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Herr S. und die Natur
Alfred Schmidt zum 75. Geburtstag
INGO ELBE
Alfred Schmidt hat in der kritischen Gesellschaftstheorie
der Bundesrepublik vornehmlich zwischen den 1950er und 70er Jahren
deutliche Spuren hinterlassen. Der Horkheimer- und Adorno-Schüler
gehörte zur ersten Generation der Theoretiker des Frankfurter SDS,
promovierte 1960 mit einer vielbeachteten Arbeit über den Begriff
der Natur in der Lehre von Marx, wurde 1972 Professor für
Philosophie in Frankfurt und garantierte mit seinen Veröffentlichungen
und seiner Lehrtätigkeit die Kontinuität der Motive vor allem der
frühen Kritischen Theorie auch in Zeiten ihrer
kommunikationstheoretischen Verwässerung durch Jürgen Habermas und
andere. Neben der Mitwirkung an der Herausgabe der Schriften Max
Horkheimers hat Schmidt wichtige Beiträge der Frankfurter Schule (1)
und des französischen humanistischen Marxismus (2) ins Deutsche
übersetzt. Sein gesamtes Werk ist geprägt von einer kritischen
Reflexion gesellschaftlicher Naturverhältnisse als objektiver
Vermitteltheit des Subjekts und subjektiver Vermitteltheit des Objekts.
Sein Denken kreist um die konstitutive Verwobenheit von erster und
zweiter Natur, versucht dabei aber zugleich die in emanzipatorischer
Absicht unerlässlichen Unterschiede zwischen beiden
kenntlich zu machen (3).
Eingedenken der ersten Natur und
Materialismus der zweiten Natur
Die Reflexion der
Vermitteltheit von Gesellschaft und Individuum durch die erste Natur
ist seit jeher ein zentrales Anliegen Alfred Schmidts. Das Projekt
eines „ökologischen Materialismus“ (4) jenseits regressiver Ideologien
einer ‚Rückkehr des Menschen zur Natur’ bildet dabei ein Kernmotiv in
Schmidts Denken bereits seit Anfang der 1960er Jahre, also zu einer
Zeit, als die ‚Öko-Bewegung’ noch gar nicht in Sicht war. In seiner
Dissertation werden vor allem in Abgrenzung zur ‚marxistisch’
drapierten Tonnenideologie des Ostblocks, aber auch zur
antikommunistischen Marx-Verhunzung im Westen, wenn auch erst
vorsichtig (5), bereits Einsichten der Marxschen Ökonomiekritik in die
destruktive Verlaufsform des kapitalistischen
Produktivkraftfortschritts und ihre ökologischen Konsequenzen
aufgearbeitet. Marx zeige, „daß das Glück der Menschen nicht einfach
dem Maß ihrer technischen Naturbeherrschung proportional ist, sondern
daß es [...] auf die gesellschaftliche Organisation der
Naturbeherrschung ankommt“ (6). Er wende sich gegen naiven
Fortschrittsoptimismus und reaktionäre Naturidolatrie, die von ihm so
genannte „christlich-germanisch-patriarchalische Naturfaselei“,
gleichermaßen (7). Wie für Brechts Herrn Keuner die Bäume „etwas
beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes“ haben, das „nicht
verwertet werden kann“ (8), weil er sie nicht mit den Augen eines
Schreiners betrachte, so hat Alfred Schmidt später im interesselosen
‚griechischen Blick’ des anthropologischen Materialismus Ludwig
Feuerbachs ein Gegengift gegen das Bestreben der totalen Auflösung der
menschlichen Umwelt in die verwertungslogischen Zwecke des Kapitals
gesehen. Gerade das vielgescholtene kontemplative Moment in Feuerbachs
Philosophie, seine Betonung von Anschauung, Selbstzweck, Kunst gegen
Arbeit, Nutzen, Egoismus, sein Gedanke, „die Natur in Frieden gewähren
und bestehen zu lassen“ (9), könne als „utopischer Entwurf“ (10) einer
Naturaneignung ohne zerstörerische Konsequenzen begriffen werden. Ziel
einer befreiten Menschheit, das allerdings erst in den ökologischen
Antizipationen des reifen Marx formulierbar werde, sei die
„gesamtgesellschaftliche Beherrschung der Naturbeherrschung“ (11),
nicht die Überwältigung der äußeren (oder inneren) Natur. Dennoch
distanziert sich Schmidt von dem, im westlichen Marxismus häufig
vorgebrachten, romantischen Gedanken einer Versöhnung von Mensch und
Natur, dem „identitätsphilosophischen Verschwinden“ (12) der Grenze
zwischen Subjekt und Objekt. So sei beispielsweise Marx’ Rede von
schlummernden Potenzen der Natur nicht im Sinne Ernst Blochs als
Antizipation eines kommenden ‚Natursubjekts’ zu verstehen, sondern
lediglich als „objektive Möglichkeit der Dinge, in bestimmte
menschliche Gebrauchswerte überführt zu werden“ (13).
