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Bildungsreise
Claus Offe verzweifelt am Universalismus
ADAM FREITAG
Heute begibt man sich zumeist auf eine Auslandsreise, um
Urlaub zu machen. Wohin die Reise geht, hängt von den jeweiligen
Präferenzen ab, ob es ein Erholungs-, Sport-, Abenteuer- oder
Bildungsurlaub werden soll. Das Ziel von Bildungsreisen sind vor allem
antike Sehenswürdigkeiten, bei denen es sich nicht selten um Ruinen
handelt. Für den modernen Besucher sind die verfallenen Stätten meist
nicht mehr als Überbleibsel untergegangener und damit längst überholter
Zeiten. Wenn der Reisende aus interesselosem Interesse die
Kulturleistungen bestaunt, mehrt er damit zugleich seine Bildung. Durch
die Besichtigung wird der Kulturschatz zum Bildungsgut, dem letzten dem
Bürger verbliebenen Kapital, mit dem er wuchern kann.
Während der Renaissance waren die Ruinen mehr als nur Überbleibsel. Als
Zeugnisse besserer Tage wurden sie zu Orten der Erinnerung, denen bei
der „Wiederbelebung“ der alten Zeit eine zentrale Bedeutung zukam.
Schon Boccacio (1313-1375) nennt die Ruinen von Bajae (bei Neapel;
A.F.) „altes Gemäuer, und doch neu für moderne Gemüter“. Erst mit den
„Querelle des Anciens et des Modernes“, am Anfang der Aufklärung, setzt
sich die Vorstellung durch, die Errungenschaften der Gegenwart seien
denen der Vergangenheit überlegen. Der modernen Vorstellung vom
Fortschritt zufolge verbürgt das Durchschreiten der Zeit diesen selbst.
Dem Fortschritt stünden lediglich überkommene und kraftlose
Institutionen entgegen. Wollen diese nicht von alleine oder schnell
genug weichen, so tritt die Gewalt, als Geburtshelfer der neuen
Ordnung, auf den Plan. Die Gewalt hat in diesem Entwurf die Funktion zu
beschleunigen oder zu vollenden, was als universelles und
unausweichliches Schicksal der Menschheit gedeutet wurde. Aberglaube,
Despotie und ständischer Dünkel wurden mit der Vergangenheit
identifiziert, während die Zukunft Freiheit versprach: „Der Mensch ist
frei geboren, und liegt doch überall in Ketten.“ (Rousseau) Besserung
erhoffte man sich durch einen Gesellschaftsvertrag, auf dessen
Fundament eine rationale und einsichtige Gesellschaft möglich sein
sollte. Die bürgerlichen Revolutionäre beriefen sich auf ein
Naturrecht, demzufolge alle Menschen gleich und frei geboren werden.
Mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fiel der Startschuss
für die Revolutionen auf dieser Grundlage. Deren zweiter Satz
verkündete: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich:
dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer
mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehört“. Der amerikanischen
folgte die französische Revolution, die ihrerseits die allgemeinen
Menschenrechte proklamierte, zu denen bezeichnender Weise aber nicht
das „Streben nach Glück“ gehört.
Die europäischen Bildungsreisenden, die Claus Offe in seinem Buch Selbstbetrachtung
aus der Ferne untersucht, nahmen ihre Reise, wie die Reisenden der
Renaissance, zum Anlass, über die eigene Gesellschaft zu reflektieren.
Die von ihnen besuchte Gesellschaft war jedoch keine vergangene,
sondern mit der amerikanischen eine zeitgenössische. Und doch war mit
der Reise über den Atlantik die Vorstellung verbunden, mit ihr ginge
auch eine Reise in der Zeit einher, und zwar eine in die eigene
Vergangenheit oder Zukunft, je nach Ansicht. Und obschon damit ein
Unterschied zur eigenen Gesellschaft, nämlich ihre Entwicklung
innerhalb einer gleichförmig vorgestellten Zeit, benannt war, ging doch
keiner der Reisenden davon aus, es handle sich bei den USA um eine
grundverschiedene. Die Annahme, von der sich alle Reisenden leiten
ließen, man könne von der einen Gesellschaft auf die andere schließen,
setzt voraus, dass beide Gesellschaften von der gleichen
Entwicklungslogik, von der gleichen gesellschaftlichen Dynamik
beherrscht werden und diese deshalb auch das gleiche Resultat zeitige.
