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Leben und Taten des berühmten Ritters
Schnapphahnski (Auszug)
GEORG WEERTH
Es verstand sich von selbst, daß Herr von Schnapphahnski auf dem Ball
der Brüsseler Oper im vollen Glanze seiner Ritterlichkeit
umherspazierte und nicht wenig damit beschäftigt war, jede einigermaßen
erbauliche Maske Zoll für Zoll zu studieren. Tanzende zu beschauen, ist
ein Kunst- und Naturgenuß zu gleicher Zeit. Der Tanz enthüllt nicht nur
manchen Körperteil, den wir bei der Prüderie unsres Jahrhunderts selten
en masse zu bewundern Gelegenheit haben, nein, die melodisch
dahinflutende Bewegung der Gestalten zeigt uns, daß diese und jene
Glieder auch noch einer ganz andern als der gewöhnlichen Tätigkeit
fähig sind, und unwillkürlich söhnen wir uns mit unsern alltäglichen
Erinnerungen aus, wenn wir die Menschen wieder einmal so
kindlich-sonntäglich vor unsrer Nase herumspringen sehen.
Die Kunst- und Naturstudien auf einem Brüsseler Balle haben freilich
ihre Grenzen, und unser Ritter würde mit seinen Forschungen bald zu
Ende gewesen sein, wenn nicht eine ungemein lebendige und graziöse
Maske seine Aufmerksamkeit stets von neuem in Anspruch genommen hätte.
Bald einen entzückend kleinen Fuß, bald eine zierliche Hand und bald
einen Nacken zeigend, der durch seine herrlichen Formen alle übrigen
Gestalten des Balles hinter sich ließ, wußte die Geheimnisvolle unsern
Ritter stundenlang zu fesseln. Vergebens suchte er aus der
Verschleierten irgendein bekanntes Wesen herauszufinden: sie widerstand
seinen genauesten Beobachtungen durch so rätselhafte Gebärden und
seinen kühnsten Fragen durch so zweideutige Antworten, daß er zuletzt
davon überzeugt war, von einer durchaus Fremden intrigiert zu werden.
Der Reiz eines derartigen Spieles wird durch den Widerstand, den man
findet, nur erhöht. Ein zahmes Roß zu reiten, ist keine Kunst; ein
wildes zu bändigen: die höchste Lust. Der Schwache wünscht
Nachgiebigkeit und Kapitulation; der Kühne: Widerstand und Sieg. Der
Schwache genießt nur einmal; der Kühne tausendmal, denn jede Stufe des
Widerstandes wird durch ihr Überwundensein eine Stufe der
Glückseligkeit, die nur der letzte Sieg an Wonne überbietet. Suche
Widerstand, und du wirst ein Mann sein; lerne Weiber besiegen, und du
wirst die Welt erobern!
Herr von Schnapphahnski war zufällig nicht in der Stimmung, seinen
Liebesfeldzug auch nur durch eine Nacht hin auszudehnen. Sei es, daß er
alle Hoffnung aufgeben zu müssen glaubte oder daß er an ähnlichen Orten
rascheren Erfolg gewohnt war -- genug, es ennuyierte ihn mit der Zeit,
sich so den ganzen Abend für nichts und wieder nichts an der Nase
herumführen zu lassen; und als die verhängnisvolle Maske wiederum mit
sehr spöttischem Gruße an ihm vorüberhuschte, da vergaß unser Held
plötzlich, daß er nicht in der Wasserpolackei und auf dem Ball einer
zwar belgischen, aber nichtsdestoweniger zivilisierten Stadt sei, und
-- es ist kaum zu glauben -- ja, unser Ritter griff der Vorübereilenden
mitten in die Maske -- --
Die so brutal Angegriffene stutzt, stößt einen Schrei aus, und vierzig
bis fünfzig andre Masken stellen sich rings um den Ritter und die Dame.
Der Schleier der Schönen ist indes gefallen, und der Ritter erkennt zu
seinem nicht geringen Schrecken die Gattin des belgischen Künstlers.
Der unglückliche Ehemann, „déguisé en quelqu'un, qui s'embête à mort“,
ist ebenfalls herbeigesprungen. Er beobachtete den fremden Ritter und
die eigne Gattin den ganzen Abend hindurch; seit einigen Stunden schon
fühlte er seine Hörner wachsen, und mit der freudigen Wut eines
erretteten Familienvaters stürzt er sich auf unsern Ritter.
Eine Szene entspinnt sich, wie man sie in Brüssel vielleicht noch nicht
erlebt hatte. Herr von Schnapphahnski begreift gar nicht, wie ihn die
Brüsseler Bourgeois so langweilen können. Er nennt seinen Namen, seine
Titel -- --
“Je m'en f...“, brüllt der entrüstete Ehemann wie ein Hirsch in der
Brunstzeit, und „Oui Monsieur! Oui Monsieur!“ schreit der Chor wie im
ersten Akt des „Barbier von Sevilla“.
Schnapphahnski gibt seine Karte -- --
„J'aurai ta carte dans ma poche et toi la mienne sur la figure
–„
Oui Monsieur! Oui Monsieur! -- und immer toller wird der Skandal, bis
sich zuletzt hundert zierliche Hände erheben, um unsern Ritter zu
zerreißen, die Faust des Ehemanns an ihrer Spitze -- ach, und nur durch
die schleunigste Flucht rettete sich unser Held von der unangenehmsten
Pointe, die ein Abenteuer haben kann.
Aus: Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphanski, mit
einem Nachwort von Nils Folckers, Verbrecher-Verlag, Berlin 2006, S. 54
– 57.
Am 8. August 1848 startete die Neue Rheinische
Zeitung den Fortsetzungsabdruck des Romans über einen weithin
bekannten Reaktionär, den Fürsten und Abgeordneten der
Nationalversammlung Lichnowski, der als Schnapphahnski schon von Heine
„aufgespießt“ wurde. Als Lichnowski im September 1849 ermordet wurde,
geriet jedoch die Redaktion unter heftigen Beschuss und Georg Weerth
wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er von Ende Februar bis
Ende Mai 1850 in Köln verbüßte.
Für die Prodomo ausgewählt wurde der Text von der
Georg-Weerth-Gesellschaft Köln.
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