Nicht nur die menschliche Umwelt wird in Schmidts Rekonstruktionen der
philosophischen Tradition zum Thema, auch das Eingedenken des
Naturhaften im Subjekt, bzw. eine Kritik der „Philosophie des bei
seiner Rechnung sich selbst vergessenden Subjekts“ (14) wird von ihm
vorangetrieben. Mit Denkern wie Feuerbach, Marx, aber auch
Schopenhauer, schließlich Freud und Horkheimer/ Adorno, versucht
Schmidt, philosophisches Denken auf das nicht im Begriff Aufgehende,
vornehmlich den leidenden und bedürftigen Körper des Menschen, zu
lenken. Auch hier spielt Feuerbach und seine Kritik der
verselbständigten, über die menschliche Natur herrschenden
Abstraktionen (Gott und Geist) eine entscheidende Rolle (15). Die
regressiven Potentiale der Feuerbachschen Kritik am
identitätsphilosophischen Vermittlungsmotiv Hegels, dem zufolge die
Natur durch die Arbeit des Begriffs vermittelt und letztlich selbst ein
geistiges Prinzip ist, werden aber von Schmidt eher vernachlässigt, was
jüngst Falko Schmieder in seinem Buch zur fatalen Aktualität Feuerbachs
bemängelt hat (16). An die Stelle der totalen Vermittlung durch den
Begriff setzt Feuerbach nämlich nicht, wie von Marx, Adorno und
letztlich auch von Schmidt intendiert, das materialistische Eingedenken
des Nicht-Identischen und endlich-gegenständlicher Vermittlungen,
sondern die totale Unmittelbarkeit, das stumme Zeigen und das Gefühl
als Wahrheitsinstanz. Schmidts Intervention, sich mit Feuerbach einem
materialistischen Subjekt-Begriff anzunähern, kann daher, ebenso wie
dessen Inanspruchnahme als Regulativ gegen ein bloß ‚mediatisierendes’
Naturverständnis, in seinen eigenen Worten als Reaktion auf die „Nöte
westdeutscher Intellektueller“ (17), namentlich eines das Individuum
vernachlässigenden und technokratischen Marxismus, verstanden werden
(18). Doch Schmidts Beharren auf der These, materialistisches Denken
sei auf das Glück des Individuums und die Abschaffung von Leid und
Mühsal verpflichtet, wird dadurch keineswegs in Frage gestellt. Nur ist
sein Bezug auf Marx als einzig konsequentem Denker in dieser
Perspektive (19) hier wesentlich plausibler als der Rekurs auf den
bürgerlichen Materialismus. Auch die Würdigung der Seite des
Materialismus, die Bloch seinerzeit als ‚Kältestrom’ gekennzeichnet hat
(20), bleibt gültig. Sie bietet nach Schmidt „Einsicht ins Sinnwidrige,
vielfältig Bedingte und Brüchige unserer Existenz“, weshalb
„materialistischer Philosophie, die etwas taugt, ein pessimistisches
Moment inne“ (21) wohne. Sowohl Triebverzicht als auch Naturbedingtheit
und Endlichkeit seien unverfügbare Elemente menschlichen Daseins, wie
sie bei Freud (kulturkonstitutiver Triebverzicht) und Marx (Reich der
Freiheit beruht auf einem Reich der Notwendigkeit) betont worden seien
(22). Doch ist Schmidt kein Apostel der Vergeblichkeit. Sein
Pessimismus wird nicht zur Ontologie oder negativen
Geschichtsphilosophie versteinert, sondern steht bei ihm stets im
Zusammenhang mit einem Materialismus der zweiten Natur.
