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Sprecher der Toten
Der Film Shoah von Claude Lanzmann ist auf DVD
neu erschienen
FABIAN KETTNER
Is it possible for anyone in Germany, nowadays, to raise his
right hand, for whatever the reason, and not be flooded by the memory
of a dream to end all dreams?
Walter Abish: How German is it? (Abish 1982, S. 252)
„Es ist schwer zu erkennen, aber das war hier. Ja. Da waren gebrennt
Leute“, erzählt Simon Srebnik auf einer Wiese im Wald von Rzuchów,
circa vier Kilometer von Chelmno (Kulmhof) [1]. Es ist nicht nur
schwer, es ist gar nicht mehr zu erkennen. Srebnik gehörte zu den
„Arbeitsjuden“, die von den Deutschen für die Vernichtungsaktionen als
„Sonderkommando“ gefangen gehalten wurden. In Chelmno wurden von
Dezember 1941 bis März 1943 und von Juni bis Juli 1944 schätzungsweise
145.000 Menschen mit drei mobilen Tötungseinheiten, den so genannten
„Gaswagen“, ermordet [2]. Srebnik war in diesem Zeitraum zwischen elf
und vierzehn Jahre alt. Claude Lanzmann hat ihn für seinen Film Shoah
dazu überredet, gut dreißig Jahre später von Israel nach Chelmno
zurückzukehren, die Vernichtungsaktionen zu schildern und auch das
wieder zu tun, was damals eine seiner Aufgaben war: auf einem Nachen zu
stehen, den jemand das Flüsschen Ner rauf und runter fuhr, und zur
Unterhaltung der Deutschen immer wieder ein deutsches Soldatenlied zu
singen.
Lanzmann, 1925 geboren, ab 1943 aktiv bei der Résistance, arbeitete
zwölf Jahre lang, von 1973 bis 1985, an Shoah. Der Film erregte großes
Aufsehen, gewann zahlreiche internationale Preise und erhielt viele
Auszeichnungen [3]. Dabei ist Shoah äußerst sperrig. Nicht
nur wegen seiner Länge von über neun Stunden, sondern auch wegen seines
Inhalts. Denn was sieht man in Shoah? Die Vernichtung der Juden ist
Thema; aber erfährt man etwas über sie? Ja und Nein. Shoah,
so Lanzmann, „hatte nicht zum Ziel, über Dinge zu informieren, die sich
ebenso in Geschichtsbüchern nachschlagen lassen “ [4].
Der Ausdruck „Shoah“ stammt aus der Bibel (vgl. Jesaja 6,11; 10, 3; 47,
11; Zefanja 1; 15) und bedeutet u. a. „große Katastrophe“,
„Zerstörung“, die dem Volk Israel von außen widerfährt. Er wird bereits
seit 1940 zur Bezeichnung der Judenvernichtung verwendet. Im Gegensatz
zu anderen Metaphern, wie „Holocaust“ oder „Churban“, mit denen
ebenfalls versucht wird, die Einzigartigkeit der Judenvernichtung zu
erfassen, fehlt „Shoah“ die religiöse Komponente [5]. „Holocaust“, die
englische Übersetzung einer griechischen Bibelstelle, bezeichnet ein
religiöses Brandopfer. Dadurch wird die Judenvernichtung in einen
funktionalen Sinnkontext gestellt und ist im Grunde auch für
Antizionisten akzeptabel, die die Juden verdächtigen, einen
beträchtlichen Teil ihres Volkes geopfert zu haben, damit sie die Welt
moralisch erpressen können, um endlich einen eigenen Staat zu bekommen.
Auch das hebräische Wort „Churban“ rückt die Judenvernichtung in den
Kontext eines göttlichen Plans von Sünde und Verfolgung. Demgegenüber
betont „Shoah“ die Einzigartigkeit und wesentlich stärker den Aspekt
von „Verzweiflung und metaphysischem Zweifel“ (Young 1997a, S. 144).