„'Amerika' […] ist für die Europäer immer schon kein exotisches
Gewächs, sondern ein Ast am eigenen Stamm.“ (S. 10) Der Unterschied
zwischen den USA und Europa, der die Reise für die untersuchten
Sozialwissenschaftler Tocqueville, Weber und Adorno so interessant
machte, betraf gerade deren Entwicklung auf der Zeitachse. Je nach
Konzeption von der Moderne war Europa oder die USA fortgeschrittener,
wurde die Amerikanisierung oder die Europäisierung des jeweils anderen
erwünscht oder befürchtet. Die Bewertung dieser Entwicklung hing davon
ab, was der Forscher von dieser erwartete. Keiner von ihnen hing dem
klassischen Fortschrittsoptimismus an. Insbesondere Weber und Adorno
sahen in der Gegenwart Tendenzen am Werk, deren prospektiver
Entwicklung sie mit Grauen entgegen sahen. Der Aristokrat Toqueville,
davon ausgehend, dass die Demokratie letztlich unausweichlich sei und
sie, wenn auch ambivalent, letztlich positiv bewertete, sah in den USA
ein fortgeschrittenes Anschauungsobjekt. Weber hingegen befürchtete die
Europäisierung der USA, in denen er noch einen Hort individueller
Freiheit erblickte. Die USA waren seiner Auffassung nach
zurückgeblieben, weil sie noch nicht in dem Maße durchbürokratisiert
gewesen seien wie Europa. Adorno, als der letzte der drei vorgestellten
Besucher der USA, ist in der Darstellung Offes ein amerikamüder
Kulturchauvinist, der in der Kulturindustrie den Untergang des
Abendlandes erblickte, den er sich von seinem vorgeschobenen
Beobachtungsposten in Kalifornien anschaute.
Versucht Offe Tocquevilles und Webers Aussagen einzuordnen und
verständlich zu machen, was ihm auch weitestgehend gelingt, so sind
seine Ausführungen zu Adorno insgesamt von Unverständnis
gekennzeichnet. Das ist insofern verwunderlich, als das Buch aus den
von Offe 2003 gehaltenen Adorno-Vorlesungen in Frankfurt hervorgegangen
ist. Gerade Adornos Theorie der Kulturindustrie wird von Offe als
Argument gegen Amerika gewertet. Detlev Claussen hat in seiner
Adorno-Biografie einer solchen Auslegung gegenzuwirken versucht. Er
machte deutlich, dass Adornos Kritik an der Kulturindustrie eine aus
nächster Nähe und intimer Kenntnis von deren Produkten war. „[D]as Bild
von einem Adorno, der vor lauter Berührungsangst mit der
Kulturindustrie, sie bildungsbürgerlich verachtend, die Nase rümpft,
(erweist sich) eher [als] eine rückwärtsgerichtete Projektion vom Ende
des 20. Jahrhunderts“. (Claussen, S. 198) Offe, der das Werk von
Claussen kennt und zitiert, scheinen dessen Ergebnisse aber nicht zu
passen. Stattdessen wählt er Lorenz Jäger zu seinem Gewährsmann, der
Adorno in seiner über ihn verfassten Biografie vor allem als einen
Vorwand für seine eigenen antiamerikanischen Ressentiments nutzt. Im
direkten Gegensatz zu dem von Offe behaupteten Desinteresse Adornos am
amerikanischen Wissenschaftsbetrieb (S. 95f), kommt Claussen zu dem
Schluss, dass Adorno mit seinen Artikeln On Popular Music und
Veblen´s Attack on Culture von 1941 in den Studies
in Philosophy and Social Science „auch intellektuell in Amerika
angekommen“ sei. (Claussen, S. 173)
Was Offe aber die größten Probleme bereitet, sind Adornos kritische
Aussagen über die amerikanische Kulturindustrie während seines
Aufenthalts in Amerika und seine durchweg positive Beurteilung Amerikas
nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Hierin zeigt sich Offes
Unfähigkeit, auf die Zeitumstände zu reflektieren und den Versuch
Adornos, das Besondere im Allgemeinen zu fassen, nachzuvollziehen.