Bei diesem, als praktisch-kritischem, steht die Reflexion der
gesellschaftlichen Vermitteltheit der Natur im Vordergrund. Zum einen
betont Schmidt die doppelte Historizität des Gegenstands
materialistischer Gesellschaftstheorie: Sowohl die Wahrnehmung des
Gegenstands als auch der Gegenstand selbst sind durch menschliche
Praxis unter historisch spezifischen Bedingungen vermittelt, „kein bloß
abzubildendes An-sich“ (23). Was bei Hegel noch als durch die Arbeit
des Begriffs bestehend gedeutet werde, das müsse mit Marx als durch
gegenständliche, aber bewusstseinsvermittelte Praxis bedingt verstanden
werden. Dieser Gedanke gehe in der marxistischen Orthodoxie mit ihrer
bei Engels beginnenden Widerspiegelungstheorie verloren. Diese deute
auch gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten, die Gegenstand insbesondere
des Kapital von Marx seien, naturalistisch fehlerhaft als nur
alternativ anwendbare, statt „in vernünftige Aktionen der befreiten
Individuen sich auflösend[e]“ (24). Die von Marxisten wie
Anti-Marxisten als Beweis wahlweise höchster Wissenschaftlichkeit oder
gerade unwissenschaftlicher Prophetie angeführte Behauptung von Marx,
er fasse die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise als
„naturgeschichtlichen Prozess“ (25), stellt nach Schmidt dagegen eine
kritische Aussage dar. ‘Natur’, bzw. ‘Naturwüchsigkeit’ seien negativ
bestimmte Kategorien (26), „ein einziges kritisches Urteil über die
seitherige Geschichte, in der die Menschen sich zu Objekten ihrer blind
ablaufenden ökonomischen Dynamik haben herabwürdigen lassen“ (27). Der
zur zweiten Natur erstarrte gesellschaftliche Zusammenhang der Menschen
wiederum sei als von ihnen selbst unter bestimmten
Vergesellschaftungsbedingungen ihrer Arbeit hervorgebrachter zu
dechiffrieren. Hegel wird dabei als Ontologe dieser
Subjekt-Objekt-Verkehrung begriffen (28), von dem –
historisch-materialistisch gewendet – der Gedanke der Herrschaft eines
„begriffliche[n] Element[s]“ (29) über die Subjekte entlehnt werden
kann. Das ‚Begriffliche’ stellt so eine spezifische Form des
gesellschaftlichen Zusammenhangs dar, „eine von der empirischen Welt
selber vollzogene Abstraktion“ (30) – den Wert als Realabstraktion.
Diesen ‚Begriffsrealismus’ der Marxschen Kritik fasst Schmidt
allerdings als einen ironisch gebrochenen auf (31), einen ‚Begriff’,
der den Menschen in Gestalt ihrer in der kapitalistischen
Produktionsweise „verselbständigten Verhältnisse“ (32) aufgenötigt
wird.
Dies ist auch der Einsatzpunkt der Kritik Schmidts am ‚theoretischem
Antihumanismus’ (33) der strukturmarxistischen Schule: Dieser
beschreibe zwar zu Recht die Nicht-Zurückführbarkeit kapitalistischer
Produktionsverhältnisse auf das bewusste Handeln von Menschen
respektive Individuen. Zugleich erhebe er aber die Verselbständigung
der Verhältnisse gegenüber den Individuen, die nur als deren ‚Träger’
in Betracht kämen, zur wissenschaftlichen Norm einer universalen
Theorie der Produktionsweisen und ontologisiere sie damit (34). Dass
sich der gesellschaftliche Zusammenhang ausgehend von den Subjekten und
ihren Handlungen nicht erklären lässt, also ein methodisches
Strukturprimat besteht, ist für Schmidt vom negativ-verselbständigten
Charakter der Produktionsverhältnisse nicht vollständig abzulösen. Doch
tendiert Schmidt, ganz in der Tradition der Kritischen Theorie, dazu,
den Emergenz-Charakter des Sozialen (35) gänzlich mit Entfremdung zu
identifizieren, sodass ein methodologischer Individualismus in
emanzipatorischer Perspektive entsteht, der davon ausgeht, dass
der von Adorno so genannte ‚Sozialnominalismus’, die Rückführung
gesellschaftlicher Phänomene auf ‚verstehbare’ Handlungen der
Individuen, die korrekte Beschreibungsweise für eine im emphatischen
Sinne freie Gesellschaft sei: „Sobald die Menschen aufhören, sich [...]
die dinghafte Herrschaft des Allgemeinen [...] gefallen zu lassen, gilt
der ‚Nominalismus’ wieder, das heißt, es wird ein Zustand erreicht, in
welchem die merkwürdigen Entitäten verschwinden, denen die Menschen
ausgeliefert sind [...] Das Ganze geht planvoll aus bewußten und
vernünftigen Akten der Individuen hervor“. (36) Dadurch verliert,
Schmidt zufolge, auch der Bereich des Geistig-Kulturellen
seinen „Überbaucharakter“ (37).
