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Wie gehabt
Was machen eigentlich die
Wertkritiker?
PHILIPP LENHARD
Bekanntlich gab es innerhalb der wertkritischen Fraktion vor
zwei Jahren eine Spaltung. Robert Kurz, der Leitwolf und
Cheftheoretiker der Krisis, verließ mit einigen Anhängern die
Zeitschrift gleichen Namens und machte eine eigene auf: Exit.
Dass von Kurz spätestens seit dem Irak-Krieg nichts mehr zu erwarten
ist, was der gesellschaftlichen Emanzipation nützlich sein könnte,
wurde in seinen ungezählten Brandreden gegen die Antideutschen
deutlich, in denen er diese mitunter sogar als „Seuche“ bezeichnete.
Das Projekt Exit kann also von vornherein als abgehakt
betrachtet werden. Wie aber sieht es mit den Übriggebliebenen im Hause Krisis
aus?
Da die Spaltung der Krisis dem Vernehmen nach nicht aufgrund
inhaltlicher Differenzen zustande kam, sondern weil Macht- und
Konkurrenzdenken auch vor linksradikalen Redaktionsstuben nicht Halt
machen, ist davon auszugehen, dass die Krisis sich von ihrem
bisherigen theoretischen Pfad nicht wegbewegen wird. Aber immerhin: der
Übervater ist gestürzt, da wäre doch Platz für Selbstkritik und
Innovation.
In der Ausgabe 29 der Krisis, die im April 2005 erschien, ist
davon allerdings leider nichts zu spüren. So breitet Norbert Trenkle in
seinem Aufsatz Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs
zum x-ten Male die Krisis-Kritik am Traditionsmarxismus aus,
die darin besteht, diesem die Vergötzung der Arbeit und das
Nichterkennen der Immanenz des Widerspruchs von Kapital und Arbeit
vorzuwerfen. Er hat natürlich Recht, aber die Kritik bringt er damit
nicht voran. So verhält es sich immer bei der Krisis, deren
Projekt daraus besteht, Altbekanntes immer wieder aufzuwärmen. Theorie
heißt die kalt gewordene Brühe dann, wenn das Immergleiche in einer
Sprache präsentiert wird, die so verschlungen und undurchsichtig ist,
dass niemandem mehr die Wiederholung auffällt. Das war schon bei Robert
Kurz so, der ständig neue, überschäumende Metaphern erfand, um die
Inhaltslosigkeit durch Glamour zu überdecken. Übrigens etwas, das Kurz
in seinem hervorragenden Buch Die Welt als Wille und Design
(1999) noch treffend kritisiert hatte.
In der „neuen“Krisis ist jedenfalls alles wie gehabt. Auch in
der Ausgabe Nr. 30 vom Mai 2006 schreibt Trenkle wieder über den „Kampf
ohne Klassen“ und bereitet seinen Artikel aus der vorherigen Ausgabe
wieder auf. Dadurch, dass die Erlanger Wertkritiker in einer Art
Schleife fest hängen, schlüren sie selbstredend auch ihre Fehler mit.
Ihr Begriff von „abstrakter Arbeit“ etwa, der im Manifest gegen
die Arbeit vollends lächerlich als „unselbständige, bedingungslose
und beziehungslose, roboterhafte Tätigkeit“ (S. 14) definiert wurde,
wird auch 2006 noch als Gegenbegriff zur konkreten, unentfremdeten
Tätigkeit verstanden. So spricht Trenkle von einer „abstrakten
Verausgabung von menschlicher Energie“ (S. 147). Bei Marx findet sich
aber keine qualitative Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter
Arbeit, sondern nur eine logische: die konkrete Arbeit wird im Tausch
zur abstrakten, weil dieser Vorgang alle Arbeiten praktisch
gleichsetzt, unabhängig von ihrem konkreten Gehalt. Die von Trenkle
betriebene Fetischisierung konkreter Arbeit – zärtlich „Tätigkeit“
genannt – verweist auf ein elementares Defizit dieser Form von
Wertkritik: sie pflegt einen uneingestandenen Kult der „Eigentlichkeit“.
Das wird auch anhand der Subjektkritik Ernst Lohoffs deutlich. Unter
den Titeln Die Verzauberung der Welt (Nr. 29) und Ohne
festen Punkt (Nr. 30) formuliert Lohoff die Perspektive einer
„Befreiung jenseits des Subjekts“. So richtig wie ebenso banal
erläutert er, dass das bürgerliche Subjekt immer auf die Vermittlungen
Recht, Politik, Markt etc. verwiesen ist. Der Begriff des Subjekts
meine also per se eine gesellschaftliche Zwangsform des Individuums,
die es abzustreifen gelte. Dass aber die Revolution, die das freie
Individuum hervorbringt, von Subjekten, d.h. von der Assoziation der
autonomen Einzelnen, gemacht werden muss (Sprung von der Immanenz in
die Transzendenz!), verschweigt er. Die Subjektkritik ist
offensichtlich gegen die Antideutschen gerichtet, die am bürgerlichen
Individuum gegen dessen Untergang im barbarischen Kollektiv festhalten.
Dies nicht nur, weil der Faschismus im Vergleich zur westlichen
Demokratie das größere Übel ist, sondern auch, weil jenes bürgerliche
Individuum die Voraussetzung für eine kommunistische Revolution ist.
