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Brief an seinen Bruder Wilhelm
Weerth
GEORG WEERTH
Bradford/York[shire], 12. April 1845
Lieber Wilhelm!
Ich wollte nur einige herzliche Grüße in dein Ohr säuseln – sonst habe
ich nicht viel zu erzählen. Das Leben vergeht sehr einförmig und wird
nur erträglich durch Anfeuchtung mit Lektüre und schottischem Ale.
Hoffentlich geht es Dir ebenfalls gut, und erwarte ich nächstens zu
hören, wie sich die Blüte Deiner Blomberger Bauernmädel befindet.
Hierzulande treibt die Politik ihren alten tanz, - ein wahrer Jammer,
die Kerle im Parlament bespeien sich mit langweiligen Reden, und am
Ende kommt noch verdammt wenig heraus, - das wird sich aber schon
ändern, wenn sich das Proletariat regt; in diesem Augenblick ist so
ziemlich alles ruhig, da der Handel prächtig geht und die Ernten gut
waren.
Da es aber am Tage ist, daß nur durch eine fortwährende Ausdehnung des
englischen Handels und der Industrie die stets anwachsende Bevölkerung
beschäftigt, ernährt und dadurch ruhig gehalten werden kann, so ist es
sicher und gewiß, daß der bisherige Segen des Handels, wenn man ihm
überhaupt einen Segen zusprechen soll, sofort in das Gegenteil
umschlagen wird, sobald die Tätigkeit der Industrie ihren Gipfel
erreicht hat. Einstweilen ist nun zwar durch die Eroberung von China
ein neuer Markt aufgefunden; man kann flott weiterfabrizieren, die
Fabrikanten verdienen, und die Arbeiter haben zu fressen. – Nimmt die
industrielle Tätigkeit auf dem Kontinent aber noch mehr zu, so werden
die Engländer auch bald auf China wieder einzig angewiesen sein, andre
Völker fallen ihnen ebenfalls in das Handwerk, und dieselbe Krisis
entsteht wie vor dem chinesischen Kriege; - dann ist es aus, denn die
Welt keine unentdeckten Länder mehr.
Hoffentlich erleben wir diese Krisis bald; mit der englischen
Konstitution wird es dann zum Teufel gehen (wir haben 14 Millionen
Arbeiter, welche von Hand zu Mund leben), eine Demokratie bildet sich,
die notwendigerweise in den Sozialismus übergehen muß. – Der
Sozialismus ist nämlich hier im Lande bereits praktisch ausgebildet und
macht unter den Arbeitern furchtbare Fortschritte.
In London entstand vor kurzem ein Arbeiterparlament unter Vorsitz von
Duncombe M. P., dem bekannten Redner, welcher darauf antrug, sämtliche
Arbeiter Großbrit[annien]s sollten sich vereinigen und nicht allein
einen Anteil auf die bereits erworbenen Reichtümer Englands, sondern
auch einen auf die noch zu erwerbenden reklamieren. –
Nach dem Londoner Verein haben sich bereits viele hundert andere im
Innern des Landes gebildet; die Partei mag nach einem mäßigen
Überschlag 2 Millionen Menschen zählen; die Kerle machen wütige
Propaganda und werden in kurzem alle Arbeiterklassen in ihre Interessen
verwickeln. – Die feisten Herren des Besitzes mögen vor dieser
Koalition zittern! Wir sind jetzt so weit in der Welt, daß man
einsieht, die größeste Not entsteht durch den Privatbesitz. Diesen
lustig angegriffen, das ist der Nagel auf den Kopf getroffen. –
Ich weiß nicht, wie weit Du dich für kommunistische Umtriebe
interessierst; solltest Du Geschmack daran finden, so vergiß nicht, die
letzten Publikationen von Heß, Marx und Püttmann zu lesen.
Vor einigen Tagen erhielt ich einen Pack deutsche Bücher aus Hamburg,
worunter auch die 2 ersten Hefte der „Deutsch-Französischen Jahrbücher“
sind. Kannst Du diese auftreiben, so tu es ja, da sie famose Artikel
enthalten, Sachen, die tausendmal besser sind als das Beste der weiland
„Hallischen Jahrbücher“. –
Die deutschen Zeitungsnachrichten sind unter allem Luder. Ich lese die
„Augsburger“ jeden Mittag – ich kann Dir doch sagen, wenn man einige
Zeit in England gelebt hat, da schämt man sich, ein Deutscher zu sein.
Deutschland ist den hiesigen Zeitungen ein wahrer Kinderspott, wozu der
jetzige König von Preußen das meiste beigetragen hat.
Das alte Toryblatt, die „Times“, die konservative „Times“, schimpfte
neulich über den preußischen König mehr, wie die politischen
Flüchtlinge in Paris je getan haben. –
Mein Hauptstudium ist jetzt die Nationalökonomie, - den Adam Smith habe
ich fast durch und gebe mich dann mit Macht an das andere Gesindel, den
Malthus, Ricardo, MacCulloch – Folianten voll Lügen und Unsinn.
Im vergangenen Winter las ich den Feuerbach, der eine vollständige
Revolution bei mir zu Wege brachte. – Das ist der erste Philosoph, der
wieder einmal verständlich ist; - sein Einfluß wird ungeheuer sein. –
In Manchester kam seinerzeit eine Übersetzung von Strauß’ „Leben Jesu“
heraus, die von unzähligen Fabrikarbeitern jetzt gelesen wird; - die
Aristokratie rührt natürlich solch ein Buch nicht an, da sie die Maske
der Religion stets bei der Hand haben muß, um ihr Sündengesicht zu
verbergen. – England ist überhaupt das Land der Heuchelei, - das
gemeinste Geldinteresse hinter einem angelogenen Christentum, mit dem
sie sich jeden Augenblick breit machen. – Wie überall ist der
Proletarier auch hier im Lande nur der einzig wahre, gesunde Mensch. –
Diesen Sommer denke ich noch tüchtig zu arbeiten und muß abwarten, was
die Zeit dann mit sich bringt. Hier mag ich nicht bleiben, und nach
Deutschland sehne ich mich auch nicht – es muß daher ein anderer Ausweg
gesucht werden.
Schreib mir bald, lieber Kerl; ich kann Dir nichts an[deres] erzählen
als das, wovon mir gerade das Herz voll ist, - wenn es Dich auch nicht
interessiert, so weißt Du doch ungefähr, was ich anfange. Grüße meine
und Deine Freunde. Behalte mich lieb wie ich Dich; - vielleicht sehen
wir uns in einem Jahre einmal wieder. – Es ist eine Lauserei, daß der
verdammte Schacher den Menschen so in die Welt hinausschmeißt; - aber
nicht zu ändern. – Leb wohl!
Von ganzem Herzen
Dein Georg.
Ich las in den Zeitungen von Euern christlich-revolutionären Pastören.
Schlagt diese Kerle doch tot!
Aus: Georg Weerth, Sämtliche Briefe, herausgegeben von
Jürgen-Wolfgang Goette, Band 1, Campus Verlag, Frankfurt/M./New York
1989, S. 303-305.
Ausgewählt von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln.
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