Geschichte und Struktur
Der Materialismus der zweiten Natur ist für Schmidt am
konsequentesten im Marxschen Kapital durchgeführt. Während
die Historisierung des historischen Materialismus noch als
Reformulierung zentraler Motive der klassischen Kritischen Theorie
gelten kann, formuliert Schmidt in seinem Referat zum Kolloquium 100
Jahre ‚Kapital’ im Jahre 1967 einen für die entstehende
Marx-Rekonstruktionsdebatte wegweisenden Katalog programmatischer
Forderungen, die die verschwiegene Orthodoxie der Kritischen Theorie in
Sachen Ökonomiekritik durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem
Marxschen Spätwerk seit den Grundrissen ersetzen sollen. Er
hebt dabei drei Aspekte einer zeitgemäßen „Methode der
Marx-Interpretation“ (38) hervor: Erstens müsse von Differenzen
zwischen den expliziten metatheoretischen Reflexionen von Marx und
seinem realen Vorgehen in den materialen Analysen des Kapital
ausgegangen werden. Es ist zwar unklar, ob Schmidt diesen Gedanken
direkt von Althussers strukturalem Marxismus aufnimmt; klar ist
hingegen, dass er damit – entgegen Althussers Pointe einer
antihegelianischen Lesart – gerade die Bedeutung der Logik
Hegels für die theoretische Struktur der Ökonomiekritik unterstreicht.
Marx selber habe diese sogar zu Unrecht herunter gespielt, indem er von
einem bloßen ‚Kokettieren’ mit Hegels Ausdrucksweise gesprochen habe
(39). Zweitens müsse eine zukünftige Marx-Exegese zweischrittig,
nämlich philologisch-rekonstruierend und deutend-applizierend,
verfahren. Bereits der erste Schritt könne dazu beitragen, einige
Unklarheiten der bisherigen Marx-Diskussion „rein philologisch [zu]
klären“ (40), während der zweite, als Inbezugsetzung der gründlich
bearbeiteten Texte zu Problemen der Gegenwart, die Aktualität Marxscher
Theorie(n) prüfe. Drittens schließlich sei Marx’ ökonomiekritisches
Spätwerk als hermeneutischer Schlüssel zum Verständnis des Frühwerks
heranzuziehen, nicht mehr dieses als ‚philosophisch-humanistisches’
jenem als ‚fachökonomisches’ oder gar ‚ökonomistisches’ abstrakt
gegenüberzustellen (41). Dieses Plädoyer für eine ‚rückwärtsgehende’
Erschließung der Kontinuität des Marxschen Denkens hat später
insbesondere Helmut Reichelt (42) in die Tat umgesetzt.
Schmidt weist bereits in seinem Kolloquiumsreferat von 1967 deutlich
auf den logisch-systematischen Charakter der Marxschen
Darstellungsweise hin (43) und begibt sich damit auf Konfrontationskurs
zur Orthodoxie, welche die Abfolge der Kategorien im Kapital
stets als „Spiegelbild“ empirisch-historischer Prozesse, lediglich
unter Absehung der „störenden Zufälligkeiten“ (44), gelesen hatte. In
seinem 1971 erschienenen Werk Geschichte und Struktur baut er
diesen Gedankengang vor allem anhand Marx’ metatheoretischer
Reflexionen in den Grundrissen aus. Demzufolge wird eine
„immanente Darstellung des Systems“ (45) der kapitalistischen
Produktionsweise durch dessen selbstreproduktiven Charakter ermöglicht.
