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In eigener Sache
Liebe Leserinnen und Leser,
„Man erwartete den Islam und den Terrorismus. Gekommen ist die soziale
Frage“, schreibt die Zeitschrift Wildcat angesichts der
Gewaltexzesse in den französischen Vorstädten. Sicher ist man sich,
dass es „nicht um Religion“ geht, denn die „Bärtigen machten eher die
Clowns zwischen CRS-Bullen und brennenden Autos“.
Dass die „Bärtigen“ nicht den Clown, sondern den Vermittler zwischen
Staat und Straßenbanden machten, entgeht den Klassenkämpfern vom Wildcat
ebenso wie dem Klassenfeind, der bürgerlichen Presse: Es sei „falsch,
die Unruhen der letzten Tage mit dem Islam in Verbindung zu bringen.
Zwar löste die Tränengaskapsel der Polizei, die in einer Moschee
landete, sofort die üblichen Pawlowschen Reflexe aus. Doch die Aufrufe
der muslimischen Sprecher zur Ruhe und die Aufstellung einer
muslimischen Bürgerwehr, die Konfrontationen zwischen der Polizei und
den Krawallmachern verhindern soll, zeigen, daß die Vertreter der
Religion weit davon entfernt sind, das Feuer zu schüren“ (Die Welt,
3.11.05). Nicht der Islam sei also das Problem, sondern „wo das
wirkliche Problem“ liege, habe „ein namenloser junger Bewohner von
Clichy-sous-Bois auf den Punkt“ gebracht, „der sich nach der
Kranzniederlegung an der Unglücksstelle des Mikrofons bemächtigte: ‚Wir
halten nichts davon, Autos kaputtzumachen. Aber es gibt keine
Wohnungen, es gibt keine Arbeit, und der Bürgermeister hat kein Geld.
Das ist es, was man Sarkozy sagen muß.’“ (ebenda).
Und so sind sich mal wieder alle einig in Deutschland: Der Aufstand in
den Banlieues war ein sozialer Protest, ein verzweifelter Schrei der
Unterdrückten und Ausgegrenzten nach Liebe und Anerkennung. Die Taz
drückt diese merkwürdige Form des Mitleids noch unverblümter aus: „Die
jungen Franzosen aus den Vorstädten sind auf die Barrikaden gegangen,
weil sie sich ohne Arbeit und Perspektive ihrer Würde beraubt sehen.
Das muss sich dringend ändern. Mit dem Islam haben diese Unruhen nichts
zu tun.” (Taz, 8.12.05)
Nicht auszudenken, was los wäre, wenn in Duisburg-Hochfeld oder
Köln-Chorweiler auf einmal Jugendliche auf die Idee verfallen würden,
ein biss-chen Intifada zu spielen. Aber wenn es in Frankreich passiert,
dann ist man sich allerorten sicher, dass die Gewalt mit der verfehlten
Sozialpolitik zusammenhängt, weshalb dergleichen im Musterstaat
Deutschland überhaupt nicht vorstellbar sei. In Deutschland bedarf es
keines Aufstandes, der den Staat zur Verhängung des Ausnahmezustandes
provoziert. Hier sind Ausnahme- und Normalzustand nicht voneinander zu
trennen, gehört die Krisenprävention zur vornehmsten Aufgabe des
Staates. Deshalb ist die Übernahme staatlicher Ordnungsfunktionen durch
Repräsentanten der islamischen Gemeinschaft hierzulande auch ohne
Staatsnotstand gängige Praxis. Natürlich fällt in Deutschland niemandem
auf, dass es ein Skandal allererster Güte ist, ausgerechnet die Imame,
die in regelmäßigen Abständen Gewalt in der Ehe, Zwangsheirat,
Steinigung und Selbstmordattentate rechtfertigen, zur
Konfliktbewältigung einzusetzen. Der Islam ist in Deutschland eine
geachtete und respektierte Herrschaftsform, weshalb er naturgemäß zur
„Mitbestimmung” aufgefordert wird.
Eine Gesellschaftskritik, die auf die Abschaffung von Herrschaft zielt,
muss den Islam an prominenter Stelle als Feind benennen. Er ist nicht
mehr länger ein exotisches Phänomen, das fernab der westlichen
Metropolen als feudaler Überrest existiert und als ein Problem unter
vielen anderen behandelt werden kann. Der Islam wird zusehends stärker
und bedroht emanzipatorische Bestrebungen weltweit. Aus diesem Grund
wird die Islam-Kritik weiterhin an zentraler Stelle in der Prodomo
zu finden sein.
Viel Vergnügen bei der Lektüre.
Redaktion Prodomo
Köln, Januar 2006
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