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Abstraktion als Prinzip
Eine Bonner Ausstellung widmet sich der
Geschichte des Konstruktivismus
MICHAEL BERKE
Wenn sich eine Ausstellung Von Kandinsky bis Tatlin.
Konstruktivismus in Europa nennt, dann muss das zunächst stutzig
machen. Denn Wladimir Tatlin hat den Begriff des „Konstruktivismus“
erfunden und war so gesehen stilbildend und daher keineswegs Endpunkt
der konstruktivistischen Bewegung. Der Titel kann also nicht als
immanente zeitliche Abfolge gemeint sein, sondern müsste eine
künstlerische Entwicklung von Kandinsky bis zum Konstruktivismus
andeuten. Doch auch das trifft nicht zu, schließlich präsentiert die
Ausstellung im Bonner Kunstmuseum zahlreiche Künstler (zu nennen wäre
hier etwa Josef Albers), die erst nach Tatlin kamen und den
Konstruktivismus erweiterten beziehungsweise nur noch als einen
Einfluss unter anderen enthielten. Darüber hinaus wäre der etwas
großspurige Titel auch insofern zurechtzustutzen, weil von Kandinsky
nur drei, von Tatlin sogar nur ein einziges Werk zu sehen ist. Damit
stünde fest, dass der Titel der Ausstellung absoluter Murks ist.
Und doch könnte er durchaus seinen Zweck erfüllen, wenn seine
Hochtraberei einige der zur großen Guggenheim-Ausstellung nach Bonn
angereisten Kunstfreunde im Anschluss ebenfalls in die
Konstruktivismus-Schau schleuste. Denn spannend ist sie allemal. Nicht
nur sind Werke einiger großer Namen (Malewitsch, Lissitzky, Rodtschenko
etc.) zu sehen, sondern der besondere Reiz der Ausstellung liegt darin,
dass Zusammenhänge und Brüche zwischen den einzelnen Schulen erkennbar
werden. So zieht sich der Riss zwischen Bauhaus beziehungsweise De
Stijl und russischer Avantgarde durch die gesamte Kollektion und es
wird sichtbar, dass diese beiden großen Zusammenführungen verschiedener
künstlerischer Techniken nicht nur Parallelen, sondern auch deutliche
Unterschiede aufweisen. Sehr richtig betont Gerhard Graulich in seinem
Katalog-Beitrag über das Bauhaus, dass Gropius „das mittelalterliche
Zunftwesen mit seinen Bauhütten als Ideal“ erschien, während der
Konstruktivismus „unter Verzicht der Tradition (…) ein neues an der
Technik orientiertes Gestaltungsideal“ formulierte. (1) Dieses neue
Gestaltungsideal war durchaus revolutionär. Gerade indem es sich vom
Gegenstand löste, drang es zu neuer Intensität hervor: als radikal
aufgeklärte Kunst, die das Dunkle und Mysteriöse ihrer Vorgänger, wenn
nicht erklärt, so doch sichtbar macht. Dies lässt sich besonders
deutlich an Kandinsky ablesen, der selbst zwar nicht dem
Konstruktivismus zuzurechnen ist (erst gegen Ende der 20er Jahre nahm
Kandinsky konstruktivistische Elemente auf), aber durchaus als Pionier
der abstrakten Kunst anzusehen ist. Was bei ihm noch reaktionär ist,
das Esoterische (Kandinsky war übrigens überzeugter Anthroposoph), wird
von den Konstruktivisten auf die Füße gestellt. Seine Schrift Über
das Geistige in der Kunst (1910) ist zweifellos ein wichtiger
Meilenstein auf dem Weg zu einer formalen Kunst. Die Kontemplation wird
durch die Konstruktion abgelöst.
Die Ideologie, die dem Konstruktivismus zugrunde liegt, ist – entgegen
aller Gerüchte – keineswegs kommunistisch, sondern höchst bürgerlich.
Die Konstruktivisten frönten einem Fortschrittsglauben, der dem der
bürgerlich-revolutionären Epoche in nichts nachstand. Die
Oktoberrevolution, in deren Gefolge der Konstruktivismus entwickelt
wurde, bildete den Startschuss für ein künstlerisches Programm, das die
Herrschaft über die Natur ästhetisiert und den Sieg des Menschen,
genauer: des Proletariats als des schaffenden Menschen feiert. Es
drückt sich hierin das Lob der Produktion aus, die zwar von ihrer
Warenförmigkeit befreit, aber dennoch nicht in vernünftigen Einklang
mit den Bedürfnissen der Individuen und der Natur gebracht werden
sollte. Es geht nicht um Versöhnung, sondern um Nutzbarmachung – dies
zeigen insbesondere die suprematistischen Kompositionen von Puni und
Tschaschnik, sowie die geometrischen Konstruktionen El Lissitskys, die
sich als mathematische Ordnung künstlerischer Formen darbieten.
