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Wie man ein „unbewusster Faschist“ wird
Fiamma Nirenstein korrigiert den Blick auf den
Nahost-Konflikt
FABIAN KETTNER
Im Jahre 1967 kam Fiamma Nirenstein als junge italienische
Kommunistin nach Israel. Wie es damals noch en mode war unter
jungen Linken, arbeitete sie in einem Kibbuz, der einen Teil seiner
Umsätze dem Vietcong spendete. Außerdem war gerade der Sechstagekrieg;
sie lernte Selbstverteidigung und Schießen, begleitete kleine Kinder in
die Schutzbunker. Als sie nach Italien zurückkam, so erzählt sie in
ihrer Rede Wie ich ein ‚unbewusster Faschist’ wurde, die sie
im April 2003 in New York gehalten hat und nun als Einleitung zu ihrem
neuen Buch dient, weiter, da hatte sich etwas verändert. Manche Freunde
und Bekannte schauten sie anders an, denn als Jüdin war sie zum Feind
geworden, zu einer schlimmen Person, die wenig später zum
„Imperialisten“ erklärt wurde. Ein Leserbriefschreiber nannte sie
später „unbewusste Faschistin“. Sie hatte die „Unschuld des guten
Juden“ verloren. „Die Linken schätzten die Juden als das Opfer par
excellence, immer ein großartiger Partner im Kampf für die Rechte der
Schwachen gegen die Bösen. Als Gegenleistung [...] gaben die Juden den
Linken moralische Unterstützung und luden sie ein, mit ihnen an den
Holocaust-Gedenkstätten zu weinen. Heute ist das Spiel offensichtlich
aus. Die Linke hat bewiesen, dass sie selbst die wahre Wiege des
gegenwärtigen Antisemitismus ist“ (S. xii).
Journalisten mit Kefia
Über diesen gegenwärtigen Zustand und seine Wurzeln
schreibt Nirenstein. Sie ist seit langem Kolumnistin in Jerusalem für
die italienische Tageszeitung La Stampa. Ihr Buch Terror
ist eine umfangreiche Sammlung ihrer Reportagen, Artikel und Glossen
aus den Jahren 1997-2003, davon zum größten Teil aus den Jahren der
zweiten Intifada. Damit sind die zusammengestellten Texte alt, zumal
nach journalistischer Sicht, aber sie sind immer noch unabgegolten.
Denn das, worüber Nirenstein berichtet, das dauert an: die Bedrohung
Israels, die anti-israelische Hetze in den arabischen Ländern und die
Berichterstattung im Westen, die Israel vorzugsweise als grausamen
Täter und islamische Terroristen als Verständnis erheischende,
verzweifelte Opfer darstellt. Nach wie vor fehlt ein empathischer Blick
auf Israel oder wenigstens einer, der indifferent kühl ist wie bei
anderen Konflikten. Nirenstein verschafft einen Zugang, der so
ungewohnt ist, dass er einem beschämender Weise fast wie ein Blick auf
ein unbekanntes Land vorkommt. Sie erzählt von einem
Selbstmordanschlag, der in der Nähe ihrer Wohnung verübt wurde, während
sie an einem Artikel schrieb; über Türsteher von Diskotheken, „Israel’s
last line of defense“, die mit Sprengstoffgürteln umwickelte
Palästinenser überwältigen; über die Zaka, die orthodoxen
Juden, die am Ort des Massakers die Leichenteile einsammeln und
sortieren. Sie beschreibt Anschlagsopfer und die psychologischen
Auswirkungen der Anschläge. Sie berichtet von der aus Rentnern
rekrutierten Armee-Reserve und von Juden, die die Shoa überlebten, nach
Israel gingen und dort den Judenschlächtern der Gegenwart zum Opfer
fallen. Ebenso beschäftigt sie sich mit der Gegenseite: sie erstellt
das Profil eines Terroristen, interviewt einen Jahid und porträtiert
Bin Laden und Arafat ebenso wie Sharon und Netanjahu. Nirensteins Ton
erinnert ein wenig an den von Hannah Arendt: ein wenig kühl und
schroff, mit einem guten Maß Polemik. Es ist kein Buch aus einem Guss;
es gibt Überschneidungen, Wiederholungen und kaum eine thematische
Ordnung. Eine Sammlung von Artikeln ist keine zusammenhängende Analyse,
aber dennoch sind Analyse und Theorie vorhanden.
