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Die offene Gesellschaft und ihre Freunde
Anmerkungen zu den neuen Liberalen
JAN HUISKENS
Etwa fünf Jahre ist es jetzt her, dass sich große Teile der
Antideutschen von der Linken verabschiedet haben. Dies keineswegs
deshalb, weil ihnen nichts mehr an einer radikalen Veränderung der
Gesellschaft liegen würde, sondern - im Gegenteil - weil an den linken
Reaktionen auf den Massenmord vom 11. September überdeutlich zu
erkennen war, dass mit dieser Linken keine emanzipatorische Veränderung
zu machen ist. Die Kritik an der Linken wurde im Gefolge des Abschieds
immer ätzender, selbstkritisch wäre einzuräumen, dass sie so manches
Mal Züge einer enttäuschten Liebe trug. Stets ging es dabei jedoch
darum, der Linken ihre Komplizenschaft mit denjenigen Kräften
nachzuweisen, die bemüht sind, das mutmaßliche „Ende der Geschichte“
(Fukuyama) zu einem Ende jeglicher Zivilisation werden zu lassen.
Solange die Gesellschaft eine kapitalistische ist, muss jede
materialistische Kritik diese Form der Vergesellschaftung ins Visier
nehmen. Als Kapitalismuskritiker hat man jedoch das Problem, auch mit
Leuten in einem Boot zu sitzen, deren Position bestenfalls falsch,
schlimmstenfalls gefährlich ist. Schon bei Marx und seinen Genossen war
das so – es ist keineswegs ein Zufall, dass die Marxsche und Engelsche
Kritik am „wahren Sozialismus“ fast ausschließlich beinharte
Antisemiten traf (Proudhon, Dühring etc.). Die Kritik am reaktionären
Antikapitalismus ist unabdingbar; nicht als Freifahrtschein für ein
gutes Gewissen, sondern um die Möglichkeit der Überwindung
unmenschlicher Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Der Begriff des
„Kapitalismus“ ist selbst bereits ein Problem, wie Dirk Lehmann
überzeugend in der Prodomo dargelegt hat (1); „Kapitalismus“
meint zumeist etwas anderes als ein gesellschaftliches Verhältnis.
„Kapitalismus“ wird von Antikapitalisten als System verstanden, das den
Individuen (auch dem Volk, der Kultur, der Religion etc.) schroff
gegenübergestellt sei. Verdrängt wird, dass es die Individuen sind, die
in Ausübung ihres freien Willens Gesetze reproduzieren, denen sie sich
unterwerfen müssen. Der Zwang ist also hausgemacht.
Utopie = Massenmord?
Hier setzen die neuen Liberalen* an, die das bürgerliche
Individuum nicht nur gegen seinen regressiven Untergang im
faschistischen Kollektiv verteidigen, sondern es im Stile des
„deutschen Sozialismus“ zum „Menschen an sich“ verklären. Sie nehmen
die Ideologie vom freien Willen beim Wort und sind der Ansicht, es
liege einzig in der souveränen Entscheidung des Individuums, ob es sich
unterdrücken lassen wolle oder nicht (es entscheide sich für Ersteres,
weil ausgerechnet der Kapitalismus die vernünftigste Form
gesellschaftlicher Reproduktion sei). Jeder Wunsch nach Veränderung,
jede Utopie müsse automatisch auf Stalinismus und Massenmord
hinauslaufen, weil die „menschheitsbeglückenden politischen Heilslehren
(…) nichts als die Gier nach Macht über die Mitmenschen, gekleidet in
ein moralisches Gewand“, seien. (http://www.fdog.org/blog/1100/) Das
Eingeständnis, die Welt sei ja tatsächlich hin und wieder äußerst
hässlich, ist von einem zynischen Achselzucken begleitet, das gleichsam
als Ideologiekritik ausgegeben wird: Man müsse sich eben mit dem
abfinden, was man habe, da alles andere noch schlimmer sei. Doch dabei
bleibt die liberale „Ideologiekritik“ nicht stehen. Ihr reicht es nicht
zu sagen, dass Faschismus, Islamismus und nationaler Sozialismus
sicherlich unangenehmer sind als jede bürgerliche Demokratie, sondern
sie verkündet selbst eine Heilslehre: Der Kapitalismus sei toll,
lindere Not und Elend und führe zu größtmöglicher Zufriedenheit. Es
wird gepredigt, die heilenden Wirkungen der Marktwirtschaft seien
„zweifellos bewiesen“, sogar „wissenschaftlich“. Was bürgerliche
Wissenschaft zu leisten vermag, lässt sich an den erbrachten Beweisen
ablesen: Dürre und beliebig ausgewählte Fakten, etwa über das
Wirtschaftswachstum einer Nationalökonomie, verdrängen das konkrete
Leiden von Individuen aus dem Blickwinkel. Die Aussage, es habe „in
einer Demokratie noch nie eine Hungersnot“ gegeben
(http://www.fdog.org/blog/enjoy-liberalism/) verschweigt indes, dass
tagtäglich Millionen Menschen hungern – und zwar auch in Demokratien.