Lanzmann war dieser Begriff vertraut, war für ihn aber „ein
Signifikant ohne Signifikat, eine kurze Lautfolge, undurchsichtig, ein
undurchschaubares Wort.“ Als er vor der Premiere nach der Bedeutung
gefragt wurde, konnte er keine Antwort geben. Als ihm vorgeworfen
wurde, dass ohne Übersetzung niemand den Titel verstehen würde,
antwortete er: „Das ist genau mein Ziel, dass niemand versteht“
(Booklet, S. 4f).
Was sollte man da auch verstehen? Der Post-Holocaust-Theologe Emil L.
Fackenheim fragte einmal den Historiker Raul Hilberg, ob dieser nicht
nur das Wie der Judenvernichtung beschreiben, sondern auch die Frage
nach dem Warum beantworten könne. In Shoah sagt Hilberg den
vielzitierten Satz, dass er in seiner ganzen Arbeit „nie mit den großen
Fragen begonnen“ habe, weil er fürchtete, „magere Antworten zu
bekommen“ und es deswegen vorgezogen habe, sich „der Präzisierung und
den Details zuzuwenden, um sie zu einer 'Gestalt' zusammenfügen zu
können“ (Lanzmann 1999, S. 79). Auf Fackenheims Frage hin seufzte er
und antwortete: „They did it because they wanted to do it (Fackenheim
1988, S. 197)“. Und das ist in der Tat alles, was man dazu sagen kann.
„Am Ende bleibt nichts als die Verzweiflung über alles und der Zweifel
an allem, denn für Hilberg“, so H.G. Adler, „gibt es nur ein Erkennen,
vielleicht auch noch ein Begreifen, aber bestimmt kein Verstehen“ [6].
Dass und wie es passiert ist, das kann man beschreiben. Alle
Erklärungen, alle Gründe sind bestenfalls banal, weil Tautologien,
schlimmstenfalls Rationalisierungen und Entschuldungen. Die übliche
Weise, den Holocaust zu behandeln, besteht darin, so Lanzmann, ihn „auf
dem Umweg über Geschichte und Chronologie verständlich zu machen. [...]
So versucht man Schritt für Schritt, Jahr um Jahr – sozusagen fast
harmonisch – zur Vernichtung vorzudringen.“ Die chronologische
Erzählung ist „anti-tragisch“: nur eine Abfolge von Vorhers und
Nachhers, „und der Tod kommt, wenn er dann eintritt, immer zu seiner
Zeit.“ All die Gründe, die man auf diesem Weg dafür findet, dass es zur
Judenvernichtung kommen musste, sind allenfalls notwendige Bedingungen
der Vernichtung, aber keine hinreichenden. „Zwischen den Bedingungen
der Vernichtung und der Vernichtung selbst gibt es eine Lücke, einen
Bruch, einen Sprung“ [7]. Diesen Sprung mussten die Täter tun. Jeder
einzelne mag sein Handeln mit einem anderen Sinn versehen haben, im
Ganzen kam aber heraus, dass die Deutschen die Beseitigung der Juden
für wünschenswert hielten [8]. Sie versprachen sich etwas davon,
vielleicht jeder etwas anderes, der eine konkreter (materielle
Vorteile), der andere abstrakter (Lösung eines
geschichtsphilosophischen Konflikts). Durch das, was sie taten, vollzog
sich der exterminatorische Antisemitismus [9].