Das größte Problem, dem Nirenstein sich gegenüber sieht, sind ihre
eigenen Kollegen. Dank ihnen weiß Europa „immer schon alle Antworten,
die die Palästinenser und die Israelis betreffen: es weiß alles, was
nicht wahr ist“ (S. 36); dank ihnen erfährt man nichts über die
alltägliche staatlich betriebene antisemitische Hetze in der
muslimischen Welt. In Ost-Jerusalem gibt es ein schönes altes Hotel, The
American Colony. Hier logiert die Großzahl der Journalisten der
westlichen Welt. Die Palästinenser betrachten dieses Hotel „als ihre
Mobilisierungsbasis, als einen Ort, wo sie Treffen abhalten und
Interviews führen können“ (S. 238). Die Crews und die Informanten der
Journalisten sind allesamt Palästinenser. Aber die Journalisten sind
nicht nur Opfer einseitigen Datenflusses, sie wollen auch nichts
anderes hören. Denn „viele der Gäste hier sonnen sich in ihren
Erinnerungen an sich selbst, im Alter von zwanzig Jahren, die Kefia um
den Hals, auf den Campus von amerikanischen oder europäischen
Universitäten: junge Rebellen, junge Helden, junge Umstürzler. Für sie
ist eine pro-palästinenesische Haltung ganz natürlich“ (S. 239). Von
damals nahmen sie ein Weltbild mit, wonach der Arme immer Recht habe.
Heutzutage, so kann Nirenstein beobachten, lassen sie, „allesamt mehr
oder weniger erfolgreiche Hemingways“ (S. 113), sich von
palästinensischen Intifada-Organisatoren erzählen, wo am nächsten Tag
„spontane Aufstände“ stattfinden werden.
Jenin: kein Massaker
Einem Fall von anti-israelischer Berichterstattung
widmet Nirenstein sich ausführlich: dem angeblichen Massaker von Jenin
im April 2002, „ein Meilenstein in der Geschichte, wie der gegenwärtige
israelisch-palästinensische Konflikt wahrgenommen wird“ (S. 166). Die
Welt akzeptierte die Version, die die Palästinenser und ihre Freunde
ihr lieferten. Palästinenser wurden ohne Ausnahme als bemitleidenswerte
Opfer wahrgenommen, ihre Kämpfe, Feuerkraft und organisatorische Stärke
komplett ignoriert. Auch als die Behauptung eines Massakers von
offizieller Seite und von den Menschenrechtsorganisationen, die dies
vorher behauptet hatten, widerrufen wurde, blieb die Presse bei ihrer
Version und schilderte weiterhin palästinensische Einzelschicksale mit
ergreifenden Bildern. In Jenin tobte ein Krieg zwischen militärischen
Kombattanten, kein Massaker von Streitkräften an der Zivilbevölkerung
wurde verübt. Das Flüchtlingslager Jenin war in den letzten Jahren in
ein Zentrum des palästinensischen Terrorismus umgewandelt worden. 50%
der Akte der damals aktuellen Terrorwelle gingen von hier aus, circa
zwei Dutzend Selbstmordattentäter starteten hier ihren letzten Weg. Der
Kampf mit der israelischen Armee war eine Übung für die Koordination
verschiedener, ansonsten konkurrierender Terroristengruppen (Al
Aksa-Brigaden, Tanzim und Hamas). Wie üblich
diente die Zivilbevölkerung als Schutzschild und Pfand, als zu
opfernder Bauer für den ‚höheren Zweck’, Israel der Unmenschlichkeit zu
überführen. Das gesamte Kampfgelände war vermint. Deswegen ließ die
israelische Armee keine Journalisten und Rettungsmannschaften hinein –
nicht weil sie ihr angebliches Massaker verbergen und Verletzte
verbluten lassen wollte. Deswegen, nicht weil Israelis die
Lebensgrundlage von Palästinensern vernichten wollten, änderte die
israelische Armee ihre Strategie und brachte mit Bulldozern Häuser zum
Einsturz, die teilweise auch durch die Kettenreaktion dutzender
explodierender Sprengsätze zusammenbrachen. Diese Version der
Ereignisse war in keinem westlichen Medium zu vernehmen – dafür aber in
arabischen Zeitungen, wo Jenin-Kämpfer sich genau dieser Vorgehensweise
brüsteten. (1) Aber entweder werden die von ‚seriösen und
investigativen Journalisten’ nicht gelesen oder absichtlich
verschwiegen. Die Bilder der verwüsteten Teile von Jenin erweckten den
Eindruck, Israel liquidierte ein komplettes Lager, dabei machten die
verwüsteten Partien von Jenin gerade mal 8-10% des gesamten Lagers aus.