Die falschen Verallgemeinerungen der VWL werden zu Wahrheiten der Art:
„Menschen in westlichen Demokratien sind durchschnittlich (…)
die Glücklichsten auf dem Erdball“ aufgeblasen. Wer unter den
Durchschnitt fällt, hat Pech gehabt oder ist eine faule Socke. Doch all
die „Zahlen und Statistiken“, die die Freunde der offenen Gesellschaft
ständig im Munde führen, können nicht von der Tatsache ablenken, dass
Millionen Menschen im Elend leben. Und das ist der tagtägliche Skandal,
der eine Abschaffung des Kapitalismus moralisch gebietet.
Die falsche Trennung von Markt und Staat
Bedürfnisbefriedigung habe sich ausschließlich
warenförmig zu vollziehen, wer diese Warenform überwinden will, gilt
bereits als mit dem Ruche des Totalitarismus behaftet. Die neuen
Liberalen glauben, dass den Individuen am besten dadurch zu Glück
verholfen werden könne, indem man die angebliche unsichtbare Hand des
Marktes frei walten lasse. „Die Notwendigkeit zu verkaufen“ zwinge
„jeden Produzenten möglichst exakt DAS herzustellen, was seine Kunden
seiner Erfahrung und Einschätzung nach konsumieren werden. Der Kunde
ist König. Er besitzt ein einfaches Zwangsmittel gegen idiotische,
schlechte, zu teure, gesundheitsschädliche, unmoralische oder
fehlgeleitete Produktion. Er kauft bei der Konkurrenz.“
(http://www.fdog.org/blog/1135) Dass das Geld tatsächlich ein
„Zwangsmittel“ ist, nämlich im wörtlichen Sinne einer zwanghaften
Vermittlung, fällt dem Autor gar nicht auf. Die Tatsache, dass ein
Individuum erst einmal über dieses Zwangsmittel verfügen muss, dass es
sich also bereits ausbeuten lassen bzw. den Direktiven des Staates als
„Arbeitsloser“ unterwerfen muss, um die souveräne Entscheidung über die
Wahl seines Tauschobjektes fällen zu können, erscheint bei den
Liberalen überhaupt nicht als Problem. Arbeitszwang und Herrschaft
werden ausgeblendet. Dass ein Mensch zu buckeln hat, hinterfragen sie
überhaupt nicht, sondern setzen es wie selbstverständlich voraus und
sind darin eines Sinnes mit den so gehassten Maoisten, Leninisten und
Stalinisten, die ebenfalls den Grundsatz haben: „Wer nicht arbeitet,
soll auch nicht essen.“ Die liberale Gesellschaftsanalyse verbleibt
völlig auf der Ebene der Zirkulation, auf der jeder ökonomische Vorgang
Gleichheit vorgaukelt, indem diese Gleichheit im Tauschakt tatsächlich
gesetzt wird. Die Gleichheit des Tausches beruht aber auf der Lüge,
dass Birnen und Äpfel identisch seien. Insofern als die aberwitzige und
dieser Gesellschaft zugrunde liegende Annahme einer Gleichheit von
völlig unterschiedlichen Gegenständen einen Staat erfordert, der die
Prinzipien des Warentausches garantiert (2), beruht die Gleichheit auf
der permanenten Androhung von Gewalt, die im Bedarfsfall von den
staatlichen Apparaten ausgeht. Wer den Markt als Heilmittel und großen
Stifter von Gleichheit sieht, vergisst, dass dieser notwendig die
staatliche Gewalt erfordert, die Gleichheit gegen das Besondere
durchsetzt. Der Marktradikalismus ist daher immer schon ein Etatismus,
die Frage dreht sich nur darum, wann der Staat eingreifen soll, um die
wahr gemachte Lüge der Gleichheit aufrecht zu erhalten. Auch dass die
Liberalen, gerade Hayeks Lehrer Mises – „der Ahnherr der neoliberalen
Theorie“ –, in bestimmten historischen Krisensituationen durchaus
bereit waren, auch den Faschismus als einen solchen Garanten für eine
bestimmte Zeit zu akzeptieren, zeigt, wie wenig von der liberalen
Kritik des Etatismus zu halten ist. (3)
