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Offener Brief an Seyran Ates
MINA AHADI / NAZANIN BORUMAND
Liebe Frau Ates,
die Nachricht über die Abgabe Ihrer Zulassung als Rechtsanwältin wegen
einer akuten Bedrohungssituation, in der Sie sich befinden, hat uns
erschüttert. Wir AktivistInnen der Kampagne ‚Vergesst niemals Hatun’
bedauern Ihren Rücktritt sehr. Wir haben Ihr Engagement und die Arbeit,
die Sie als Rechtsanwältin geleistet haben, sehr geschätzt. Jeder fragt
sich, warum es so weit kommen konnte, dass eine Rechtsanwältin im
Herzen des „freien“ Europas aus Angst zurück treten muss.
Manche glauben, dass die männliche Gewaltbereitschaft in der
Gesellschaft die ausreichende Antwort auf diese Frage wäre. Wir meinen
aber, dass Männergewalt noch nicht alles beantwortet. Wir als Kritiker
des politischen Islams meinen, dass diese Art der Gewalt politische
Hintergründe hat. Diese Hintergründe sind die islamischen fanatischen
Strömungen in Deutschland und Europa. Viele Frauenrechtsaktivistinnen,
die die frauenfeindlichen islamischen Gesetze und die Politik, die
diese Gesetze unterstützt, kritisieren oder gegen Kopftuchtragen und
Religionsunterricht in den Schulen sind und den Ehrenmorden auf den
Grund gehen wollen, werden ständig bedroht und müssen mit dieser
Situation alleine fertig werden. Das kann so nicht weitergehen!
Solange der politische Islam und die Institutionen, die diese Politik
unterstützen und sie ausführen, nicht direkt kritisiert werden und
durch progressive Menschen und Strömungen unter Druck gesetzt werden,
wird der politische Islam immer weiter seine Ziele in Europa verfolgen,
sich verbreiten und versuchen, Menschen wie Sie einzuschüchtern, zu
terrorisieren und mundtot zu machen.
Wir begrüßen Ihre Haltung und finden es sehr mutig, dass Sie Ihre
Aktivitäten in der Politik fortsetzen wollen und vor allem nicht
aufgeben. Wenn die Islamisten es schaffen, dass immer mehr Mädchen aus
dem islamischen Milieu auch in der Schule Kopftuch tragen müssen und
immer wieder Moscheen gebaut werden, in denen Männer zur Gewalt auch
gegen die eigenen Frauen, Töchter und Schwestern getrieben werden,
säkulare Menschen wie Theo Van Gogh in Holland und Hatun Sürücü in
Berlin ermordet werden, dann werden sie in den Ländern wie Iran,
Türkei, Pakistan und Irak noch stärker und dreister. Dies ist eine
Problematik, von der wir alle betroffen sind, ob Mann oder Frau, jung
oder alt, ob in Holland, Deutschland, Frankreich oder in Iran,
Afghanistan und Türkei. Daher wäre die Beschränkung dieser politischen
Problematik auf die Gewalttätigkeit der Männer ein großer Fehler und
würde uns davon abhalten, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Es ist
wichtig, dass wir in Europa alles in Bewegung setzen, um die politische
islamische Bewegung, die so systematisch terrorisiert, zurückzudrängen
und ihr das Handwerk zu legen. Frauen und Kinder aus dem islamischen
Milieu sind schutzlos und können sich nicht gegen Gewalt in der Familie
wehren. Die Regierung in Deutschland und die Gesetzgebung scheint kein
Interesse daran zu haben, gegen diese Situation etwas zu unternehmen.
Ganz im Gegenteil, die Politik der deutschen Regierung stärkt den
politischen Islam, hilft ihm immer mehr sich auszubreiten und hinter
dem Vorwand der multikulturellen Gesellschaft wird der kulturelle
Relativismus verbreitet.
Liebe Frau Ates, wir werden Ihre Aktivitäten weiter mit Interesse
verfolgen und wissen die Rolle von Frauen wie Ihnen für die Freiheit
der unterdrückten Frauen zu schätzen. Wir säkulare Frauen und Männer,
die für eine Welt ohne Gewalt kämpfen, sind nicht wenige. Wir streben
eine Gesellschaft ohne Zwangsverschleierung, die Trennung von Religion
und Staat, und letztendlich eine bessere Welt an. Wir müssen
zusammenhalten, unsere Stimme erheben und gemeinsam gegen Gewalt und
Terror des politischen Islams in Europa etwas unternehmen.
Unser Ziel ist, dass keine Frau aus dem islamischen Milieu Opfer der
Gewalt durch den eigenen Vater, Bruder oder Ehemann wird und vor allem
keine Frau wie Sie wieder bedroht und terrorisiert wird.
Mina Ahadi und Nazanin Borumand
Im Namen der Kampagne ‚Vergesst niemals Hatun!’
9. September 2006
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