Berichte made in Pallywood
Um Israel zu diskreditieren und zu delegitimieren werden
Bilder dekontextualisiert oder auch einfach produziert. Nehmen wir als
Beispiel ein bekanntes Bild (2): es zeigt einen stehenden israelischen
Polizisten mit zornigem Gesicht und mit erhobenem Schlagstock.
Unmittelbar vor ihm auf dem Boden sitzt ein junger Mann, dessen
Gesicht, Hals und weißes Hemd blutüberströmt sind. Im Hintergrund
brennt ein Auto aus. Dieses Photo von Associated Press (AP)
erschien im Zuge der Berichterstattung über die Ausschreitungen am
Tempelberg, Ende September 2000, des Beginns der zweiten Intifada. AP
untertitelte das Bild mit „Ein israelischer Polizist und ein
Palästinenser auf dem Tempelberg“. Dank der von der bisherigen
Berichterstattung geprägten Wahrnehmungsschemata kann sich der
Betrachter das Geschehen rings um dieses Bild selbst ausmalen: ein
bewaffneter Polizist hat einen unbewaffneten palästinensischen
Demonstranten blutig geknüppelt und steht auch jetzt noch, wo der
Geschlagene blutüberströmt auf dem Boden sitzt, drohend und
gewaltbereit über ihm. Tatsächlich aber war der Verletzte kein
Palästinenser, der Polizist war nicht der, der ihn verletzt hatte und
beide befanden sich nicht auf dem Tempelberg. Der Verletzte war
vielmehr Tuvia Grossman, ein jüdisch-amerikanischer Student, der in
Jerusalem von Palästinensern angegriffen worden war. Diese hatten das
Taxi, in dem Grossman unterwegs war, mit Steinen beworfen und
angehalten. Grossman und sein Begleiter wurden aus dem Wagen gezerrt,
woraufhin auf ihn eingeschlagen und eingestochen wurde. Grossman konnte
entkommen und rannte auf den Polizisten zu. Als er vor ihm
zusammenbrach, klickte die Kamera des AP-Journalisten. Sein Photo ging
um die Welt und jeder wusste: wer Opfer von Gewalt ist, kann nur Araber
sein. (3)
Palästinensische Lokalreporter beliefern westliche Journalisten mit
suggestiv geschnittenem Bildmaterial und gestellten Szenen. Man spricht
hier inzwischen von „Pallywood“. Die Gruppe The 2nd Draft hat
Szenen, die von Auslandsreportern verwendet wurden, untersucht, in
ihren Zusammenhang gestellt und komplett gezeigt. Dramatische
Schusswechsel entpuppen sich als Schüsse in ein leeres Gebäude; eine
angebliche Flucht vor israelischen Soldaten wird mehrmals geprobt;
‚Verwundete’ halten sich erst das eine, dann das andere Bein,
Schwerverletzte, die auf Tragen wegtransportiert werden, können mit
einem Mal wieder laufen und so fort.