Liberalismus und Arbeitszwang
Das autoritäre Gefasel von „Drückebergern“,
„Sozialschmarotzern“ und „Parasiten“ verkneifen sich die neuen
Liberalen zwar bisher, aber lange kann es nicht mehr dauern bis ihr
Antikommunismus sich vollständig der Ideologie des Gemeinwohls
überantwortet hat. Der Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft, Gerd
Habermann, den die Freunde der offenen Gesellschaft zu einer
Veranstaltung über das Thema „warum Sozialismus zu Armut und
Unterdrückung führt – immer und überall“ eingeladen haben, ist
diesbezüglich jedenfalls bereits an vorderster Front aktiv. In seinem
„polemischen Soziallexikon“, das er in der Welt
veröffentlichte, schreibt er unter dem Stichwort „Arbeitslosengeld“ zum
Beispiel folgendes: „Sozialeinkommen für jene, die durch zu hohe
Lohnabschlüsse des Tarifkartells oder Veränderungen der
Wettbewerbssituation ihren Arbeitsplatz verloren haben. Insoweit ist
dies zum großen Teil eine Abwälzung der Kosten nicht
gemeinwohlverträglicher Lohn- und Gehaltsvereinbarungen auf die
Allgemeinheit aller Beitragszahler und Steuerzahler. Wird das
Arbeitslosengeld zu hoch angesetzt, führt dies zur Immobilisierung der
Arbeit. Es wird interessanter, hohe Sozialeinkommen mit Freizeit und
schattenwirtschaftlichen Verdiensten zu kombinieren, als sich nach
einer weniger gut bezahlten neuen Arbeitsstelle umzusehen. Die konstant
hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland ist auch eine direkte Folge
praktischer ‚Mindestlöhne’ durch die Zahlungen aus der
Arbeitslosenversicherung.“ (Die Welt, 20.05.05) Mit anderen
Worten: Die Arbeitslosigkeit ist kein Resultat der Verüberflüssigung
von Arbeitskraft, sondern eine Folge der staatlichen Maßnahme,
Arbeitslosen gemeinwohlunverträgliches Geld auszuzahlen. Diese
Drückeberger liegen dann lieber in der Hängematte als sich nach einer
ordentlichen Arbeit umzusehen. Im schlimmsten Fall werden sie sogar im
Bereich der „Schattenwirtschaft“ tätig, d.h. sie arbeiten für
Unternehmen, die durch „Schwarzarbeit“ die Konkurrenz unterlaufen. Die
Lösung liegt darin, das Arbeitslosengeld soweit zu kürzen dass niemand
mehr davon leben kann. Dann ist es nichts mehr mit der Hängematte und
die Arbeitslosen drängeln sich vor den Fabriktoren, um für die
Kapitalisten arbeiten zu dürfen. Diese belohnen soviel Engagement ums
Gemeinwohl damit, dass sie die Löhne angesichts der krassen Konkurrenz
unter den Arbeitern immer weiter drücken. Wer nicht auch mal ein
kostenloses Praktikum absolviert oder sich gleich dazu bereit erklärt,
auf seinen Tariflohn zu verzichten, der angeblich von einem „Kartell“
diktiert wird (damit ist weder der Staat noch das Kapital gemeint,
sondern tatsächlich die Gewerkschaften – Witz komm raus, du bist
umzingelt!), kann sowieso einpacken: Er ist nicht
„gemeinwohlverträglich“. Doch Angst vor den praktischen Auswirkungen
dieser Überflüssigkeit zu haben, ist nach Ansicht von Michael Holmes
sowieso total irrational: „Wenn Menschen glauben, dass sie Angst vor
der Zukunft haben müssen, dann haben sie eben auch Angst. Ob
diese Ängste berechtigt sind ist eine ganz andere Frage.
Ironischerweise leiden also viele Menschen an ihrer eigenen Ideologie
und nicht an den Verhältnissen, die von eben dieser Ideologie
so furchtbar düster gezeichnet werden. Ihr Unglück ist das Ergebnis
einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“
(http://www.fdog.org/blog/1113) Dalai Lama, übernehmen Sie: Wie Du in
die Welt hinein lächelst, so lächelt sie zurück.