Der Egoismus, die Autonomie, aber auch die wechselseitige Solidarität
(als Gegenpol zur Konkurrenz), die die bürgerliche Gesellschaft in
Gestalt des Marktsubjekts hervorgebracht hat, war schon im Kommunistischen
Manifest unhintergehbare Voraussetzung für eine Emanzipation der
Gesellschaft. Statt eines solchen dialektischen Bezuges auf die
bürgerliche Gesellschaft setzt die Krisis auf ein irgendwie
unentfremdetes, vollends befreites, aber nicht mehr in dieser Welt
hockendes Individuum. Das kann man höflich „Utopie“ nennen, korrekt
bezeichnet ist es aber als Ideologie der Eigentlichkeit, die
geschichtlich immer schon in totalitäre Gewalt umschlug.
Die Zeitschrift Streifzüge, die ebenfalls dem Krisis-Imperium
zugehört, ist da deutlich sympathischer. Ehemals als Mitteilungsblatt
des Kritischen Kreises Wien gegründet, dem vor der Spaltung noch
Mitglieder des heutigen Café Critique wie Stephan Grigat und Gerhard
Scheit angehörten, hat es sich zwar auch zu einem Publikationsorgan der
Erlanger Wertkritik transformiert, ist aber – auch dank des teilweise
polemischen bis feuilletonistischen Stils – noch deutlich offener und
weniger verbohrt. In der Ausgabe 36 findet sich ein längerer Artikel
Eske Bockelmanns über die Abschaffung des Geldes, der sich
flüssig liest, aber markante Schwächen aufweist. So wird Bockelmanns
Traktat etwas zu flapsig, wenn er die Umwandlung der Lohnarbeit in
ehrenamtliche Tätigkeit – unter Voraussetzung der Abschaffung des
Geldes – allen Ernstes als „erzkommunistische Idee“ feiert. Vielleicht
habe ich die Ironie ja nur nicht verstanden, aber dass das beschriebene
Szenario gar nicht so weit weg ist vom staatlich zugewiesenen
Arbeitsdienst an der Gemeinschaft erläutert Bockelmann nicht. Er will
das Geld abschaffen, was ja schön und gut ist, schert sich aber weder
um die Abschaffung des Staates noch darum, dass es auch auf eine
Befreiung von der Arbeit ankäme. So schreibt er wirklich: „Was immer
ich tue, zur Zeit noch, um damit Geld zu verdienen, von mir aus
erledige ich es gerne ehrenamtlich und niemand soll mir etwas dafür
zahlen – vorausgesetzt nur, ich bekomme meine Lebensmittel ebenfalls
ehrenamtlich überlassen (…).“ (S. 4) Das ist ja schön für Herrn
Bockelmann, der was auch immer tut, um das Geld für seine Lebensmittel
zu verdienen. Er kann das ja auch im Kommunismus weiter machen. Nur was
ist mit denen, die tagtäglich in Fabriken arbeiten und sich ihre
Gesundheit damit ruinieren? Was ist mit denen, die einen Anspruch auf
Genuss und Muße anmelden und die Befriedigung dieses Bedürfnisses nicht
darin finden, dass sie „ehrenamtlich“ arbeiten gehen? Kommunismus sieht
anders aus.
Doch wer denkt schon an Kommunismus, wenn die Welt gerade dabei ist, in
der Barbarei zu versinken? Lorenz Glatz schon. Er skizziert in seinen
„sechs Notizen anlässlich des Nahostkonflikts“ noch einmal die
wertkritische Position zum War on Terror. Die USA und Israel
auf der einen, die Islamisten auf der anderen Seite – beide seien
schlimm und für die Emanzipation definitiv unbrauchbar. Glatz setzt
Täter und Opfer, also den Selbstmordattentäter und seine Opfer, zwar
nicht gleich wie das Kurz in absoluter Geschmacklosigkeit unmittelbar
nach dem 11. September tat, aber er fordert einen Bruch mit dem Westen.
Das führt ihn und seine Mitstreiter zu einer eigentümlichen Apathie,
die sich als „Antipolitik“ ausgibt. Wenn islamische Nazis sich in die
Luft sprengen, sieht er darin einen Ausdruck der Krise des
Spätkapitalismus. Wenn Israel einen Zaun baut, um seine Bürger vor
diesen Mördern zu schützen, auch. Verständnis hat er für keine der
beiden Seiten. Deshalb bleibt als Konsequenz nur noch Ignoranz:
„Politik nehme ich nicht mehr wichtig (…).“ (S. 39) Wie schön, wenn das
auch die vom islamischen Terror bedrohten Israelis so leichten Herzens
sagen könnten.
Es ist dieses seltsam abgeriegelte Gedankensystem der Krisis,
das sich zwar radikal geriert, aber der Realität immer mehr entrückt
ist. Und so könnte man, wenn man denn wollte, die Theorieproduktion der
Krisis als Ausdruck der Ohnmacht angesichts der
spätkapitalistischen Krise bezeichnen. Weil die Hoffnung auf eine
bessere Gesellschaft immer auswegsloser erscheint, bleibt nur noch der
intellektuelle Nachvollzug des Immergleichen. Wie die Selbstverwertung
des Werts einen scheinbar ewigen Kreislauf darstellt, dem nicht zu
entkommen ist, so spult die Erlanger Redaktion ihre Dogmen herunter –
unabhängig davon, was um sie herum geschieht. Auch das Elend, das sie
so wortreich im Munde führt, dient ihr nur noch als Bebilderung der
eigenen theoretischen Erhabenheit. Und das ist ein Beweis, auf den man
gut und gerne verzichten könnte.
Literatur:
Gruppe Krisis, Das Manifest gegen die Arbeit, Erlangen
1999.
Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft, Nr.
29, Münster 2005.
Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft, Nr.
30, Münster 2006.
Kurz, Robert, Die Welt als Wille und Design. Postmoderne,
Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise, Berlin 1999.
Streifzüge, Nr. 36 (April 2006), Wien.
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