Über die Lage in Palästina werden Nachrichten einfach verschwiegen. Die
meisten Dinge sind nicht bekannt, einige sind es. Auf die Frage danach,
wieso dies so ist, kann man auf den Einfluss der die Wirklichkeit
verzerrenden Medien hinweisen. Diese schaffen Wahrnehmungsraster,
bedienen aber auch ein bestimmtes Publikum. Nachrichten, die es immer
wieder und für einen längeren Zeitraum konstant auf die Titelseiten
schaffen, kommen einem Bedürfnis des Publikums nach. Menschen, die
keine Ahnung von Politik haben und auch noch stolz darauf sind, die
sich vielleicht sogar nichts sagen lassen wollen von den Mehrheiten und
peinlich darauf achten, nicht mit dem Strom zu schwimmen, wissen im
Falle Israels aber trotzdem ganz genau, wie die Dinge angeblich liegen.
Dieses Publikum will auch nicht mehr wissen. Seine
Wahrnehmung wird von einem anti-israelischen und das heißt eben
anti-jüdischen Ressentiment präformiert.
Palästinensische Todeskultur
Diese Öffentlichkeit weiß nichts von der
palästinensischen Alltagskultur. Bei Palestine Media Watch
wird sie dokumentiert. Jahids werden verehrt. „Oh, Schwester Wafa, oh
pulsierende Braut, Knospe, die auf der Erde spross und die nun im
Himmel ist, Schwester. ... Allah Akbar, oh Palästina der Araber, oh
Wafa, du hast dich fürs Martyrium entschieden, durch deinen Tod hast du
Hoffnung in unseren Kampf gebracht“ (S. 189). Dies sang ein eleganter
Sänger vor palästinensischem Publikum in einer Konzerthalle, begleitet
von einem Orchester. Dies wurde mindestens zwei Mal im
palästinensischen Fernsehen gesendet. Er pries Wafa Idris, eine
26jährige Krankenschwester, die sich im Zentrum Jerusalems in die Luft
gesprengt und dabei eine Person getötet und Dutzende ermordet hatte.
Die palästinensische Gesellschaft billigt im Allgemeinen die
Selbstmordattentate, der Terrorismus wird gefeiert. Nirenstein zitiert
Noah Salameh, einen palästinensischen Aktivisten, der sich für den
israelisch-palästinensischen Dialog einsetzt und der Direktor des Center
for Conflict Resolution ist. Dessen Tochter erklärte ihm, dass
„jeder in der Schule über Ayyat Ahras redet, die 17jährige
Selbstmordattentäterin, die in einem Jerusalemer Supermarkt zwei
Israelis ermordete und 28 verletzte. Sie ist die Heldin von all meinen
Freunden. Ihre Organisation, die Al Aksa-Märtyrerbrigaden, kommt häufig
zu uns in die Schule, und sie ist meine Heldin“ (S. 212). Nirenstein
spricht von einer „Todeskultur“ (S. 128). Das palästinensische
Fernsehen hat den „modern-day kamikaze“ zu einer „vertrauten Figur“
gemacht (S. 101), so dass diese Gesellschaft den Tod „nicht fürchtet,
sondern tatsächlich herbeisehnt“ (S. 17).
Ebenso alltäglich ist der Todeswunsch für Israel. Dieser wird von den
arabischen Medien vorbereitet und auch selbst gefordert. „Ein
palästinensisches Video zeigt eine theatralische Nachstellung eines
Angriffs (den es nie gab) von israelischen Soldaten in einer
palästinensischen Wohnung: ein kleines Mädchen wird von ihnen unter den
Augen ihrer Eltern vergewaltigt, welche danach umgebracht werden“ (S.
68). Arabische Medien streuen Gerüchte, wie die, dass Israel Drogen
beschichtete Süßigkeiten verteile, um arabische Kinder zu töten und
arabische Frauen sexuell zu verderben; dass Israel die in Palästina
ausgebrochene Maul- und Klauen-Seuche verbreitet habe. Das Lied „I hate
Israel“ wurde in diesen Ländern ein großer Hit. Dass die
Holocaust-Leugnung in muslimischen Ländern weit verbreitet ist, ist
inzwischen auch in Europa bekannt. Dass dies nicht das Resultat eines
Mangels von historischen Kenntnissen ist, sondern Kalkül, zeigt die
tiefe Dankbarkeit Adolf Hitler gegenüber: Am 29. April 2002 wurde in
der ägyptischen regierungsnahen Zeitung Al-Akhbar zunächst
die Shoa geleugnet, um sich dann imaginär an Hitler zu wenden: „Wenn du
nur Erfolg gehabt hättest, Bruder, (...) die Welt könnte dann in
Frieden atmen, ohne ihre [der Juden] Boshaftigkeit und ihre Sünden“ (S.
