlich vom
Parlament verabschiedete ökonomische Reformplan vorsieht. Dieses
Vorhaben hat auch unter denjenigen für einen Stimmungseinbruch gesorgt,
die 2005 noch für Ahmadinejad gestimmt hatten, weil dieser das
Basij-Ideal des einfachen, aber gerechten und gottgefälligen Lebens
gegen seinen Rivalen Rafsanjani in Anschlag brachte und versprach, „den
Armen“ mehr von den staatlichen Öleinnahmen zukommen zu lassen. Neben
Ahmadinejads Ankündigungen, dass „der Kapitalismus“ weltweit bald
zusammenbrechen werde, ist es hauptsächlich dieses Versprechen, das
westliche Linke dazu motiviert hat, in ihm so etwas wie einen
Gesinnungsgenossen zu sehen, schließlich fordern sie, sieht man einmal
von der Ölrente ab, über die all dies finanziert wird, etwas ziemlich
Ähnliches. Zwar ist es grundsätzlich auch unter den schlechtesten
Lebensbedingungen noch möglich, die Krise zu externalisieren und die
Schuld am Elend, soweit es nicht ohnehin als gottgewollter Zustand
gerechtfertigt wird, auf eine äußere Macht oder deren angebliche
Repräsentanten zu schieben, gegen deren maßlose Profitgier die
islamische Wohlfahrtstätigkeit dann als letzte Bastion erscheint.
Deshalb muss die islamische Mobilisierung, die ja gleichzeitig auch
Begehrlichkeiten aller Art, wenn sie sich bei den Subalternen regen,
auf den äußeren Feind projiziert und an ihm exorziert, nicht unbedingt
zusammenbrechen, wenn die Ökonomie deterioriert. Ihr Fluchtpunkt ist
letztlich der Tod, der alle Konflikte, die zwischen der Identität
Gottes mit sich selbst und dem bedürftigen, widerspenstigen Leib
bestehen, endgültig beseitigt – und zu töten und zu sterben ist immer
möglich. Doch selbst Ahmadinejad scheint eine Ahnung davon zu haben,
dass dieses Schema im Iran nicht mehr reibungslos funktioniert: Im
Wahlkampf letztes Jahr hat er die hohen Inflationsraten und
Arbeitslosenquoten lieber zurechtgefälscht als sie, wie es ja auch
denkbar wäre, in einen antiimperialistischen Kampfauftrag gegen den
gottlosen und daher für die Weltwirtschaftskrise verantwortlichen
Westen umzumünzen. Natürlich lehnt nicht jeder im Iran die Islamische
Republik ab, auch heute nicht, und Ahmadinejad genießt nach wie vor
einige Unterstützung, primär im Wohlfahrtsracket Basij. Doch diese
Unterstützung ist unsicherer geworden. Ihre zahlenmäßige Stärke ist
schwer abzuschätzen – ein Indikator sind vielleicht die
pro-Regime-Kundgebungen von Dezember bis Februar, die gemessen am
ungeheuren Aufwand, den die Regierung dafür betrieben hat, klein und
wenig kämpferisch ausfielen. Unter den mehreren Millionen Mitgliedern,
die der Basij Regimeangaben zufolge hat, sind viele nicht aus
Überzeugung, sondern aus rein pragmatischen Gründen dort, weil die
Mitgliedschaft für sie die einzige Möglichkeit ist, an Stipendien,
Kredite, kostenlose Berufsausbildung oder finanzielle Unterstützung zu
kommen. Noch halten diese Zuschüsse die Reihen halbwegs zusammen, aber
es ist unklar, wie lange noch. Wie auch immer, nichts ist verächtlicher
als westliche Linke, die im Namen derjenigen, die auf dergleichen
Zuwendungen angewiesen sind, dem religiösen Massenracket zu
applaudieren, das die Almosen verteilt, wie es ja auch im Fall von
Hezbollah und Hamas ständig passiert, denen ihre Wohlfahrtstätigkeit
immer wieder zugute gehalten wird. Solcher Applaus ist ein Applaus für
Not, Verdummung und Entmündigung, also gerade für das, wogegen man sich
als allererstes zu wenden hätte.