Solange der Krieg dauerte, und in gewisser Hinsicht auch darüber
hinaus, herrschte bei den amerikanischen Exilanten des Instituts für
Sozialforschung die Sorge, auch die amerikanische Gesellschaft könne
sich in eine autoritäre verwandeln. Ihre Anstrengung galt deshalb der
Frage, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen
Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“
(Horkheimer/Adorno, GS 3, S. 11) Statt sich also in Sicherheit zu
wähnen, gingen sie den Tendenzen nach, die in die Barbarei führten und
von der sie eben auch die amerikanische Gesellschaft bedroht sahen. So
untersuchte eine von Adorno geleitete Forschergruppe, ebenfalls ein
Beweis für Adornos Auseinandersetzung mit der amerikanischen
Wissenschaft, inwiefern sich bei amerikanischen Probanten Tendenzen für
diesen Umschlag in der Persönlichkeitsstruktur manifestierten. „Der
Unterschied aber war und ist der, daß diese Tendenzen […]
gesellschaftlich nicht hegemonial wurden und dieses
Transformationspotential damit auch nicht zu einer staatstragenden
Bewegung werden konnte.“ (Gruber, S. 223) Nach dem Krieg stellte sich
die Frage, wieso diese Transformation in Deutschland und nicht in den
USA geschehen ist. Es ergab sich also vom Ergebnis des Krieges aus
betrachtet eine andere Perspektive auf die amerikanische Gesellschaft,
als während des Krieges. Denn offensichtlich hatten die USA der
totalitären Versuchung widerstanden. Es hat also nicht der Dialektiker
Adorno bei der Homogenisierung der Ergebnisse „versagt“, wie Offe
formuliert (S. 118), sondern die USA waren resistenter als von der
Kritik angenommen. Dies ist aber nicht der Kritik anzulasten, weil es
nicht ihre Aufgabe ist, ein rosiges Bild zu malen, sondern Tendenzen zu
benennen, denen es zu begegnen gilt. „[D]aß Amerika vor der Gefahr
eines Umkippens zur totalitären Herrschaftsform gefeit sei“, will
Adorno mit der von ihm konstatierten höheren Resistenzkraft Amerikas
allerdings nicht behaupten. Denn „[e]ine solche Gefahr liegt in der
Tendenz der modernen Gesellschaft überhaupt.“ (Adorno, GS 10.2, S. 735)
Nach den drei Kapiteln, die jeweils einem der Reisenden gewidmet sind,
kommt Offe im letzten Kapitel zur Gegenwart und dem heutigen Verhältnis
Amerikas zu Europa. Nach einem kurzen Resümee der vorangegangenen
Kapitel legt er die darin dargestellten Untersuchungen zum alten Eisen.
Sie seien schlicht veraltet! Die Gegenwart sei durch einen
fundamentalen Unterschied gekennzeichnet, aufgrund dessen es einen
gemeinsamen Modernisierungsprozess von Amerika und Europa nicht mehr
gebe. Zwar geht er von einer Vorreiterrolle der USA aus, doch hätten
die USA diese Position nicht durch avantgardistische Pionierleistungen
erworben, sondern durch militärische Dominanz erzwungen. Die USA seien
heute ein „unkontrollierbares Zentrum“, das alle anderen kontrollieren
könne, weshalb „an diesem Umstand [...] jede vergleichende
Untersuchung, die ja unterstellt, daß die Vergleichsgegenstände
separate Entitäten sind und einer gemeinsamen Kategorie angehören, als
ein inadäquates oder naives Unternehmen abprallen, weil es die
Einzigartigkeit des Gegenstandes verfehlt.“ (S. 126f) Es sei deshalb
die „konsequente Dekonstruktion eines transatlantisch-inklusiven
Konzepts des 'Westens' und seiner okzidentalen Wertegemeinschaft
angeraten“ (S. 126). [1] Offe macht hier zwei sich widersprechende
Aussagen: Einerseits sagt er, gebe es keine zwei Objekte mehr, die
miteinander verglichen werden könnten, weil die USA aufgrund ihrer
externen Souveränität sich in die Belange anderer Staaten einmischen
könnten; zum anderen behauptet er, der Westen sei heute in verschiedene
Teile zerfallen. Die erste These besagt, die USA seien Zentrum einer
größeren Einheit, die andere, es gebe keine Einheit mehr. Betreffen
beide Aussagen auch unterschiedliche Ebenen, so ist doch nicht
einzusehen, warum Differenzen bei den Wertmaßstäben einen Vergleich auf
der Grundlage struktureller Gemeinsamkeiten verunmöglichen sollten.