133).
Diese Öffentlichkeit würde auch nie Nirensteins realistischen Blick auf
Israel teilen: dass Israel ein ermutigendes Beispiel und ein Vorbild
für alle Demokratien ist. „Israel ist eine einzige große Wunde“ (S.
139). Es musste Kriege führen, die allesamt Verteidigungskriege waren;
es sollte mehrfach vernichtet werden und die Vernichtungsdrohung
besteht weiter. Seine Reaktionen sind nicht „unverhältnismäßig“, wie es
jetzt heißt – manches Land würde sich an Israels Stelle ganz anders
verteidigen und hätte die äußere Bedrohung wesentlich stärker auf die
Innenpolitik durchschlagen lassen.
Ein verzweifelter Fall
Der Westen verurteilt lieber Israel und hat Verständnis
für die muslimische Welt. „Dieses ganze Bemühen, die arabische Welt
zufriedenzustellen“ (S. 135) irritiert und beunruhigt Nirenstein.
Geläufig ist das Entgegenkommen gegenüber Selbstmordattentätern und die
Rechtfertigung ihrer Taten, die aus sozialer Deprivation, ungebrochenem
Gerechtigkeitsgefühl und Freiheitsgeist unter ‚israelischer Besatzung’
und, schließlich, Verzweiflung erklärt werden. Die westlichen
Intellektuellen, „die über Kommunikation theoretisieren“, so
Nirenstein, „behandeln die Araber, als ob diese eine autistische Welt
wären, pathologisch infantil, ein verzweifelter Fall“ (S. 69). Hieran
erstaunt, dass die als so ‚stolz’ und ‚voller Ehre’ beschriebenen
Muslime sich dort wohl fühlen, wo sie voller Herablassung behandelt
werden, und zum anderen dass der Westen sich der arabischen Welt
gegenüber nicht nach seinem Befund verhält: wären sie wirklich so, so
müsste ein Trennstrich gezogen und diese zur Räson gebracht werden.
Dass dieses Spiel trotzdem funktioniert, kann wahrscheinlich nicht nur
mit mangelnder Zurechnungsfähigkeit der beiden Parteien erklärt werden,
sondern hat seinen Grund wohl darin, dass beide Parteien dieses Spiel
augenzwinkernd betreiben: beide wissen, dass es so nicht gemeint ist
und nur deswegen inszeniert wird, um der Kritik auszuweichen.
Denn eine Untersuchung des Phänomens Selbstmordattentäter zeigt, dass
niemand aus sozialen Gründen einer wird. Es reagiert nicht einmal
unbedingt auf Aktionen Israels, sondern hat seine eigene Kontinuität.
Es ist zum normalen Kampfmittel geworden, ist kein Extrem mehr; es ist
Zweck, nicht Mittel: die Ermordung von Juden ist der Sinn und das Ziel
dieser Aktionen, nicht Mittel, um ein anderes Ziel zu erreichen.
Antisemitismus ist der „Kern dieses Terrorkrieges“ (S. 8).
