|
Zollkontrolle
GEORG WEERTH (1846)
Der Dampfer hielt. Wir waren in Antwerpen. Am Ufer empfing mich der
Frühling, der schöne Junggeselle, und schüttelte alle seine Blütenbäume
vor Freude, daß er mich wiedersah. Schon wollte ich ihm jubelnd um den
Hals fallen, da ergriff mich der Zollkontrolleur beim Arme und bat um
Erschließung der Koffer und Reisesäcke.
„Lieber Mann, es soll Ihnen alles erschlossen werden!“ - und ich gab
mich auf der Stelle daran, dem treuen Staatsdiener die ganzen
Geheimnisse meiner Bagage auseinanderzulegen. „Sehen Sie hier, elf
Hemden. Nummer zwölf, den Ischariot, trage ich auf dem Rücken!“
„Beides zollfrei!“ erwiderte der Kontrolleur.
„Ferner drei Hosen, vier Röcke, sechs Westen, zwanzig Paar Strümpfe,
vierzig Sacktücher, achtzig Schlafmützen - sind Sie zufrieden?“
„Keineswegs!“ erwiderte der Kontrolleur. „Sie haben auch Bücher - !“
„Gewiß habe ich Bücher! Und welche! Sehen Sie hier den Shakespeare -
den werden Sie auswendig wissen, weil Sie ein gebildeter Mann sind.
Ferner den Rabelais, in dem Sie jeden Abend vor dem Schlafengehen lesen
müssen, weil Ihnen dann niemals Ihre Sünden einfallen werden. Ferner
den Chevalier Faublas, den Sie noch aus der Mädchenschule kennen und
gewiß behalten haben. Hierauf der Heine, der Heinrich Heine, sämtliche
Werke - den liebe ich - der einzige lebende Poet, den ich beneide, weil
er mein größester Konkurrent ist. Ich versichere Ihnen, ich hasse den
Heine - ach nein! ich liebe ihn nur zu sehr. Ferner die Bibel - von der
Sie gehört haben werden. Der Hieronimus Jobs in Goldschnitt - der
Menzel halbfranz - der Freiligrath voll Staub - der Simrock broschiert
- der Gutzkow unaufgeschnitten - und mehrere Exemplare deutscher Poeten
- nicht der Rede wert!“
„Aber lieber Herr, wie kann man eine solche Bibliothek mit sich
führen?“ fragte der Kontrolleur.
„Nicht wahr? Ist es nicht schrecklich? Aber das ist noch gar nichts! Da
sollten Sie erst einmal meine eignen, unsterblichen Werke sehen!
Siebenzig Bände und darüber, ungedruckt und ungelogen - dort in jener
Kiste - was ich in stillen Mitternächten schuf - lauter kritische
Arbeiten. Gegen die Philosophie. Gegen die Theologie. Gegen die
Medizin. Gegen das Recht. Gegen die Familie. Gegen das Eigentum. Gegen
die Liebe. Gegen den Teufel. Gegen die Hühneraugen. Gegen --“
„Stille! Stille! Stille!“ murmelte der Kontrolleur...
Aus: Georg Weerth, Sämtliche Werke in fünf Bänden,
Herausgegeben von Bruno Kaiser, Zweiter Band, Prosa des Vormärz,
Aufbau-Verlag, Berlin 1956, S. 145/146.
Artikel als
pdf-Dokument herunterladen
|