Ferner scheint Offe vorauszusetzen, dass ein Vergleich nur möglich ist,
wenn zwischen beiden Objekten eine Symmetrie besteht. Diese wird
vorausgesetzt, aber nicht thematisiert. So muss offen bleiben, ob er
damit staatliche Souveränität (die in Europa gegeben ist) oder ein
militärisches Gleichgewicht (das nicht gegeben ist) meint. Sicher ist
nur, dass es laut Offe keine Symmetrie gibt. Denn die Vorreiterrolle
der USA in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Kultur führe dazu,
dass sich das Verhältnis von Peripherie und Zentrum vertausche, so dass
jetzt Europa die Stellung eines Vorortes einnehme. (S. 128) Damit macht
Offe selber deutlich, dass es zu keinem Zeitpunkt eine Symmetrie,
zumindest nicht in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Kultur,
gegeben hat. Er widerlegt damit auch seine eigene These vom Ende eines
gemeinsamen Modernisierungsprozesses durch amerikanische Vormacht. Denn
Vorort und Zentrum werden zwar von verschiedenen Faktoren beeinflusst
und auch die Stellung des Zentrums verändert die Bedingungen für die
Peripherie, doch werden beide von dem gleichen Strukturprinzip, dem
Kapitalismus, durchwaltet. Ferner ist innerhalb der Einheit von Zentrum
und Peripherie nicht nur das Zentrum Subjekt. Vielmehr wäre das
Verhältnis als ein interdependentes zu denken, bei dem auch
entscheidende Impulse von der Peripherie ausgehen können.
Um seine These weiter zu untermauern, zählt Offe eine Reihe von
Unterschieden auf, deren Aussagegehalt gen Null tendiert, weil die
Stellung dieser Unterschiede in Bezug zu der strukturierenden
Gemeinsamkeit nicht erörtert wird. (S. 125f) Würde man dieser
Argumentation folgen, könnte man mit gleichem Recht und zum gleichen
Zweck eine Fülle von Unterschieden z. B. zwischen Frankreich und
Deutschland anführen. Zudem bestand ein Teil dieser Unterschiede auch
schon zu dem Zeitpunkt, als die von ihm besprochenen Forscher die USA
bereisten. Die Beobachtungen von Tocqueville lassen darauf schließen,
dass Amerika zur Zeit seiner Reise Peripherie, und, wie man
Geschichtsbüchern entnehmen kann, England das Zentrum eines Imperiums
war. War deshalb sein Unternehmen der „Selbstbetrachtung aus der Ferne“
inadäquat und naiv? Offe unterlässt es, an den Rückschlüssen von
Tocqueville zu zweifeln oder überhaupt deren Ermöglichungsbedingung zu
hinterfragen. Sicherlich haben seit den Zeiten von Tocqueville die
Interdependenzen zwischen den einzelnen Staaten und Räumen zugenommen
und sicherlich werden diese Beziehungen auch durch Gewalt strukturiert.
Doch welche Rolle spielte und spielt die Gewalt überhaupt? Oder anders
gefragt: In welcher Beziehung steht der Staat zum Kapital, die Art der
ökonomischen Reproduktion zur politischen Form? Das sind Fragen, die
unbeantwortet bleiben und die doch zunächst hätten beantwortet werden
müssen.