Einmal aus historisch-spezifischen Bedingungen entstanden, „bildet
[...] der bürgerliche Zustand ein System, das rein aus sich erklärbar
ist“ (46). Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse reproduzieren
nun ihre ursprünglich vorgefundenen, nicht selbst gesetzten
Bedingungen, als ihre eigenen Resultate, weshalb es nach Marx „nicht
nötig“ sei, „um die Gesetze der bürgerlichen Ökonomie zu entwickeln,
die wirkliche Geschichte der Produktionsverhältnisse zu
schreiben“ (47). Umgekehrt, so Schmidt, sei das Begreifen des Wesens
des Kapitals Voraussetzung zur Identifizierung der „historischen
Voraussetzungen seines Entstehens“, da Marx ohne solche durchgeführte
Strukturanalyse „nicht einmal gewußt [hätte], wo und wie sie zu suchen
sind“ (48). Der Systemcharakter des Gegenstands, der „kontemporären
Geschichte“ (49) als Reproduktionsprozess des Kapitals, erfordere und
erlaube also eine dialektische Darstellung „im streng deduktiven Sinn“
(50). Das Kapital als komplexe Kategorie sei nämlich nur deshalb
‚immanent’ oder ‚deduktiv’ aus einfachen Kategorien, wie Ware, Geld und
einfache Zirkulation, durch ‚logisches’ Übergehen dieser in jene zu
entwickeln, weil alle diese Momente einander wechselseitig setzen und
voraussetzen (51).
Im Gegensatz zur „im weitesten Sinn empirischen“ (52) Forschung habe
nun die Darstellung konstruktiven Charakter deshalb, weil ihre
begriffliche Ordnung von der Reihenfolge des Auftretens der
ökonomischen Formen unabhängig sei (53), es „untubar und falsch“ (54)
wäre, sie mit dieser zu parallelisieren. Als Aufsteigen vom Abstrakten
zum Konkreten (in Gestalt des begriffenen Zusammenhangs der empirischen
Phänomene) sei sie „dem Hegelschen Systemgedanken verpflichtet“ (55).
Der Fortgang der Darstellung sei, wie bei Hegel, zugleich Rückgang in
den Grund des Anfangs. Das scheinbar Unmittelbare des Anfangs - das
‚Sein’ dort, die ‚einfache Ware’ hier – erweist sich damit als
Vermitteltes, durch Bezug auf ein anderes Gesetztes. Bei Marx „ist das
Fortschreiten von den äußeren, oberflächlichen ‚Erscheinungen’ der
ökonomischen Wirklichkeit zu deren ‚Wesen’ (inneren Gesetzen) [...] ein
Rekurrieren auf den ‚Grund’ der ‚Existenz’ dieser ‚Erscheinungen’. Auch
Marx ist davon überzeugt, daß das rückwärts gehende Begründen des
Anfangs [...] und das vorwärtsgehende Weiterbestimmen desselben’
(Hegel) sich uno actu vollzieht“ (56). Der Anfang der
Darstellung sei daher kein empirisch Konkretes und historisch Erstes,
wie von der ‚logisch-historischen’ Lesart behauptet, sondern „das im
Hegelschen Sinn ‚Abstrakte’“ (57) als Unterbestimmtes, begrifflich zu
konkretisierendes Moment des Gesamtzusammenhangs.
Der Primat des Logischen vor dem Historischen sei allerdings „nur
kognitiv zu verstehen“, keinesfalls ontologisch, „als seien die
Kategorien der Existentialgrund der durch sie vermittelten
Wirklichkeit“ (58). Im Gegensatz zu Hegel, der die gedankliche
Reproduktion des Konkreten mit dessen realer Hervorbringung durch das
als ‚Idee’ hypostasierte Denken verwechsle, bestehe Marx auf der
„Nicht-Identität von Erkenntnis und realer Genesis des Erkannten“ (59).