Man erfährt in Shoah etwas über die Vernichtung, indem man
den Schilderungen von Augenzeugen zuhört. Aber eigentlich schnappt man
nur etwas auf. Man wird aber nichts oder nur wenig lernen, weswegen es
hilfreich ist, wenn man vorher schon mit Orten, Vorgängen, Zeitdaten
etc. vertraut ist. Es ist auch nicht die Absicht des Films, die
Vernichtung zu dokumentieren und didaktisch aufzubereiten. Shoah
ist keine systematische Darstellung der Judenvernichtung. Ganz im
Gegenteil ist der Zusammenschnitt der Aussagen der Zeitzeugen eher
verwirrend, viele unbekannte Menschen erzählen von vielen
unterschiedlichen Orten. Weil die Judenvernichtung nicht nachvollzogen
werden kann, deswegen schuf Lanzmann nach eigenen Angaben „ein
Kunstwerk, um eine andere Art von Logik, eine andere Erzählweise“ zu
etablieren. Die Judenvernichtung darf „nicht der Zielpunkt, sondern muß
vielmehr der Ausgangspunkt der Erzählung sein“ [10]. Deswegen ist man
gleich von Anfang des Films an mitten in den Vernichtungsvorgängen
[11]. So kann Lanzmann der allgemeinen Tendenz des Mediums Film
entgegen arbeiten, Erinnerungen zu integrieren und zu ordnen, Sequenzen
zu linearer Kausalität zu verknüpfen und damit – wenn auch wider Willen
– eine Erklärung vorzuschlagen (vgl. Young 1997a, S. 244). Es irritiert
zunächst, dass Lanzmann das Warschauer Ghetto, entgegen der
Chronologie, an den Schluss des Filmes setzte. Man soll vorher schon
wissen, wie es ausgeht; er will zeigen, dass die Vernichtung nicht nur
dem Ghetto unausweichlich folgte, sondern „in der Logik des Gettos
[...] bereits enthalten war“ [12]. Das Ghetto war bereits Vernichtung,
nicht der Warteraum für diese. Damit verweigert er auch eine
Erleichterung am Ende, einen kämpferischen Ausblick, mit dem man mit
dem Ghetto-Aufstand leicht hätte enden können (vgl. Langer 1995, S.
39f).
Lanzmann besuchte die Orte, an denen die Juden vernichtet wurden,
teilweise mit Überlebenden. Er suchte die Überlebenden auch zu Hause
auf und ließ sie erzählen. Er sprach auch mit den Anwohnern von damals:
einem Bauern aus Treblinka, der während seiner alltäglichen Feldarbeit
verstohlen der Vernichtung zusehen konnte; einem Kfz-Mechaniker aus
Kolo, der die Gaswagen in Chelmno reparierte; einem polnischen
Hilfsweichensteller vom Bahnhof Sobibor; einem polnischen Lokführer,
der zehntausende von Juden zur Vernichtung nach Treblinka fuhr. Sie
wohnten teilweise immer noch dort, und Lanzmann ließ sie ihre
Beobachtungen und Einschätzungen mitteilen. Er sprach auch mit Tätern:
sowohl mit Bürokraten wie mit SS-Männern, die unmittelbar an der
Vernichtung beteiligt waren. Aber sie tauchen erst nach knapp zwei
Stunden zum ersten Mal in Shoah auf. Die Redezeit davor gehört
ausschließlich den Überlebenden und den Zuschauern. Lanzmann war dies
wichtig: „Die Konstruktion [von Shoah] war auch diktiert von Fragen der
Moral. Ich hatte nicht das Recht, die Begegnung der Darsteller zu
provozieren. Ich konnte unmöglich die Nazis mit den Juden
konfrontieren. Das sind keine alten Kombattanten, die sich 40 Jahre
danach mit einem kräftigen Händedruck vor der Fernsehkamera
wiederbegegnen. Darum taucht der erste Nazi erst nach fast zwei Stunden
auf. In diesem Film begegnet keiner dem andern“ (Booklet, S. 19).
Es dauert noch eine halbe Stunde länger, bis ein Historiker (der
einzige) sprechen darf; glücklicherweise ist es Raul Hilberg. Und auch
er ist ein Überlebender (auch wenn er rechtzeitig aus Österreich floh,
und auch wenn dies in Shoah keine Rolle spielt). Für die
Gespräche erlegte Lanzmann sich selber die Regel auf, „kühl und gefasst
zu bleiben“, sogar „gleichmütig“ (Ebd., S. 20). Dies gelang ihm nicht
immer. Sarkastisch bringt er ein Hoch auf Fortschritt und Ausbildung
aus, während er mit Polen spricht, die damals in die schönen Häuser
deportierter Juden übersiedelten (vgl. Lanzmann 1999, S. 102).
Versteckt filmte er Franz Suchomel, einen ehemaligen
SS-Unterscharführer, der in Treblinka und Sobibor eingesetzt wurde,
gibt ihm aber das Versprechen ab, seinen Namen nicht zu nennen (vgl.