Wenn man fragt, was bringt das für den Kommunismus, dann hängt das
natürlich von der Vorstellung ab, die man von Kommunismus hat. Wenn
dieser gleiche Armut für alle bedeuten soll, dann bringt es gar nichts
und man findet in Ahmadinejad womöglich tatsächlich den besseren
Vorkämpfer. Was die Unruhen im Iran jedoch auszeichnet, ist, dass sie
zum ersten Mal das Glück des Individuums als höchstes Ziel wieder auf
die Tagesordnung stellen. Hierin liegt ihre Dignität wie ihr enormes
Umwälzungspotential weit über den Iran hinaus. In der Geschichte der
kommunistischen Weltrevolution, die eine Geschichte ihres Misslingens
ist, ist die Kritik fast vergessen worden, die Marx einmal am „rohen
Kommunismus“ übte, der „ein bestimmtes begrenztes Maß“ hat und in
seiner „abstrakten Negation der ganzen Welt der Bildung und
Zivilisation“, der „Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen
und bedürfnislosen Menschen“, nicht über das Privateigentum hinaus,
sondern „nicht einmal bei demselben angelangt ist“. Diese unnatürliche
Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen ist heute Inbegriff
dessen, was sich Kommunisten unter Kommunismus vorstellen, und
dementsprechend ist es nur konsequent, wenn sie den Islam dem American
Way of Life vorziehen und sich damit schwer tun, jenen Iranern
ihre Solidarität auszusprechen, die die Kartoffeln, die Ahmadinejad
während des Wahlkampfs austeilte, als Beleidigung zurückgewiesen haben.
Ein Kommunismus, der etwas taugt, dürfte nicht das einfache und
gerechte Leben propagieren, sondern müsste für Luxus und Lust Partei
ergreifen; er dürfte nicht die USA ihrer Hybris wegen bekämpfen,
sondern müsste selbst das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten
errichten wollen. Damit haben die Teheraner Discomiezen, Strichjungen
und Drogenjunkies, die sich nach westlichem Lebensstil, Schönheit und
freier Sexualität sehnen, ohne für das, worauf sie abzielen, ein
politisches Etikett zu haben, weit mehr zu tun als die
zivilisationsmüden Metropolenlinken, die Hedonismus als dekadent
ablehnen und nichts Besseres als Umverteilung, ökologische
Artenvielfalt bei Mensch und Pflanze und die gemeinsame Jagd auf
gierige Manager und Spekulanten kennen. Der Aufstand gegen die
Islamische Republik, der als Aufstand gegen den Islamismus zugleich
einer gegen erzwungene allgemeine Armut und die Degradierung des
Menschen zu einem zitternden Stück verletzlichen Fleisches ist, hat
aufs Programm gesetzt, was in der Weltgeschichte beinahe schon
abgeschrieben war: die Verwirklichung ungegängelten individuellen
Glücks und die Abschaffung der Angst. Diese Zielsetzung wird auch für
die Riots und Streiks bestimmend sein, die dann zu erwarten sind, wenn
mit der kommenden Pleite zahlreicher Unternehmen und den damit
einhergehenden Entlassungen große Teile der iranischen Bevölkerung ihre
Lebensgrundlage verlieren. Sie wird die islamische Krisenverwaltung, in
der Krisenverleugnung und Kriseneskalation zusammenfallen und
Maßlosigkeit in jeder Form ausgetrieben wird, künftig unmöglich machen.
Wenn eine Revolution gegen die Islamische Republik gelingt – und die
Voraussetzung dafür ist der bisher noch nicht vollzogene endgültige
Abschied von allen ihren Denkformen –, wird dies der Anfang vom Ende
der globalen islamischen Konterrevolution und ihrer
kulturrelativistischen Apologeten sein. Es wird zugleich der Beginn
einer besseren Weltrevolution sein, und die Iraner werden darin die
Avantgarde sein.
Prodomo: Es könnte sein, dass
Israel in der nächsten Zeit versucht, durch einen Militärschlag das
iranische Atomprogramm auszuschalten. Gibt es irgendeine plausible
Prognose, wie die Opposition darauf reagieren würde?
Esther Marian: Nein, die gibt es nicht
wirklich. Kann sein, dass das auch davon abhängt, wie ein solcher
Militärschlag aussähe, wie viele Tote es dabei gäbe, was sonst noch
bombardiert würde und ob die Atomanlagen zerstört werden können, ohne
dass eine große Menge an radioaktivem Material austritt. Zweifellos
würde die iranische Regierung versuchen, die Situation dazu zu nutzen,
durch eine Formierung gegen Israel die Nation wieder hinter sich zu
bringen und die gegenwärtige Krise in einen offenen regionalen Krieg zu
transformieren – nach dem Vorbild des Iran-Irakkrieges, den Khomeini
damals als „Gottesgeschenk“ bezeichnete. Es ist vorstellbar, dass sich
die Islamische Republik durch eine solche Formierung retten könnte, was
auch einer der Gründe dafür sein dürfte, dass Israel einen solchen
Militärschlag bislang nicht unternommen hat, sondern abwartet, was
passiert. Andererseits scheint die Autorität der Regierung und des
Revolutionsführers irreparabel beschädigt zu sein und nichts ihnen mehr
helfen zu können, vielleicht nicht einmal die in einem solchen Fall zu
erwartenden Solidaritätserklärungen Mousavis, Karoubis oder Khatamis.