Weder sei das Realobjekt der Ökonomiekritik derart Resultat
begrifflicher Bewegung, noch drückten die es erfassenden Kategorien
„zeitlose[...] Wesenheiten“ (60), ein ewig in sich subsistierendes
absolutes System aus. Der Inhalt der strukturanalytischen
Kategorien ist demnach ein historischer. Die Grenzen der
Selbstbezüglichkeit des Gegenstands, die Verwiesenheit auf, aus seiner
Prozessualität nicht ursprünglich hervorgehende,
Voraussetzungen, markieren zugleich die Grenzen dialektischer
Darstellung, die „Einbruchstellen lebendiger Geschichte ins naturhaft
erstarrte System“ (61). Die gegebene Dynamik der Reproduktion erweise
sich für Marx zudem, weil ’widersprüchlich’ strukturiert, „als sich
selbst aufhebende und daher als historische Voraussetzungen
für einen neuen Gesellschaftszustand setzende“ (62). Schmidt arbeitet
so in Geschichte und Struktur zentrale Aspekte des
logisch-systematischen Charakters der Darstellung des modernen Systems
der zweiten Natur heraus. Auch wenn er dies – auf der metatheoretischen
Ebene verbleibend – in Anlehnung an Hegelsche Argumentationsfiguren
tut, konzediert er die Kritik am vorherrschenden historizistischen
Methodenkanon (63) als „das unbestreitbare Verdienst der
Althusser-Schule“ (64). Umso verblüffender, dass sich Schmidt nur an
einer Stelle seines Buches zu einer (gemäßigten) Kritik an Engels
durchringen kann (65). Hier wirken zwei Tendenzen zusammen. Einerseits
das offensichtliche Bemühen, Engels im Stile einer simulierten
Orthodoxie in die dissidente Strömung einer ‚logischen’
Kapitalinterpretation mit kognitivem Strukturprimat einzugemeinden, was
erkennbar wird, wenn im Zusammenhang mit der logischen Methode von
„ihre[n] Begründer[n]“ (66) die Rede ist oder Engels’
Widerspiegelungsmodell von Theorie und Geschichte mit Verweis auf den
historischen Gehalt der Kategorien als „im abstrakten Sinn
richtig“ (67) eingeschätzt wird (68). Engels historisiert aber – und
das ist die hier verschwiegene, entscheidende Differenz zu Marx – damit
die Form der Darstellung. Seine Aussage unterstellt
eine Parallelität zwischen geschichtlicher und darstellungsmäßiger
Abfolge der Formen, die von einer adäquaten Historisierung des
Gegenstands weit entfernt ist. Hier tauchen – andererseits -
begriffliche Unsicherheiten bei Schmidt auf. So ist die Formulierung,
im Kapital handle es sich um ‚konstruierte’ statt
‚narrativer’ Geschichte (69), durchaus in eine logisch-historische
Sichtweise integrierbar und das Zugeständnis an Lenin, die „Stufenfolge
Ware-Geld-Kapital“ gebe auch „den realen Prozeß“ (70) der
Entstehungsgeschichte des Kapitals wieder, führt direkt in die
historizistische Parallelitätsthese hinein.
Alfred Schmidt ist stets den Motiven der Kritischen Theorie treu
geblieben, hat sie aber nie bloß kommentiert, sondern entscheidend
daran mitgewirkt, sie wieder mit der Marxschen Kritik der politischen
Ökonomie in Verbindung zu bringen. Seine Arbeiten erfüllen eine Art
Scharnierfunktion zwischen westlichem Marxismus und neuer Marx-Lektüre
(71) und haben einen guten Anteil an der späteren
Rekonstruktionsdebatte, in die Schmidt allerdings dann nicht mehr
eingegriffen hat. Obwohl seine Beiträge in dieser Hinsicht über die
verschwiegene Orthodoxie der Kritischen Theorie in Methodenfragen der
Ökonomiekritik weit hinausgehen, hat Schmidt aber auch wichtige Motive
des Denkens der Frankfurter Schule vernachlässigt, zum Beispiel die
Theorie des Antisemitismus - ein Versäumnis allerdings, dass zumindest
in den 60er, 70er und noch 80er Jahren wohl die Mehrzahl, wenn nicht
gar sämtliche, Schüler von Horkheimer/ Adorno teilten.
Anmerkungen:
(1) Wie Herbert Marcuses Der eindimensionale Mensch
oder Max Horkheimers Zur Kritik der instrumentellen Vernunft.
(2) Z.B. Schriften Henri Lefèbvres.
(3) Vgl. Schmidt 1972, S. 29.
(4) Schmidt 1993a, S. I.
(5) Vgl. dazu das Vorwort zur Neuauflage von 1993a.
(6) Schmidt 1993a, S. 138.
(7) Vgl. ebd., S. 133f.
(8) „Herr K. und die Natur“ (Brecht GW, S. 382) (Schmidt bezieht sich
auch explizit auf diese Stelle in 1993, S. 159).
(9) Feuerbach, GW 5, S. 207.
(10) Schmidt 1988, S. 191.
(11) Schmidt 1993b, S. 210.