Ebd., S. 59). Bei Franz Grassler, der unter Franz Auerwald das
Warschauer Ghetto 'verwaltete', verlor er die Contenance (vgl. Ebd., S.
218ff und S. 227ff) und wurde „ungehalten“ (Booklet, S. 20).
Ein aus Hilflosigkeit substanzhaftes Denken heftet sich an die
Augenzeugen: die waren also 'dabei'. Deren Netzhaut bildete die Züge
ab, ihre Trommelfelle gerieten durch die Schreie in Schwingung. Sie
rezipierten, was keiner sah, was zu einem Mysterium wurde, zu einem
Sinnbild für das absolut Böse. Sie nahmen wahr, womit man sich als
Deutscher (noch mehr als ein in Deutschland geborener Mensch)
pflichtschuldig und abwehrend herumschlägt, windend und aggressiv
austeilend, staatstragend und identitätsbildend zwischen feierlichem
Trauerbekenntnis und forscher, rücksichtsloser „Unbefangenheit“
oszillierend. Die Vernichtung der Juden machte die Deutschen zum Volk,
stellte die volkliche Identität praktisch her, nach der sie strebten.
Als Gründungsverbrechen (vgl. Bruhn 1994, S. 65ff) dient sie auch über
das Dritte Reich hinaus. Gerne sieht man sich unter
Kollektivschuld-Verdacht gestellt, um sich als unschuldiges Opfer zu
inszenieren und das Kollektiv negativ zu bewahren (vgl. Anders 1988, S.
81ff und Frei 2005). Aber auch das Schuldbekenntnis, so Max Horkheimer
schon 1962, „war ein famoses Verfahren, das völkische
Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten“ [13].
Mit dem „Wir“ der Täter-Nachkommen, welche die Vergangenheit nicht
verschweigen, sondern 'aufarbeiten', wird „aus Erinnerung an eine
gemeinsam begangene Tat“ wieder ein Kollektiv geformt. „Was klingt wie
ein Schuldbekenntnis, ist zugleich die Stilisierung des deutschen Volks
als Schicksalsgemeinschaft, als ethnische Nation, als tragisches
Gedächtniskollektiv“ (Loewy 2002, S. 260, vgl. auch Loewy 2002, S.
159). Das Schuldbekenntnis, das früher als Nestbeschmutzung galt und
sich deshalb als oppositionell missverstehen konnte, rettet die Absicht
der Väter, das Kollektiv zu bewahren, gegen deren bornierte Sicht. So
flüchtet man sich in eine prätentiöse Unbelastetheit, die aus
historischer Last sich speist, an deren Ungemach man selber schuld ist,
weil man nicht lassen kann und will von der Zugehörigkeit zum immer
wieder neu zu stiftenden deutschen Kollektiv; ein Ungemach, für das man
deshalb aber lieber andere beschuldigt und es diesen deswegen bereiten
will. Als Deutscher dürfte und sollte kein Mensch mehr leben.
Shoah zeigt: hier fand es statt. Es gibt tatsächlich
einen Platz auf unserer Erde, wo ein Schild im Boden steckt, auf dem
„Treblinka“ geschrieben steht, welches einfach nur die Lage einer
Ortschaft markiert und nicht bereits an sich Synonym für Gräueltaten
und Menschenvernichtung ist [14]. Und es führen diese Eisenbahngleise
dort hin. Nur sieht es in dem Treblinka von Shoah nicht aus
wie in einem der Bannkreise der Hölle, sondern so, wie es auf dem Lande
halt aussieht. Orte und Ereignisse sind im Lauf der Zeit „einander
fremd geworden“ (Young 1997b, S. 175). Aber man weiß: an diesem
'Bahnhof' kamen die langen Züge an. Hier wurden die Waggons umgekoppelt
und in kleineren Einheiten ins Vernichtungslager geschoben. Über diese
Schienen – es sind ja immer noch dieselben – wurden mehr als eine
Millionen Menschen in den Tod gefahren. Über diese blühende Wiese muss
damals der Gestank von Kot, Urin, Blut und Verwesung geströmt sein.
