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Die unsichtbare Hand der Entfremdung
DIRK LEHMANN
Völlig zu recht ist bemerkt worden, dass in der Dialektik
der Aufklärung wesentliche Überlegungen zum Problem der
Entfremdung angestellt werden. Überraschen muss daher, dass es gerade
in Frankfurt am Main nunmehr möglich ist, Dissertationen zum Thema
Entfremdung – um nichts Geringeres handelt es sich bei der hier zu
rezensierenden Arbeit – abzufassen, die das erwähnte Werk völlig
unbeachtet lassen. Dies aber ist lediglich eine Randnotiz.
Rahel Jaeggis Studie über Entfremdung. Zur Aktualität eines
sozialphilosophischen Problems bewegt sich im Spannungsfeld der
Überzeugung, dass Entfremdung nach wie vor ein gehaltvoller, ja
produktiver Begriff ist, eine unbefangene Herangehensweise an die
Theorietradition, aus der er stammt, schlechterdings aber kaum möglich
ist. Daher versucht sie sich an einer kritischen Rekonstruktion im
doppelten Sinne. Sie unternimmt es zunächst, Entfremdung phänomenal zu
vergegenwärtigen, das heißt Lebensformen unter Rückgriff auf den
Entfremdungsbegriff zu porträtieren, um so seine Aktualität zu
erweisen. Diese Rekonstruktion dient ihr dann als Aufhänger einer
Neuinterpretation und begrifflichen Transformation. Mit dem
Entfremdungsbegriff lassen sich dann ‚soziale Pathologien’, also
Fehlentwicklungen und Störungen in der Gesellschaft
diagnostizieren; Lebensformen, „mit de(nen) der Einzelne sich nicht
identifizieren, in de(nen) er sich nicht ‚verwirklichen’, die er sich
nicht ‚zu Eigen’ machen kann“ (S. 15). Jaeggi lenkt mit ihrer Studie
den Blick vornehmlich auf eine subjektive Dimension von Entfremdung und
spart gesellschaftstheoretische Gesichtspunkte aus. Gerade diese
‚Sparsamkeit’, mit der sie Entfremdung neu bestimmt, markiert aber den
Hauptmangel ihrer Arbeit.
Ausgangspunkt ihrer Studie ist der erwähnte theorietraditionelle
Ballast der Entfremdungskritik. Das betrifft zum einen den ihr oftmals
immanenten Essentialismus, also den seit Rousseau wieder und wieder
anzutreffenden Rückgriff auf ein eigentliches, nichtverstelltes,
naturhaftes Wesen des Menschen. Zum anderen zählt dazu ein wiederholt
mitgeführter Normativismus, der die starke Forderung nach einem
versöhnten, nicht entfremdeten Dasein in der Zukunft aufstellt. Dagegen
wendet Jaeggi ein, dass „die sozialphilosophisch gehaltvolle Dimension
der Entfremdungskritik sich ohne die stark objektivistischen
Begründungsmuster erschließen (lässt), die mit ihr häufig verbunden
werden. Und an die kritische Bedeutung der Entfremdungsdiagnose lässt
sich anschließen, ohne dass man dabei auf Gewissheiten endgültiger
Harmonie oder Versöhnung, die Vorstellung eines sich vollkommen
transparenten Individuums oder die Illusion vollkommner Verfügungsmacht
über sich und die Welt verfügen müsste“ (50).
So berechtigt ihr Plädoyer für eine weder essentialistische noch
paternalistische Entfremdungskritik auch sein mag, so deutlich wird mit
dieser knappen Passage aber folgendes: die Art und Weise, wie Jaeggi
den Geltungsbereich von Entfremdungskritik bestimmt, erhält den schalen
Beigeschmack des Verzichts der Perspektive auf eine qualitativ
andere Gesellschaft. Ihre Entfremdungskritik ist eine ins
Positivistische gewendete. Und so muss die zumindest vage Vorstellung,
die Adorno in seinen Minima Moralia entfaltet, unter die
Räder geraten. „Auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel
schauen, sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung
könnte anstelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten“. Diese behutsame
‚Utopie’, die Adorno mit dem ‚ewigen Frieden’ übersetzt, muss Jaeggi
tatsächlich als absolut jenseitig verbuchen.