Durban, Friedensarena der Welt
Antisemitismus ist aber auch „eine neue Art und Weise,
Menschenrechte zu praktizieren“ (S. 27). Seit der UN-Konferenz gegen
Rassismus in Durban (Südafrika) im August/September 2001 ist
Antisemitismus das Banner der neuen weltlichen Religion der
Menschenrechte. „Antisemitismus strömte durch die Luft wie giftige
Pollen.“ Delegierte mit jüdischem Familiennamen trugen aus
Sicherheitsgründen ihre Namensschilder verkehrt herum, Juden, die eine
Kippa trugen, wurden in den Straßen von Durban körperlich angegriffen;
bei mindestens zwei Demonstrationen wurden die Protokolle der
Weisen von Zion verteilt; jüdische Delegierte wurden mit
körperlichem Einsatz daran gehindert zu sprechen. In Durban wurde von
NGO-Seite unter anderem ein Flugblatt verteilt (4), auf das oben ein
Bild von Adolf Hitler sowie die Frage „Was, wenn ich gewonnen hätte?“
gedruckt war. Darunter standen in zwei Spalten „die guten Dinge“: „Es
würde kein Israel und kein Blutvergießen der Palästinenser geben“,
sowie „die schlechten Dinge“: „Ich hätte nicht die Produktion des neuen
‚Käfer’ erlaubt.“ Darunter: „The rest is your guess.“ (5) Wer sich
heutzutage für Menschenrechte einsetzt, der benutzt diese meist, um
autoritäre Regime vor Kritik zu schützen. In der „Friedensarena der
Welt“ (S. 94) dienen „Menschenrechte“ und „Frieden“ als „Allzweckwort“
(S. 44), als Schutzschild.
An der Seite der UNO kämpfen die NGOs. Sie richten ihren Fokus der
Kritik stets auf Israel. Menschenrechtsverletzungen werden vor allem in
Israel angeprangert – die in den arabischen Ländern interessieren
nicht, auch wenn sie dort wesentlich gravierender sind. Keine
Kinderschutzorganisation engagiert sich, wenn palästinensische Kinder
von ihrer politischen Führung, von der Schule und von ihren Eltern zu
Selbstmordattentätern abgerichtet werden; keine
Frauenschutzorganisation protestiert dagegen, wenn die
Selbstmordattentäterin als role model für moderne Frauen
propagiert wird; keine Lehrergewerkschaft protestiert gegen
palästinensische Schulbücher, in denen Israel von den Landkarten
verschwunden ist und Terrorismus legitimiert wird. Mit der
Menschenrechtspolitik der UNO und der NGOs werden die Menschenrechte
geschliffen. Dem arbeitete die Linke vor. Unter den Begriffen
„Pluralismus“, „Selbstbestimmung“ und „Anti-Ethnozentrismus“ werden
Drittwelt-Diktaturen legitimiert (S. 24). „Dinge, die einst
Unterdrückung, Diktatur and sexuelle Diskriminierung genannt wurden,
werden nun als ‚Differenzen’ verkleidet.“
1948 vertrieben, heute 22 Jahre alt
Die zweifelhafte Arbeit der UN veranschaulicht
Nirenstein auch am Flüchtlingslager Deheisheh. Die United Nations
Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East
(UNRWA) wurde 1949 als Unterorganisation des Flüchtlingshilfswerks der
UN (UNHCR) mit dem Ziel gegründet, sich allein für die Belange
derjenigen Palästinenser einzusetzen, die im April/Mai 1948 flohen.
Damit sind die Palästinenser „die einzigen Flüchtlinge auf der Erde,
die als Flüchtlinge institutionalisiert wurden“ (S. 263). Die Flucht
von circa 700.000 Palästinensern wird in der muslimischen Welt und von
ihren Unterstützern weltweit als „Naqba“ bezeichnet: als Versuch, der
Shoa der Juden ein gleichrangiges Symbol für ein aus Ermordung und
Vertreibung herrührendes Trauma zu etablieren. Von den circa 800.000
Juden, die im gleichen Zeitraum wegen akuter Bedrohung aus diversen
arabischen Ländern flohen, wird selten geredet. Weder von der UN, die
für sie keine Spezialorganisation einsetzte; noch von Linken weltweit,
die von sich behaupten, sich über jedes Unrecht aufzuregen und nicht
bloß ein aus anderen Gründen motiviertes besonderes Interesse am
Konflikt Israel – Palästina zu haben; noch von Seiten Israels, das die
Flüchtlinge selbstverständlich aufnahm. Im Gegensatz zur üblichen
Praxis der UNHCR bemüht sich die UNRWA nicht darum, die Palästinenser
anzusiedeln. Sie müssen seit über fünfzig Jahren in so genannten
„Flüchtlingslagern“ leben. Dieses Wort, fester Bestandteil der
Sprachregelung der Medien, ist bereits irreführend. Hört man, dass die
israelische Armee ein Flüchtlingslager angegriffen hat, so stellt man
sich automatisch vor, wie gut bewaffnete Kampfhubschrauber einer
modernen Armee Raketen auf ein Gelände von Zelten abfeuern, wo elende
Menschen mühsam gesammeltes Wasser aus Plastikkanistern trinken. So wie
alle Flüchtlingslager ist auch Deheishe eine kleine Stadt. Diese
‚Lager’ genannten Städte sind offene Zentren des Terrorismus. Indem die
UNRWA nichts dagegen unternimmt, duldet und unterstützt sie ihn
stillschweigend. Das Elend der Flüchtlinge liegt darin, von der UNRWA,
von den palästinensischen Rackets und von den arabischen Staaten im
Flüchtlingsstatus festgehalten zu werden. Die UNRWA appellierte nicht
an die umliegenden arabischen Staaten, die Flüchtlinge einzubürgern.