(12) Schmidt 1985, S. 330.
(13) Schmidt 1993a, S. 167.
(14) Schopenhauer zit. nach Schmidt 1977, S. 46.
(15) Schmidt zufolge entwickelt Feuerbach auch einen, wenn auch noch
abstrakten, Praxisbegriff (vgl. Schmidt 1988, 161ff.) sowie ein
Verständnis der primären Sozialität menschlicher Existenz (ebd., S.
239, 244), das von Marx auf die „noch konkretere [...] Ebene
geschichtlicher Praxis“ (ebd., 165) gehoben worden sei. Schmidt zeigt,
dass Feuerbach „weit geschichtlicher denkt als in der marxistischen
Literatur behauptet wurde“ (ebd., 219).
(16) Vgl. Schmieder 2004, S. 120f., 196.
(17) Schmidt zitiert nach Schmieder 2004, S. 121.
(18) Vgl. ebd., S. 120 (FN).
(19) Schmidt spricht auch von einem Marxschen Eudämonismus, der sich
sowohl gegen den gesellschaftsblinden Hedonismus als auch gegen dessen
idealistische Kritiker aus dem pflichtethischen Lager richte, vgl.
Schmidt 1993a, S. 154 oder 1977, S. 184.
(20) Vgl. Bloch 1985, S. 372. Bei Bloch ist dieser nüchterne Blick aufs
Diesseits aber deutlich optimistischer, als bei Schmidt.
(21) Schmidt 1977, S. 77.
(22) Vgl. Schmidt 1993a, S. 140-142.
(23) Schmidt 1993b, S. 205 sowie 1976, S. 39-46.
(24) Schmidt 1993b, S. 201.
(25) MEW 23, S. 16.
(26) Vgl. Schmidt 1993b, S. 201.
(27) Schmidt 1993a, S. 35.
(28) Vgl. Schmidt 1972, S. 27. Dieser Hinweis auf Marx’ zweite
Hegel-Rezeption – die dechiffrierende, nicht-nominalistische
Hegel-Kritik – wird in der so genannten ‚hegelmarxistischen’ Linie der
neuen Marx-Lektüre eine wichtige Rolle spielen.
(29) Ebd., S. 26. Vgl. Adorno 1998, S. 209.
(30) Schmidt 1972, S. 26.
(31) Diese These vom ‚ironischen Charakter’ der Marxschen Kategorien
findet sich bereits in den internen Debatten des Instituts für
Sozialforschung aus den 30er Jahren. Vgl. Horkheimer 1985, S. 402.
(32) Schmidt 1972, S. 52.
(33) Vgl. Althusser 1968, S. 179.
(34) Vgl. Schmidt 1971, S. 77, 103, 133. Diese Althusser-Kritik
Schmidts wurde später oft belächelt. Tatsächlich aber fasst Althussers
Definition von Praxis als „Veränderungsarbeit“, die „in einer
spezifischen Struktur Menschen, Mittel und eine technische
Gebrauchsmethode der Mittel verwendet“ (Althusser 1968, S. 104) diese
als ein subjektloses Subjekt und stellt somit eine Identifikation von
Praxis und entfremdeter Tätigkeit dar.
(35) Emergente Eigenschaften sind solche, die einem sozialen
Zusammenhang als Zusammenhang entspringen und nicht auf seine Elemente,
z.B. die Individuen, reduzierbar sind. Diese Reduktion kennzeichnet
aber den methodischen Individualismus der politischen Ökonomie und
ihrer neoklassischen Nachfolge.
(36) Schmidt 1972, S. 52.
(37) Schmidt 1993a, S. 143.
(38) Schmidt 1972, S. 32.
(39) Vgl. MEW 23, S. 27.
(40) Schmidt 1972, S. 33.
(41) Vgl. ebd.
(42) Vgl. Reichelt 1973, S. 24.
(43) Vgl. Schmidt 1972, S. 37.
(44) So Engels in seiner Rezension von Zur Kritik der politischen
Ökonomie (1859) (MEW 13, S. 475).
(45) Schmidt 1971, S. 39.
(46) Ebd.
(47) MEW 42, S. 373 (zitiert bei Schmidt 1971, S. 41).
(48) Schmidt 1971, S. 42 (vgl. auch S. 65).
(49) Ebd., S. 56; vgl. MEW 42, S. 372.