Diese Sommerhitzenstille muss damals dem Lärm von Schreien, Stöhnen und
Röcheln gewichen sein. Genauso muss es damals auch ausgesehen haben und
nicht so, wie man es sich nicht einmal vorgestellt hat, nicht so
verschwommen schwarz-weiß.
Lanzmann nimmt sich viel Zeit, die Landschaft und die Umgebung zu
zeigen. Deswegen ist Shoah für ihn „ein bodenständiger Film,
ein topographischer, ein geographischer Film“. Es ist wichtig für ihn,
vor Ort gewesen zu sein. Man kann viel über die Judenvernichtung lesen,
aber das reicht nicht. „Man muß wissen und sehen, und man muß sehen und
wissen“ [15]. Die Orte der Judenvernichtung werden in Shoah
real, ohne dass man eine einzige ausgemergelte Leiche sieht. Zwischen
diesen Baumkronen, die sich da satt-grün in Sommerlicht und -wind
wiegen, befand sich das Vernichtungslager Sobibor, in dem ca. 250.000
Juden ermordet wurden. Hier wurden große Gruben ausgehoben, in die
Deutsche die von ihnen Vergasten werfen ließen; hier ließen sie sie
verscharren und verbrennen; hier ließen sie sie später wieder
ausgraben, halb verfault, um sie verbrennen zu lassen. Da, wo jetzt ein
heller Weg ist, den die subjektive Kamera entlang fährt, da lagen
früher die Gleise, über die die Waggons ins Vernichtungslager geschoben
wurden. Es könnte auch ein ganz normaler Forstwirtschaftsweg sein.
Folgt man diesem Weg ins Lager Treblinka, dann kommt man irgendwann an
eine Stelle, wo das offizielle Gedenken eine symbolische Markierung
gesetzt hat. Hier endet die Arbeit der Vorstellungskraft sofort, die
Erinnerungszeichen verunmöglichen das Bemühen um Vorstellung.
Man bemüht sich, etwas zu erblicken. Dies ist einer der Orte, wo von
Deutschen das berühmte Verbrechen an der Menschheit ausgeführt wurde.
Von der Tat muss hier doch irgendwo etwas haftengeblieben sein, etwas
muss sich niedergeschlagen haben. Kann es tatsächlich spurlos vergehen?
Aber die Tat wurde und hat sich verflüchtigt. Auch wo der Tatort von
den Deutschen nicht beseitigt wurde, wie in Auschwitz, da hat man es
zwar materiell vor sich, aber nichts sieht nach Vernichtung aus. James
E. Young beschreibt den Schock, der den Besucher wegen der
„unerwarteten, ja unziemlichen Schönheit“ des Auschwitz der Gegenwart
erwarten könnte [16]. Auch in Shoah sieht man die Überreste der
Gaskammern, aber sie spielen keine übergeordnete Rolle. Lanzmann pflegt
nicht die „Rhetorik der Ruinen“, vor der Young warnt (Young 1997b,S.
173ff.) . Auschwitz ist für ihn nicht wichtiger als Treblinka, nur weil
dort Artefakte geblieben sind. Deren problematischer Charakter besteht
darin, nicht nur auf vergangene Ereignisse hinzuweisen, sondern vor
allem „sich selbst als Fragmente der Ereignisse“ anzubieten (Ebd., S.
177, vgl. auch S. 185ff). Sie werden mit den Ereignissen verwechselt,
die sie nur fragmentarisch symbolisieren können, sind dann aber unter
Umständen das Bild, das man vom Holocaust hat. Von ihnen lässt man sich
gerne die Gedächtnisarbeit abnehmen. Sie allein können noch keine
Vorstellung der Geschehnisse produzieren.