Von anderer Seite darum gebeten, weigerten diese sich, diejenigen, die
sie sonst emphatisch als ihre „Brüder“ bezeichnen, als Staatsbürger,
das heißt als Personen mit Rechten, Partizipationsmöglichkeiten und
Zukunft anzuerkennen. Die Palästinenser sind wie „lebende
Gedenkkerzen“. Inzwischen gibt es Flüchtlinge in vierter bis fünfter
Generation. Die UNRWA erkennt die Nachkommen als Flüchtlinge an – auch
hier entgegen der üblichen Praxis des UNHCR. Deswegen bezeichnen sich
Schulkinder als Flüchtlinge: „Wissen Sie, wer ich bin? Ich bin das
Kind, das seiner Heimat beraubt wurde, das nicht weiß, was Frieden ist.
Ich sage allen Palästinensern: dieses Land ist unser Land. Wir dürfen
nie aufgeben. Unser Recht auf Rückkehr ist ein heiliges Recht“ (S.
261). Die UNRWA züchtet eine bestimmte Mentalität in den Lagern, die
sich in Äußerungen wie der vom 22jährigen Shaladi niederschlägt, den
Nirenstein in Deheishe interviewte: „Mein Leben gehört mir nicht, bis
ich nach Ajour zurückkehre“ (S. 258). Ajour ist die Stadt, aus der
seine Vorfahren 1948 flohen. Er begreift sich als Materiatur der
palästinensischen Sache. Ein anderer Interviewpartner ist der 25jährige
Amer, Bruder des Selbstmordattentäters Mohammed Damareh. „Flüchtling in
Deheishe zu sein bedeutet für Sie vielleicht nicht viel, aber für uns
ist es unser ganzes Leben.“ Und dieses Leben scheint ihnen nicht viel
zu bedeuten, respektive haben sie die von ihrer Führung verhängte
Ausweglosigkeit zu ihrer eigenen Bestimmung gemacht: „Man kann hier nur
über den Friedhof heraus – oder durch Ashma“ (S. 268), Amers
‚Heimatstadt’. Als Flüchtling, so Nirenstein, ist ein Palästinenser
„keine Person, sondern ein Pfand in einer größeren politischen
Strategie“, eine Strategie, die „nie den Gedanken einer
Zweistaatenlösung akzeptieren“ wird. Das viel beschworene „Recht auf
Rückkehr“ ist vielmehr ein „Euphemismus für die Auslöschung Israels“,
die palästinensischen Flüchtlinge sind hierbei die „palästinensische
Kriegsmaschine“ (S. 263).
Es mag überraschen, dass auch Nirenstein die Phrase bedient, dass
Kritik des Antisemitismus nicht bedeute, auf der anderen Seite Israel
und seine Politik nicht kritisieren zu dürfen. Aber sie zieht die
Grenzen viel enger. Denn „nur sehr wenig von dem, was wir über Israel
hören, ist präzise Kritik. [...] Die sich selbst Kritiker nennen, sind
für Juden nicht die frommen Gesprächspartner, die sie zu sein vorgeben.
Deswegen müssen wir ihnen sagen: Von jetzt an könnt ihr den
Menschenrechte-Pass nicht mehr umsonst benutzen [...] Ihr müsst
beweisen, was ihr behauptet [...]. Ihr könnt es nicht? Ihr nanntet
Jenin ein Gemetzel? Dann seid ihr ein Antisemit, genau wie die alten
Antisemiten, die ihr vorgebt zu hassen“ (S. xxi).