(50) Schmidt 1971, S. 56.
(51) Vgl. ebd., S. 66.
(52) Ebd., S. 47.
(53) Vgl. ebd., S. 43, 47.
(54) MEW 42, S. 41.
(55) Schmidt 1971, S. 47.
(56) Ebd., S. 64.
(57) Ebd., S. 61.
(58) Ebd., S. 47.
(59) Ebd., S. 51; vgl. MEW 42, S. 35.
(60) Schmidt 1971, S. 45.
(61) Ebd., S. 66. Noch wenige Jahre zuvor (1965) galt Schmidt die
Benennung der Grenzen der Dialektik im ‚Urtext’ noch als „dunkle[...]
Stelle“ (Schmidt 1993b, S. 192).
(62) MEW 42, S. 373 (zitiert bei Schmidt 1971, S. 74).
(63) Vgl. Schmidt 1971, S. 50, 106.
(64) Ebd., S. 107.
(65) Vgl. ebd., S. 44.
(66) Ebd., S. 43.
(67) Ebd., S. 45.
(68) Auch Stefan Breuer kritisiert an Schmidts Text, dass dieser
„Engels’ Mißverständnisse nicht thematisiert“ (Breuer 1977, S. 249
(Anm. 3)).
(69) Vgl. Schmidt 1971, S. 139.
(70) Ebd., S. 60.
(71) Zu diesen Begriffen vgl. Elbe 2006.
Angeführte und zitierte Schriften von Alfred Schmidt:
(1993a) [zuerst 1962]: Der Begriff der Natur in der
Lehre von Marx, 4. überarbeitete und verbesserte Auflage, Hamburg.
(1993b) [zuerst 1965]: Zum Verhältnis von Geschichte und Natur im
dialektischen Materialismus. In: Ebd.
(1988) [zuerst 1973]: Emanzipatorische Sinnlichkeit. Ludwig
Feuerbachs anthropologischer Materialismus, München.
(1985) [zuerst 1962]: Kritik der Mitproduktivität der Natur.
In: B. Schmidt (Hg.): Materialien zu Ernst Blochs ‚Prinzip
Hoffnung’, 2. Aufl., Ff/M .
(1977): Drei Studien über Materialismus, München/ Wien.
(1976): Die Kritische Theorie als Geschichtsphilosophie,
München/ Wien.
(1972) [zuerst 1968]: Zum Erkenntnisbegriff der Kritik der
politischen Ökonomie. In: W. Euchner/ I. Fetscher (Hg.): Kritik
der Politischen Ökonomie heute. 100 Jahre ‚Kapital’, gekürzte
Studienausgabe, Ff/M.
(1971): Geschichte und Struktur. Fragen einer marxistischen
Historik, München/ Wien
Weitere Literatur:
Adorno, Theodor W., Soziologie und empirische
Forschung. In: ders.: Gesammelte Schriften Bd. 8,
Darmstadt 1998 [zuerst 1957].
Althusser, Louis, Für Marx, Ff/M 1968 [frz. 1965].
Bloch, Ernst, Das Materialismusproblem, seine Geschichte und
Substanz, Ff/M 1985 [zuerst 1972].
Brecht, Bertolt, Gesammelte Werke, Ff/M 1967.
Breuer, Stefan, Die Krise der Revolutionstheorie. Negative
Vergesellschaftung und Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse, Ff/M
1977.
Elbe, Ingo, Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen. Lesarten der
Marxschen Theorie. In: J. Hoff/ A. Petrioli/ I. Stützle/ F. O.
Wolf (Hg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen
Philosophie, Münster 2006.
Feuerbach, Ludwig, Gesammelte Werke, Berlin 1967ff.
Horkheimer, Max, Die Marxsche Methode und ihre Anwendbarkeit
auf die Analyse der gegenwärtigen Krise. Seminardiskussionen 1936.
In: ders.: Gesammelte Schriften Bd. 12, Ff/M 1985.
Marx, Karl/ Engels, Friedrich, Marx-Engels Werke, Berlin
1953ff.
Reichelt, Helmut, Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei
Karl Marx, 4. Aufl., Ff/M 1973 [zuerst 1970].
Schmieder, Falko, Ludwig Feuerbach und der Eingang der klassischen
Fotografie. Zum Verhältnis von anthropologischem und Historischem
Materialismus, Philo-Verlag, Berlin/ Wien 2004.
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