In dem Exkurs über Regel und Entscheidung, der den
interessantesten Teil des Buches ausmacht, arbeitet Offe durch den
Vergleich der Rechtsauffassung und des Regierungssystems Amerikas mit
den europäischen Pendants Unterschiede heraus, die auch bei der Analyse
der Gegenwart von Bedeutung sind. Der Vergleich dient Offe dazu, den
Ursprung der von ihm konstatierten Neigung der USA zum gewaltsamen
Kreuzzug zu lokalisieren und stellt die Grundlage für die von ihm
geforderte Dekonstruktion der westlichen Wertegemeinschaft dar. Diese
Analyse findet vor dem Hintergrund der von Robert Kagan getroffenen und
von Offe aufgegriffenen Feststellung statt, dass Europa und Amerika
durch eine Kluft von einander getrennt seien. „Wir sollten nicht länger
so tun, als hätten wir Europäer und Amerikaner die gleiche Weltsicht
oder als würden sie auch nur in der gleichen Welt leben.“ (Kagan, S. 9)
Kagan führt die unterschiedliche Wahrnehmung auf das zwischen Europa
und Amerika bestehende Machtgefälle zurück. Zustimmend zitiert Kagan
folgendes Sprichwort: „Wenn du einen Hammer hast, fangen alle Probleme
an, wie Nägel auszusehen.“ Und schlussfolgert: „Aber militärisch
schwächere Staaten unterliegen der gegenteiligen Gefahr: Wenn du keinen
Hammer hast, willst du nirgends einen Nagel sehen.“ (S. 35) Die
Psychologie der Macht führe aber auch zu ideologischen Differenzen, die
sich in verschiedenen Vorstellungen von Legitimität niederschlügen.
Genau hier setzt Offe an. Seinen Versuch, Amerika zu delegitimieren,
geht Offe von zwei Seiten an. Erstens versucht er, die amerikanische
Selbstlegitimation als eine zur Obsession prädestinierte darzustellen,
zweitens behauptet er, die politische Struktur der USA sei so
konstituiert, dass sie zwangsläufig mit Gewalt nach außen treten müsse.
Zunächst stellt Offe fest, dass die amerikanische Geisteshaltung der
Gegenwart durch ein „missionarisches, kreuzzüglerisches
Selbstbewusstsein“ gekennzeichnet sei. (S. 40, Fn. 99) Schuld an dieser
Haltung sei die Formel von der „self-evidence“ - die schon in der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vorkommt -, weil ihr die
„'kritische' Bestimmung der Geltungsgrenzen“ (S. 40) fehle. Das heißt:
Weil die Unabhängigkeitserklärung es für selbstverständlich erachtet,
dass alle Menschen gleich und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet
sind, zu denen „Life, liberty, and the pursuit of happiness“ zählen,
folge daraus ein Universalismus, der nicht an den Grenzen der USA Halt
mache. Während aber alle anderen Staaten an eine externe Legitimation
gebunden seien, brauchten sich die USA heute an keinen Vertrag und kein
internationales Recht zu halten. Offe vergisst jedoch zu erwähnen, dass
sich auch Europa nur dann an das Völkerrecht hält, wenn es ihm in den
Kram passt, was gerade erneut an der Anerkennung des Kosovo oder der
Liechtensteinaffäre zu sehen ist. Außerdem sind die allgemeinen
Menschrechte ebenfalls im deutschen Grundgesetz festgeschrieben. Der
Artikel 1 GG kennt formal, wie jedes Menschenrecht, keine
Geltungsgrenze. Das Grundgesetz spricht explizit von ihnen „als
Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft“. (GG, 1,2) Jedoch gilt
sowohl für das Völkerrecht als auch für die Menschenrechte, dass sie
nur da gelten, wo ihnen durch Gewalt oder deren Androhung Geltung
verschafft wird. Ohne Gewalt gibt es überhaupt kein Recht. Kollidieren
zwei Rechte miteinander, entscheidet die Gewalt. Von Zeit zu Zeit
erachten es die USA für angebracht, den Menschenrechten in Teilen der
Welt Geltung zu verschaffen, die nicht zu ihrem Staatsgebiet gehören.