Shoah führt vor, wie schwierig es ist, es sich
vorzustellen. Die unbestimmten Vorstellungen, die man vom Holocaust
vielleicht hat, werden mit Bildern aus der Gegenwart konfrontiert. Man
weiß zwar, dass diese Orte existieren müssen, aber Realität haben sie
im Nachkriegsbewusstsein nur als Namen, als der sie Symbol für Grauen
sind. Die Orte der Vernichtung, so zeigt Shoah, existieren
nicht bloß in der Imagination. Es gibt sie – heute noch. Aber die
Besichtigung dieser Orte kann an die Stelle verschwommener
Vorstellungen dann doch nicht ein reales Bild setzen; ein Bild, das
zeigt, wie es dort 'wirklich' aussieht, wie 'es' dort 'wirklich
gewesen' ist. Shoah zeigt stattdessen, dass dort nichts ist;
nichts, was die eigene Produktion von Bildern ablösen oder ihr
wenigstens unter die Arme greifen könnte. Man sieht zwar den realen Ort
der Vernichtung, aber von ihr ist nichts zu sehen. Ein „bewußter Akt
der Erinnerung“ ist nötig, um Orte und Ereignisse wieder zu verbinden
(Ebd., S. 175). Shoah nötigt zu diesem Akt und vollzieht eine
Doppelbewegung: Zum einen macht er die Judenvernichtung konkret, holt
sie also näher heran, füllt Chiffre gewordene Namen mit
Anschauungsmaterial. Zum anderen rückt er sie auch wieder weg, und
macht sie abstrakt. Denn genau das, was die Tat gerade eben noch
unmittelbar gemacht hat, das entfernt sie auch sofort wieder. Der
visuelle Anhalt, der sie vorstellbar machte (oder zu machen schien),
macht sie auch wieder unvorstellbar. Shoah führt vor, wie die
Vernichtung der Juden sich permanent wieder entzieht.
Man sieht weder die Tat noch die Ermordeten. Ausgelöscht haben die
Deutschen nicht nur Millionen Juden, sondern auch deren Vernichtung.
Deswegen basiert Shoah „ganz und gar auf der Abwesenheit von
Spuren“ und muss mit dem Problem umgehen, dass die Deutschen sich an
der „Vernichtung von Geschichte“ versuchten (Booklet, S. 6) . In
Auschwitz kann man noch Lager- und Gaskammerreste sehen, an anderen
Orten aber nichts mehr. Stattdessen sieht man Gedenkorte, die auf den
von den Deutschen eingeebneten Lagern errichtet wurden. In Treblinka
sieht man einen symbolischen Friedhof mit Grabsteinen für die
ausgelöschten jüdischen Gemeinden. Im so genannten „Waldlager“ bei
Chelmno sieht man Geländemarkierungen, um den Platz zu umreißen, wo –
in der für die Judenvernichtung typischen Mischung aus innovativer und
engagierter Improvisation einerseits und Dauerzustand anderereits – die
in den Gaswagen Ermordeten verscharrt respektive verbrannt wurden.
Improvisiert zwar, aber trotzdem funktionell genug, um 145.000 Menschen
auszulöschen. Weder sieht man die „Ikonen der Vernichtung“ (Brink
1998), die bekannten schwarz-weiß-Bilder von Leichen- oder
Überbleibselbergen, noch die von SS-Männern, auch nicht sensationeller
Weise bislang unbekannte Bilder. Die Vernichtung wird nur erzählt. Dass
die Juden „seit Jahrhunderten verfolgt sind und daher nur im Worte
leben“, so der Schriftsteller Fred Wander (Wander 2006, S. 47) , der in
fünf KZs verschleppt wurde, dies gilt nach dem Versuch sie auszulöschen
umso mehr, hat aber keinen poetischen Flair mehr. Die Realität der
Judenvernichtung ist äußerst fragil, weil sie nur im Wort existiert und
weil man sie sie sich nicht vorzustellen vermag.
Aber wer hat das schon versucht? In Deutschland kaum einer, denn auch
wenn man hier vom Nationalsozialismus erwiesenermaßen nichts weiß, so
weiß man kontrafaktisch doch ganz sicher, mit dem Thema so übermäßig
traktiert worden zu sein, dass man glaubt, sein Ressentiment und seine
Resistenz gegen es damit rechtfertigen zu können. Die Täter meinen,
sich nicht erinnern zu können. Mühselig muss Lanzmann ihnen mit eigenen
Informationen auf die Sprünge helfen, wie Franz Grassler (vgl. Lanzmann
1999, S. 211ff). Aber auch dies ist plausibel. Die NS-Generation
erinnert sich gerne daran, was für eine faszinierende Zeit es war (vgl.