Literatur:
Nirenstein, Fiamma, Terror. The New Anti-Semitism and the War
Against the West.
English translation by Anne Milano Appel
Hanover (New Haven/USA), Smith and Kraus Book 2005
343 Seiten, US$ 21,95
Fiamma Nirensteins Rede How I became an ‘unconscious fascist’
ist online zu finden unter
http://www.jewishworldreview.com/0703/nirenstein_2003_07_10.php3.
Anmerkungen:
(1) Vgl. beispielsweise MEMRI Inquiry and Analysis
Series No. 90, 23.04.2002,
http://memri.org/bin/articles.cgi?Page=archives&Area=ia&ID=IA9002.
(2) Zu sehen unter http://www.camera.org/images_user/tuvia.jpg.
(3) Zum Vorfall insgesamt vgl.
http://www.camera.org/index.asp?x_context=15&x_outlet=2&x_article=120.
(4) Abbildung auf
http://www.eyeontheun.org/popup.asp?f=5&l=26&p=216.
(5) Weitere T-Shirt-Aufdrucke, Karikaturen, Flugblätter, Plakate
etc.: unter http://www.eyeontheun.org/view.asp?l=16&p=69.
Übersicht über erwähnte und weitere Organisationen, Gruppen und
ähnliches, die nützliche Quellen sind für die Lage im Nahen Osten sowie
für das Bild, das von ihr vermittelt wird:
http://seconddraft.org
gegründet: unbekannt
Filme und Reportagen, die das Bild des israelisch-arabischen Konfliktes
bestimmen, werden hinterfragt, in ihren Kontext gestellt und mit
anderem Material konfrontiert. Stellen selber Filme her über die
arabische Produktion von anti-israelischem und anti-amerikanischem
Bildmaterial.
Möglichkeit, Filme herunter zu laden.
http://www.honestreporting.com
gegründet: 2000
Beobachten, dokumentieren und korrigieren die Berichterstattung über
den Nahen Osten.
http://www.camera.org
- Comittee for Accuracy in Middle East reporting in America
gegründet: 1982
Beobachtung, Dokumentation, Analyse und Archivierung der
Berichterstattung in den USA über den Nahen Osten.
http://www.eyeontheun.org
- Eye on the UN
gegründet: unbekannt
Ein Projekt des Hudson-Instituts (New York) und des Touro
Law-Centers (New York).
Herausgeberin: Anne Bayefsky
Informationsbasis für die Einschätzung der Arbeit der UNO, im
Besonderen hinsichtlich Israels. Artikel, Neuigkeiten, Kommentare,
Analysen, Dokumentationen, Daten-Übersichten etc.
Möglichkeit der Bestellung eines Newsletters.
http://www.ngo-monitor.org
gegründet: unbekannt
betrieben vom Institute of Contemporary Affairs im Jerusalem
Center for Public Affairs
Kritische Analyse der und Berichte über die Arbeit von NGOs, die sich
im israelisch-arabischen Konflikt engagieren.
http://www.ict.org.il
- The Institute for Counter-Terrorism
gegründet: 1996
am Interdisciplinary Center (IDC), Herzliya
Analysiert Terrorismus und erforscht Möglichkeiten des
Counter-Terrorismus.
Artikel, Analysen, Nachrichten, Kommentare und Datenbanken über
internationalen Terrorismus und den israelisch-arabischen Konflikt.
http://memri.org -
The Middle East Media Research Institute
gegründet: Februar 1998
Übersetzungen aus arabischen, türkischen und persischen Medien und
eigene Analysen von politischen, ideologischen, sozialen, kulturellen
und religiösen Trends im Nahen Osten.
http://www.pmw.org.il
- Palestinian Media Watch
gegründet: 1996
Dokumentation des kulturellen, sozialen und politischen Lebens in
Palästina über Schulbücher, Zeitungen, Fernsehen und so fort.
Artikel als
pdf-Dokument herunterladen
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