Sie berufen sich dann auf den schon in ihrer Unabhängigkeitserklärung
formulierten universellen Anspruch der von Gott gegebenen
Menschenrechte. Und manchmal, wenn es ihnen auch sonst gerade gelegen
kommt, fegen sie dabei eine Despotie hinweg. In einem solchen Fall
treten sie, auch im eigenen Selbstbewusstsein, als eine revolutionäre
Gewalt und mit einer Rhetorik auf, die dem 18. Jahrhundert entsprungen
sein könnte. Für diesen Anachronismus sind allerdings nicht die USA zu
schelten, sondern Verhältnisse, die weit hinter ihren Möglichkeiten
zurück liegen. Die Ungleichzeitigkeit der USA, die in Europa gerne
belächelt wird, konserviert eine Vorstellung vom besseren Leben
(„pursuit of happiness“), die in Europa anscheinend vergessen wurde.
Die Menschenrechte sind also in den Arsenalen auf beiden Seiten des
Atlantiks zu Hause. Mit ihnen lässt sich so ziemlich alles begründen,
weshalb besonders darauf zu achten ist, was mit ihnen begründet wird,
und wie die Menschenrechte dabei in Anschlag gebracht werden. Es ist
z.B. nicht unerheblich, ob sie als Individual- oder Gruppenrechte
aufgefasst werden.
In Amerika besitzt die Bundesregierung verhältnismäßig wenige
Kompetenzen, da das föderale Prinzip der USA ihre Gewalt stark
begrenzt. Ingesamt besitzt das politische System in Amerika eine eher
horizontale denn vertikale Struktur wie in Europa. In der zentralen
Frage der externen Souveränität liegt die Kompetenz jedoch in der Hand
der Bundesregierung. Offe schließt nun aus deren innenpolitischer,
durch Kompetenzgerangel verursachter Regierungsunfähigkeit eine
Notwendigkeit, diese durch militante Außenpolitik zu kompensieren. Weil
das nicht immer möglich sei, erfinde sie Feinde, die dann aufgrund des
von Gott gegebenen Menschenrechts und deren Verklärung als
„self-evident“ auch noch böse sein müssten. Wie viel besser hat es da
Europa. Einen europäischen Souverän gibt es gar nicht erst. Jeder Staat
macht seine eigene Außenpolitik und legt sich seine Sicht der Dinge
nach den jeweiligen Erfordernissen zurecht. Die Außenpolitik der EU
beschränkt sich auf die Vergabe von legitimatorischer Schützenhilfe,
die sie in ihren Augen deshalb in besonderem Maße gewähren kann, weil
sie keinen Staat, sondern einen Staatenbund darstellt. Seine besondere
Dynamik bezieht Europa jedoch aus dem Changieren zwischen der
nationalstaatlichen und der EU-Ebene. Letztere erlaubt es Europa, mit
jedem zu jeder Zeit gemeinsame Sache zu machen. So wird der Mangel an
Kohärenz und Macht in den Vorteil umgebogen, der ehrliche Makler des
Weltfriedens zu sein.
Die Schlechtigkeit der US-Bundesgewalt ist laut Offe schon im Keim,
nämlich in deren Gründungsanliegen als Schutz vor äußeren Feinden,
angelegt „Schon die Verfasser der Federalist Papers, jenes
Gründungsdokument der amerikanischen Bundesgewalt, begründeten die
Notwendigkeit dieser Gewalt mit der „Bedrohung durch ausländische
Mächte“ und dem „Nutzen der Union für Handel und Marine““ (57) Was
hieran besonders verwerflich sein soll, bleibt jedoch ungesagt.
Wahrscheinlich soll die Eintracht, mit der hier „Bedrohung“ und
„Nutzen“ nebeneinander stehen, zynisch klingen. Die Legitimation durch
Schutz gehört allerdings zur Begründung jeder staatlichen Souveränität.