Zwar war die sowjetische Avantgarde stets davon entfernt, ihren
künstlerischen Charakter aufzugeben – wie etwa das Bauhaus, das immer
„praktischer“ wurde und darüber die Autonomie der Kunst opferte – doch
kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Tatlin, Rodtschenko
und andere durchaus gewillt waren, Propaganda für die Sowjetunion auch
dann noch zu betreiben als bereits klar war, dass aus der
Weltrevolution nichts werden würde (2). Dass sie, als sich ihre
Hoffnungen in die Revolution als gescheitert herausgestellt hatten,
immer noch daran festhielten, dass ein neues Zeitalter angebrochen sei.
Gleichwohl lässt sich feststellen, dass die Avantgarde spätestens 1930
kollabierte, als sich Stalins Position gefestigt hatte. Es war kein
Platz mehr für die Konstruktion, für das Kreative, weil die Sowjetunion
längst unter der Knute des „zweiten Weltmarktes“ stand, der eine
Autonomie simulierte, wo doch bereits das Wertgesetz an den Säulen der
Revolution zu nagen begann.
Es ist seltsam, dass dieser Prozess des ökonomischen Zerfalls der
Sowjetunion sich in ironischer Weise im Konstruktivismus spiegelt.
Schließlich hatte dieser ausgerechnet die Abstraktion zum Prinzip
erhoben, hatte Subjektivität aus der Kunst verdrängt. Galt die
Abstraktion als radikaler Bruch mit der Nachahmung von Natur, als
Hinwendung zur Vernunft, so musste dieses Unterfangen zwangsläufig
deshalb scheitern, weil sich diese Transformation einzig in den Formen
bürgerlicher Rationalität vollzog. Die Versöhnung von Besonderem und
Allgemeinem wurde aufgegeben. Von der Nachahmung der Natur hatte sich
die Kunst zur Nachahmung der Technik, zur Abbildung der verwalteten
Welt, bewegt (3). Hierin steckt ein neuer Mythos, der sich – obwohl
allmächtig dünkend – dem abstrakten Prinzip ausliefert, sich selbst
durchstreicht. Die frühen, expressionistischen Werke einiger späterer
Konstruktivisten lassen noch erahnen, dass es ihnen darum ging, eine
vernünftige Ordnung einzurichten, in der dem Einzelnen zu seinem Recht
verholfen würde; in ihrer Blütezeit jedoch stellte sich die Totalität
als harmonische dar, wurden Widersprüche einfach glatt gebügelt. Der
Konstruktivismus ist daher der radikalste künstlerische Ausdruck
bürgerlicher Rationalität. Darin liegt seine Stärke – und zugleich
seine Schwäche.
Die Ausstellung Von Kandinsky bis Tatlin -
Konstruktivismus in Europa ist noch bis zum 29. Oktober 2006 im
Kunstmuseum Bonn zu sehen.
Anmerkungen:
(1) Gerhard Graulich, Vom Bauhaus zu
Abstraction-Création. Zur Internationalisierung des Konstruktivismus,
in: Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Von Kandinsky bis Tatlin.
Konstruktivismus in Europa (Ausstellungskatalog), Bonn/Schwerin
2006, S. 103. Es ist auch kein Zufall, dass die Ordnungskriterien in
der westeuropäischen abstrakten Kunst mitunter fast zunftmäßig
autoritär waren: so kam es zu einem heftigen Streit, als Theo van
Doesburg auf einmal seine Kompositionen nicht mehr ausschließlich
horizontal und vertikal, sondern quer anordnete.
(2) Man denke etwa an Malewitschs Die Rote Kavallerie (1928 –
1932), vgl. Philippe Videlier, Rote Kavallerie, in: Lettre
Internationale, Nr. 72/ 2006, S. 9 – 16.
(3) Zuvor schon hatten die Futuristen diese Technikbegeisterung auf die
Spitze getrieben, in dem sie – im Gegensatz zur russischen Avantgarde –
sogar den ersten Weltkrieg bejubelten und das Individuum negierten.
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