Liberale fürs Gemeinwohl
Leute wie Habermann reden also auf Veranstaltungen der
Freunde der offenen Gesellschaft über Elend und Armut. Herauskommen
kann dabei nichts anderes als protofaschistisches Geschwätz, das die
Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Mitgliedern der
Gesellschaft vollzieht, um bloß alles schlechte Gewissen zu vertreiben,
das aufkommt, wenn gelegentlich das Elend zu Bewusstsein steigt. Denn
„rechtmäßig erworben“ muss das Eigentum sein, das „der grundlegende
Wert einer freien Gesellschaft“ ist - und „rechtmäßig“ heißt „durch
Arbeit oder Erbe“ (Habermann in der Welt, 4.7.05). Eine
solche „freie Gesellschaft“ wünschen sich die neuen Liberalen also, in
der die Menschen sich aus purer Not abrackern müssen, um überhaupt zu
überleben. Eine Gesellschaft, in der ökonomisch Überflüssige zum
Abschuss freigegeben werden; ein Abschuss, der in der Krise als
kollektives Ventil fungiert, das vom die Eigentumsordnung
garantierenden Staat in „gemeinwohlverträgliche“ Bahnen gelenkt wird.
Das Nichtidentische, also das, was sich diesem Gemeinwohl widersetzt –
sei es tatsächlich oder nur von den Fans der falschen Gesellschaft
unterstellt – trägt unweigerlich die Züge des Juden, der die
Gemeinschaft ins Verderben stürzen will, der immer nur im Verborgenen
rafft („Schattenwirtschaft“!) und sich die Hände nicht an „ehrlicher
Arbeit“ schmutzig macht.
Die Entlastung von der Vergangenheit
Kein Wunder, dass solche Freunde der offenen
Gesellschaft nicht nur die Kritische Theorie Adornos bekämpfen müssen
(http://www.fdog.org/blog/1100/), sondern auch die Entschuldung des
Nationalsozialismus massiv vorantreiben. So laden sich diese neuen
Liberalen den Völkermordexperten Gunnar Heinsohn ein, der in seinem
Bahn brechenden Buch Söhne und Weltmacht die atemberaubende
These aufstellte, Terrorismus sei ein Resultat der Überbevölkerung. Er
weiß zwar, dass „junge Männer nicht an sich eine Gefahr darstellen“,
aber „wenn die Zahl der neu hinzukommenden jungen Männer über mehrere
Generationen hinweg deutlich höher liegt als die Zunahme der für sie
noch akzeptablen Lebenspositionen“ (taz, 6.4.02), komme es
automatisch zum crash. Er verkündet also die alte Leier von
der Perspektivlosigkeit, die zu Terror und Gewalt, zu Antisemitismus
und Rassismus führe. Ob das bei den Nazis auch so war? Schließlich
kostete der Erste Weltkrieg viele Millionen das Leben, die
Nazi-Generation war jung, als die große Krise kam gar verzweifelt.
Vielleicht wird diese Frage ja in Heinsohns „Lexikon der Völkermorde“
beantwortet. Die Veranstaltungsankündigung der Freunde der offenen
Gesellschaft ist jedenfalls bereits perfekt im Jargon der
„vergleichenden Genozidforschung“ verfasst (4): Auschwitz sei schlimm
gewesen, sicher, „ein furchtbareres Geschehen als die Vernichtung der
europäischen Juden“ sei „nicht einmal vorstellbar“ (als ob der
Holocaust vorstellbar wäre!), „aber (!) der Verweis auf Auschwitz“
werde „nicht selten mißbraucht, um andere Verbrechen, insbesondere die
der kommunistischen Systeme, zu verharmlosen“. Die These, „Faschismus
und Kommunismus seien wesentlich verschieden“, sei „unhaltbar“. Dass
Faschismus und Stalinismus wesentlich identisch sind, sollte man
vielleicht mal den Angehörigen von Millionen Sowjetbürgern sagen, die
im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben ließen. Es drückt sich in
dieser Gleichmacherei nicht nur eine völlige Unkenntnis des
nationalsozialistischen Unwesens aus, sondern vor allem das Bedürfnis,
Demokratie und Marktwirtschaft als nachhaltig taugliche Kraft gegen
Faschismus und Massenmord zu präsentieren. Dass der antisemitische Wahn
die Waren produzierende Gesellschaft zur Voraussetzung hat (5), bleibt
ebenso unerhellt wie die Tatsache, dass der Nationalsozialismus keine
bloße Diktatur war, sondern eine Volksgemeinschaft und damit Demokratie
zur höchsten Blüte trieb: als Verschmelzung von Staat und Volk zum
mörderischen Massenracket.