Montau/Plaß/Welzer 1997, S. 186-197), und so hat zwar „die Nazi-Zeit“
einen festen Platz im deutschen Alltagsbewusstsein, nicht aber die
Shoah (vgl. Moller/Tschuggnall/Welzer 2002, S. 205ff). An die Opfer
erinnern sie sich nicht, denn die waren und sind ihnen egal, im
Gegensatz zu ihnen selbst. Man kann ihre Erzählungen über früher
einfach wörtlich nehmen. Frau Michelsohn ging aus „Unternehmungslust“
als junge Frau aus der Nähe von Rostock als „Ansiedlerbetreuerin“ nach
Chelmno und hatte dort dann den Nazilehrer der Volksschule zum Gatten.
Als Lanzmann das Lied intoniert, das Srebnik immer wieder singen
musste, erinnert sie sich sofort und singt gleich mit (vgl. Lanzmann
1999, S. 107). Wenn sie von der Opferzahl nur noch weiß, dass es
„irgendwas mit vier“ war (40.000? 400.000?) (vgl. Ebd., S. 106), so hat
sie weder damals 'von nichts gewusst', noch hat sie später etwas
verdrängt. Schließlich wohnte sie in ca. fünfzig Meter Entfernung
schräg gegenüber vom Schloss, wohin die Juden aus der Umgebung gebracht
wurden, um dort dann in die Gaswagen gepresst zu werden. Eine
„Katastrophe“ dagegen, an die sie sich lebhaft und in vielen Worten
erinnert, sind ihr nach wie vor die primitiven sanitären Anlagen auf
dem Lande (Ebd. S. 92f). Auch wenn den Tätern auf höchster Ebene der
Entschluss zur „Endlösung“ mitgeteilt wurde, dann mögen sie zwar ein
Prickeln im Nacken verspürt haben, weil klar war, dass man hier Neuland
betrat; aber die Vernichtung war für sie in Ordnung, auch wenn sie
selber nicht Hand anlegen wollten und es unschöne Szenen gab. „Das ist
doch eine Zumutung fürs ganze Dorf, dies immer ansehen, dieses Elend“,
so Frau Michelsohn, wenn die Juden vor aller Augen durch das Dorf zu
den Gaswagen getrieben wurden (Ebd., S. 105). Auch die
Propagandaabteilung in Lemberg konnte im Oktober 1942 melden, dass die
Bevölkerung „von der Notwendigkeit der Liquidierung aller Juden
überzeugt ist“, aber doch wäre es „angebrachter, diese auf eine weniger
Aufsehen und Anstoß erregende Art durchzuführen“ (Zit. n. Hilberg 1990,
S. 523). Man zeigte sich erst dann von der Judenvernichtung betroffen,
als die militärische Niederlage unabwendbar wurde und man die Rache der
Alliierten und des 'Weltjudentums' zu fürchten begann [17]. Deswegen
waren einem die Verbrechen nicht mehr egal – nicht wegen der Opfer und
„weniger aus moralischen Skrupeln“ (Ebd., S. 608 und vgl. auch S. 617).
Verdrängt wurde einzig die Angst vor der Niederlage. Weil man Rache
fürchtete, flüchtete man sich in eine „ostentative Ahnungslosigkeit“
(Longerich 2006, S. 327, vgl. auch Dörner 2007, S. 465, S. 484). Hier
liegen der Grund und der zeitliche Beginn der Abwehr des Themas
Judenvernichtung (vgl. Ebd., S. 492). Nicht riefen 'Umerziehung' und
engagierte Pädagogik die Abwehr hervor, sondern sie trafen auf eine
bereits verhärtete Geisteshaltung [18].