Die so verkürzte Entfremdungskritik eröffnet ihr dann die Möglichkeit,
die avisierte Transformation vorzunehmen. So verstanden läge das
„Potential des Begriffs (Entfremdung) (…) nicht in der Möglichkeit,
ethisch ‚in die Vollen’ zu greifen, sondern gerade darin, Lebensformen
inhaltlich kritisieren zu können, ohne dabei auf einen dabei
metaphysisch letztbegründeten Bestand substanzieller ethischer Werte
Bezug nehmen zu müssen. Und es läge in der Möglichkeit, Weisen
des Welt- und Selbstbezugs zu qualifizieren, ohne von einem von
vornherein einheitlichen und selbstmächtigen Subjekt ausgehen zu
müssen. Das nichtentfremdete ist dann nicht das versöhnte, nicht das
glückliche, vielleicht noch nicht einmal das gute Leben. Nicht
entfremdet zu sein bezeichnet eine bestimmte Weise des Vollzugs des
eigenen Lebens und eine bestimmte Art, sich zu sich und den
Verhältnissen, in denen man lebt und von denen man bestimmt ist, in
Beziehung zu setzen, sie sich aneignen zu können“ (S. 51;
Hervorhebungen D. L.).
Mit diesem Auszug wird eine weitere Dimension der ‚Sparsamkeit’ Jaeggis
deutlich. Es ist keineswegs ein Fall von spitzfindiger Erbsenzählerei,
hier auf die hervorgehobenen Pluralformen abzuzielen. Jaeggi spricht
von Lebensformen und Weisen, wo doch die eine, nämlich bürgerliche,
Lebensform beziehungsweise die eine Weise des Bezugs auf Welt und
Selbst, jener „geschichtlich aufgetürmte Block“ (Adorno), Gegenstand
von Entfremdungskritik sein sollte.
Und es wird nicht besser: „Selbstentfremdung“ (!), so die These, „ist
ein Zustand, in dem man sich in entscheidender Hinsicht das Leben, das
man führt, nicht aneignen kann, und in dem man in dem, was
man tut, nicht über sich verfügt“ (S. 68; Hervorhebungen D.
L.). Wie von unsichtbarer Hand auferlegt existiert so etwas wie das
‚Leben’, und man gewinnt den Eindruck mit dem ‚Leben’ nur ein Synonym
für die erwähnten ‚Verhältnisse, die über einen bestimmen’ zur Hand zu
haben. Dieses ‚Leben’ lässt sich nun entweder im Modus der Aneignung
oder im Modus der Nichtaneignung bewältigen. Erst mit diesen Modi
scheinen Kriterien zur Hand, mit denen sich entscheiden lässt, ob
Entfremdung vorliegt oder nicht. In jedweder Hinsicht aber bleibt das
eigentümlich vorgängige ‚Leben’, jene Verhältnisse, die über einen
bestimmen, sakrosankt. Dass aber etwa das gelebte Leben in seiner
gegenwärtigen Verfasstheit selbst es ist, in dem eine Dynamik
am Werk ist, die zur Einstellung der Kontemplation und Indifferenz
führt, ein solches tiefer gehendes Verständnis von Entfremdung ist mit
der vorliegenden Arbeit nicht zu haben. Hier wäre es hilfreich gewesen,
gesellschaftstheoretische Erwägungen über Entfremdung anzustellen;
stattdessen geht Jaeggi von partiellen Fehlentwicklungen – ‚soziale
Pathologien’ – der Gesellschaft aus, die aber Gesellschaft als Ganze
unberührt lassen.
Genau dies ist das eigentliche Problem der Transformation der Kritik:
ein Überschreiten des unmittelbar Präsenten ist mit Jaeggis Studie
nicht mehr denkbar. Weder auf die Zukunft hin ist eine Idee von nicht
entfremdetem Dasein zu haben, noch dringt die Autorin ein in
gesellschaftliche Strukturen und Dynamiken. Solche Entfremdungskritik
muss an ihrem Gegenstand scheitern. Dabei bietet das Phänomen der
Entfremdung doch zahlreiche Ansatzpunkte, die auf erneute
Auseinandersetzung drängen. Diese aber führte nicht fort von kritischer
Theorie, sondern nur tiefer in sie hinein.
Rahel Jaeggi, Entfremdung. Zur Aktualität eines
sozialphilosophischen Problems, Campus Verlag, Frankfurt am Main,
2005, 267 Seiten, € 24,90.
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