Es ist deshalb auch möglich, dass die Formierungsversuche nach hinten
losgehen würden und die gegen Israel auf die Straßen gerufenen Massen
sich stattdessen gegen die islamische Führung wenden würden, um der
Transformation der Krise in einen großen Krieg durch den Sturz der
Islamischen Republik zuvorzukommen – falls das nicht schon vorher
geschieht.
Wie zu vielem ist die Haltung des „Green Movement“ zu Israel nicht
eindeutig. Mousavi, Karoubi, Khatami oder gar Rafsanjani sind sicher
keine Freunde Israels. Es gibt ein Bild aus Mousavis Wahlkampf, auf dem
seine Frau Zahra Rahnavard auf einer israelischen, einer amerikanischen
und einer britischen Flagge herumtrampelt, und von Rafsanjani stammt
das berüchtigte Zitat, wonach eine einzige auf Israel abgeworfene
iranische Atombombe genügen würde, um die Ziele „der Imperialisten“ zu
durchkreuzen, während sie in der islamischen Welt nur Kollateralschäden
anrichten würde. Wenn Mousavi einfach durch Wahlen ins Präsidentenamt
gekommen wäre, hätte er vermutlich den Krieg gegen Israel
einschließlich der Hochrüstung der von ihm selbst mitgegründeten
Hezbollah und der Arbeit an der Atombombe unverändert fortgeführt –
ungestörter als Ahmadinejad, der durch seine Rhetorik der Apokalypse
eine Verständigung mit den USA und europäischen Ländern erschwert. Aus
diesem Grund hat der Mossad-Chef Meir Dagan gegenüber der Knesset
unmittelbar nach den iranischen Wahlen den Sieg Ahmadinejads als
kleineres Übel begrüßt. Einem Präsidenten Mousavi die Hand zu
schütteln, wäre für Obama, der ja als erster Präsident der USA
ausdrücklich nicht nur dem Iran, sondern der Islamischen Republik seine
Anerkennung und seinen Respekt ausgesprochen hat, kein Problem gewesen,
und Israel, das eine atomare Bewaffnung der Islamischen Republik nicht
hinnehmen kann, wäre hierdurch aufs äußerste isoliert worden.
Da aber die Regierung ständig Israel als Drahtzieher hinter Revolten
ausmacht, „eine Welt ohne Zionismus“ zu ihrem letzten Ziel erklärt,
jeden Protest mit Israel identifiziert und – wie frühere Regierungen
auch – Hezbollahis aus dem Libanon zur Aufstandsbekämpfung im Iran
einsetzt, bedeutet das Festhalten an der Gegnerschaft zum Regime
zwangsläufig, sich gegen die antizionistische Propaganda stellen zu
müssen. Dass dies tatsächlich geschieht, und nicht nur vereinzelt,
sondern massenhaft, zeigte sich am al-Quds-Tag, als die Parole „Tod
Israel“, die aus den Regierungslautsprechern schallte, nicht
wiederholt, sondern demonstrativ zurückgewiesen wurde und eine
ausdrückliche Entsolidarisierung von Hamas und Hezbollah stattfand.
Inzwischen ist es beinahe schon zur Gewohnheit geworden, jedesmal, wenn
von der Regierung die Parole „Tod Israel“ ausgegeben wird, Slogans
gegen Khamenei oder gegen Russland zurückzurufen. Es gibt ein Video vom
al-Quds-Tag, auf dem der Parolenausrufer, der für das Einpeitschen des
Slogans „Tod Israel“ zuständig ist, durch die permanente Sabotage
dieser Parole so irritiert ist, dass er versehentlich „Tod Paläst...“
ruft und erschrocken innehält, woraufhin die Menge, die den
Lautsprecherwagen umgibt, in schallendes Gelächter ausbricht. Diese
Szene, die nirgendwo sonst denkbar wäre, führt vor, dass im Iran sowohl
der Antisemitismus als auch der Islam, den zu kritisieren mit der
Zurückweisung des Antizionismus zusammenfällt, weit weniger tief
verankert ist als in der arabischen Welt.