Und dieser Schutz erstreckt sich auch auf Bürger, die sich im Ausland
auf Handelsreise befinden, oder auf Schiffe, die unter der nationalen
Flagge fahren. Die Benennung dieses Zusammenhangs ist nicht zynisch,
sondern offenbart einen Realismus, der es überhaupt erst ermöglicht,
den Nutzen von Gewalt abzuwägen. Dessen Verdrängung läuft darauf
hinaus, Gewalt als Mittel generell zu verwerfen oder als Mittel rein
moralischer Zwecke von jeglicher Begrenzung zu entfesseln. [2] Auch die
Methode, die politische Einheit durch die Bedrohung eines Feindes zu
beschwören, sowie der Versuch der Regierung, Kompetenzen mit Verweis
auf diese Bedrohung an sich zu ziehen, ist ein allgemeines Phänomen
staatlicher Herrschaft und keine amerikanische Spezialität.
Neben diesen Versuchen, Amerika als eine schon in ihrer Konstitution
angelegte Verfehlung darzustellen, wendet Offe, bewusst oder unbewusst,
einen Trick an, um Amerika zu delegitimieren. Er konfrontiert das reale
politische System der USA und deren Außenpolitik mit der politischen
Idealvorstellung einer auf Verträgen und Verhandlungen beruhenden
friedlichen Weltordnung. Das Modell, das er der von den USA dominierten
Weltordnung entgegenstellt, beruht zwar auf den europäischen
Nachkriegserfahrungen, aber gerade deshalb ist es untauglich, der Welt
als Modell zu dienen. Lässt sich doch Europa seit 1945 seine eigene
Sicherheit von den USA besorgen. „Die theoretischen Siege, die solch
eine Methode feiert, sind leicht gewonnen. Natürlich erscheint das
einleuchtend und verführerisch gemalte Bild des neu zu schaffenden
Staates [bzw. internationalen Systems; A.F.] erstrebenswerter als die
Vorstellung des alten Systems, dessen Realität in den düstersten Farben
geschildert wird.“ (Neumann, S. 199)
Vor der Folie eines europäischen Ideals unterzieht Offe Amerika einer
Beurteilung. Das Zerrbild, das hierbei von den USA entsteht, dient der
Selbstvergewisserung des europäischen Selbstbildes. Dadurch kommt nur
das in den Blick, was zuvor ex negativo auf Amerika projiziert wurde.
Zu leicht kann man dann, wie Kafkas Amerikareisender Karl Rossmann, in
der Hand der Freiheitsstatue ein Schwert statt einer Fackel erblicken.
Anmerkungen:
[1] Der Hinweis auf die skeptische Prüfung, die der
Dekonstruktion vorausgehen müsse, ist ein Tribut an seinen
Wissenschaftsanspruch und erfüllt eher rhetorische Zwecke. Schon auf
Seite 88f. macht er deutlich, dass es den Westen nicht mehr gebe.
[2] Die amerikanische Doktrin des "Regime Change", als Teil des
amerikanischen "Great Middle East Plan", war kein moralisches
Heilsprogramm, sondern der Versuch, vergangene Fehler auszubügeln. Die
Gewalt, die darauf verwandt wurde den Wandel herbeizuführen, sollte der
Sicherheit Amerikas dienen. Die Doktrin ging davon aus, dass
demokratisch regierte Länder weniger Hass auf Amerika produzieren, als
die zuvor unterstützten despotischen. Sicherheitsbedürfnis und
Menschenrechte gehen in der Doktrin Hand in Hand.
Offe, Claus, Selbstbetrachtung aus der Ferne. Tocqueville, Weber
und Adorno in den Vereinigten Staaten, Suhrkamp, Frankfurt/M.
2004, 144 Seiten, 14,80 Euro.
Literatur:
Adorno, Theodor W., Gesammelte Schriften,
Frankfurt/M. 1997.
Claussen, Detlev, Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie,
Frankfurt/M. 2003.
Gruber, Alex, Deutschland - Amerika, in: Stepan Grigat (Hg.),
Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg i.B. 2006.
Kagan, Robert, Macht und Ohnmacht, München 2002.
Neumann, Franz, Die Herrschaft des Gesetzes, Frankfurt/M.
1980.
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