Doch derlei wollen die neuen Liberalen, die oftmals alte Linke sind,
nicht mehr hören. Wie die Deutschen derzeit aller Orten mit der
Nationalfahne herumlaufen und „Deutschland ist die geilste Club die
Welt!“ grölen, so Geschichtsvergessen gehen zum Liberalismus
konvertierte Linke daran, die Vergangenheit zu entsorgen, indem sie sie
für die Zukunft geradebiegen. So verweisen sie nicht nur – und das zu
Recht – auf die Parallelen von Nationalsozialismus und radikalem Islam,
auf die drohende Wiederholung des Holocaust durch eine iranische
Atombombe, sondern lassen den Nationalsozialismus in einem breiten
Strom des „Totalitarismus“ untergehen. An einer Analyse dessen, was der
Nationalsozialismus war, besteht offensichtlich kein Interesse mehr.
Man glaubt, alles bereits zu wissen – die Vergangenheit ist
abgeschlossen. Nun sei es geboten, positiv in die Zukunft zu schauen
und gemeinsam die totalitären Bewegungen zu bekämpfen. Weil dieses
„gemeinsam“ die Identifikation mit der deutschen Gesellschaft
einschließt, müssen Widersprüche geleugnet werden. Auch und gerade in
Bezug auf Israel liebt man die Harmonie: „Es wurde (auf einer
proisraelischen Kundgebung - JH) getanzt und gesungen, und es war
unwichtig, ob man persönlich eher der Politik des Likud oder der
Arbeitspartei zuneigt.“
(http://www.fdog.org/blog/eine-million-am-yom-haatzmaut/)
Positiv denken! Widersprüche vermeiden! Glücklich sein! Mit diesen
neudeutschen Tugenden im Gepäck kann einen nichts mehr schocken. Die
von den gesellschaftlichen Zuständen hervorgerufene Angst scheint
überwunden, man weiß sich im Einklang mit Zeit und Umwelt.
* Gemeint sind sowohl die „Freunde der offenen Gesellschaft“,
deren Veranstaltungsreihe mich zur Abfassung dieses Textes bewegte, als
auch ihre besonders im Internet zahlreich vertretenen politischen
Freunde, vor allem ehemalige Linke.
Anmerkungen:
(1) Vgl. Dirk Lehmann, Die Erfindung des
„Kapitalismus“. Hundert Jahre deutscher Antikapitalismus, in: Prodomo
Nr. 2/2006.
(2) Darüber hinaus nimmt der Staat im Spätkapitalismus eine besondere
Rolle als Organisator der Warenproduktion ein; tendenziell befindet
sich der freie Markt auf dem Rückzug. Vgl. Initiativkreis „Materialien
zu Aufklärung und Kritik“, Die schlechte Aufhebung der
bürgerlichen Gesellschaft, in: Cee Ieh, Nr. 135,
September 2006. http://www.conne-island.de/nf/135/23.html.
(3) Vgl. Justin Monday, Die „höhere Weisheit“ des autoritären
Staates. Wie neoliberal war der Neoliberalismus?, in Phase 2,
Nr. 19/2006; Herbert Marcuse, Der Kampf gegen den Liberalismus in
der totalitären Staatsauffassung, in: Kultur und Gesellschaft
1, Frankfurt a. M. 1965, S. 23f.
(4) Zur „vergleichenden Genozidforschung“ vgl. Philipp Lenhard, Holocausts.
Die „vergleichende Genozidforschung“ entdeckt israelische Sonderrechte,
in: Prodomo 3/2006.
(5) Michael Holmes warf in seinem Vortrag gegen die Kritische Theorie
Adorno vor, er vertrete eine unpersonalisierte Verschwörungstheorie,
weil er hinter allem Schlechten den Kapitalismus wittere. Dagegen sei
es doch so, dass der Antisemitismus die Basisideologie des Antikapitalismus
sei. Dass der Antikapitalismus sich selbst auf kapitalistischem Boden
bewegt, dass er eine affektgeladene Reaktion auf den Kapitalismus ist,
scheint Holmes nicht wissen zu wollen. Ebenso wenig, dass das eine
reichlich merkwürdige Verschwörungstheorie wäre, in die man selbst
aktiv einbezogen ist – bekanntlich war sich auch Adorno darüber
bewusst, dass er tagtäglich die Existenzbedingungen des Kapitals
reproduzierte.
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