Das heißt nicht, dass die Regimegegner völlig immun gegen den
Antizionismus wären. Es ist die eine Sache, ihn in seinen plattesten
Formen als teils lächerliche, teils bedrohliche Wahnidee zu erkennen,
und eine andere, ihn auch in seinen subtileren Erscheinungsformen zu
durchschauen. Die ständige Propaganda gegen Israel wird von vielen
Iranern zwar als Herrschaftsinstrument der Islamischen Republik
identifiziert und abgelehnt, aber die Denkfigur, dass die
palästinensische Bevölkerung das wehrlose Opfer eines grausamen Feindes
sei, gegen den sie sich schließlich erhebt, trifft dennoch auf einige
Resonanz. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Vorstellung, das
brutale Vorgehen der Milizen der Islamischen Republik sei „wie in
Palästina“, weit verbreitet ist, wobei die israelische Armee für
staatliche Repression schlechthin steht. Der Ruf „Iran ist Palästina
geworden“, der gelegentlich zu hören ist, kann so übersetzt werden,
dass die Unterdrückung durch die Islamische Republik so extrem geworden
sei, dass gegen sie nun eine Intifada angesagt sei. Auf manchen Videos
rufen Leute prügelnden Basijis auch „Israeli“ als Schimpfwort
hinterher. In die gleiche Kerbe haben Karoubi und Mousavi geschlagen,
als sie erklärten, die al-Quds-Demonstrationen müssten sich gegen
Unterdrückung nicht nur „in Palästina“, sondern überall richten und
damit die Zustände im Iran meinten, oder als Karoubi davon sprach, dass
die Schonungslosigkeit, mit der die Basijis Frauen prügeln, schlimmer
sei als das, was „die zionistischen Verbrecher dem unterdrückten
palästinensischen Volk antun“. Hierher gehört auch die unter
Säkularisten beliebte Vorstellung, dass Israel als jüdischer Staat mit
der Islamischen Republik als islamischem Staat vergleichbar sei und
genau wie dieser religiösen Tugendterror nach innen und aggressive
Expansion nach außen betreibe. All dies bedeutet einerseits eine
grundsätzliche Anerkennung des Antizionismus und andererseits seine
Umkehrung und partielle Entfunktionalisierung: Projizieren die Anhänger
der Islamischen Republik ihre eigene Skrupellosigkeit, ihre Mordlust
und ihren Expansionismus auf Israel, wird diese Projektion von ihren
Gegnern halb durchschaut und auf sie zurückgewendet, ohne sie
aufzulösen. Was die palästinensische Intifada wirklich ist und dass ihr
Kern die Parole „Itbakh al Yahud“, „Schlachtet den Juden“ ist, spielt
in diesen Projektionen kaum eine Rolle. Trotz der „Allahu Akbar“-Rufe
ist das, was im Iran passiert, keine Intifada.
Die Mobilisierung gegen Israel gehört zum Kern des Funktionsmechanismus
der Islamischen Republik, und sich von ihr in jeder Form loszusagen,
ist Voraussetzung für eine säkularistische Revolution. Dazu gehört die
Einsicht, dass sich nach einem Ende des Regimes Israel und der Iran im
Kampf gegen die islamische Konterrevolution auf derselben Seite
wiederfinden werden. Netanyahu hat das in seiner Rede vor der UN im
September 2009 vorweggenommen, als er die iranischen Demonstranten
pries „as they bravely stand up for freedom“, und die Mitgliedsstaaten
der UN zur Solidarität mit ihnen und damit zum Kampf gegen einen
Fanatismus aufrief, in dem „civilization against barbarism, the
21st century against the 9th century, those who sanctify life against
those who glorify death“ stehen. Was das 9. Jahrhundert angeht, irrt
sich Netanyahu, der als liberaler Ideologe von einer inhärenten Krise
des Kapitals und ihrer barbarischen Austreibung nichts wissen kann und
will. Wenn die Iraner sich jedoch für ein solches Bündnis mit Israel
entscheiden, was gleichbedeutend mit einer Entscheidung gegen die
Verherrlichung des Todes ist, dann wird dies zugleich heißen, dieser
Krise offen ins Auge zu blicken.
25. Februar 2010
Die Fragen stellte WALTER FELIX
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