Für ihre Taten empfinden sie weder Scham noch Schuld. Günther Anders
wies darauf hin und Harald Welzer wiederholte es [19]: Das Vorhaben der
Täter-Kinder, ihre Eltern dazu zu bringen, ihre Vergangenheit zu
„bewältigen“, ist Nonsens. Eine Vergangenheit zu bewältigen zu haben,
dies setzt voraus, dass einem ein Trauma widerfuhr. Traumatisiert
wurden die Opfer, nicht die Täter. Den Tätern ein – wenn auch
uneingestandenes – Bedürfnis nach Bewältigung unterzuschieben, nähert
die Täter den Opfern tendenziell an. Der Widerstand gegen eine
'Bewältigung' war kein Widerstand gegen eine 'Aufarbeitung' im
psychoanalytischen Sinne, die man vermeidet, um an eine sorgsam und
mühselig verdeckte Wunde nicht zu rühren. Der Widerstand richtet sich
dagegen, dass man ihnen diese Zeit schlecht machen will – und dann noch
mit etwas, das doch wirklich keinen interessiert. Nicht nur mit
Geschichtsschreibung, kulturpessimistischer Sozialphilosophie und
Marxismus, auch mit der Psychoanalyse machte man sich an die
Entschuldung der Deutschen.
Das sich als kritisch missverstehende Vorhaben
'Vergangenheitsbewältigung' der Täter-Kinder war ein Angebot an die
Täter, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, indem sie sich
nachträglich zu dessen Objekt machen ließen. Genau dies wollten die
Täter aber nicht. Sie wären nur um den Preis der Entmündigung aus der
Schuld gelöst worden, nur um den Preis, sich von einem Teil der eigenen
Biographie zu distanzieren, von dem man sich nicht trennen mag, weil
man beste Erinnerungen an ihn hat. Den Nationalsozialismus, so musste
unter anderen Saul Padover im besetzten Nachkriegsdeutschland erfahren,
kritisierte man nur dafür, dass jener nicht hielt, was er den Deutschen
versprochen hatte (vgl. Padover 1999, S. 93ff). Die Niederlage legte
keine Schuldgefühle frei, sondern verstärkte nur die Ressentiments
gegen die Sieger [20], zu denen man nicht nur die Alliierten, sondern
auch die Juden zählte. Man schmollte und grollte, weil man damals schon
so marxistisch und so postmodern war, dass man wusste, dass Wahrheit
abhängig vom Sprecherort, von Macht und Diskurs ist, und dies nicht als
kritische Einsicht meinte: hätten sie den Krieg gewonnen, dann hätten
sie die Geschichte geschrieben und die Moral diktiert [21]. Dass sie
stattdessen nun eine Schuld aufführen müssen, die sie gar nicht
empfinden, dafür grollen sie unter Umständen dem einen oder anderen
ranghohen Nazi (je nach persönlichen Vorlieben und Abneigungen), dafür
hassen sie aber vor allem die Alliierten und die Juden.
Die Überlebenden und ihre Nachkommen werden die Deutschen nicht los, in
der Gegenwart nicht und schon gar nicht in ihren Erinnerungen. Erinnern
sie sich, oder werden sie nicht vielmehr von ihren Erinnerungen
beherrscht? „Als ich Srebnik“, so Lanzmann, „das erste Mal traf, war
der Bericht, den er mir gab, so ungewöhnlich wirr, dass ich nichts
verstanden habe. Er hatte so viel Grauenhaftes erlebt, das er völlig am
Ende war“ (Booklet, S. 13). Wer nach dem Krieg seine Erlebnisse
professionell weitergab, wie Richard Glazar, Rudolf Vrba oder Jan
Karski, der kann darüber anders sprechen als beispielsweise Srebnik,
Michael Podchlebnik oder Abraham Bomba. In ihnen steigen Bilder auf,
die zu ihrer Seele noch fast genauso brutal sind wie die Gewalt damals,
die zu vergessen oder nachzuzeichnen sie sich seitdem bemühen. So sieht
man in Mimik, Blicken und Gesten auch ein Zeugnis, das nicht erzählt
wird und das nur das Medium Film einfangen kann (vgl. Young 1997a, S.
251). Vielleicht ist es dies, worum es Lanzmann ging. „Erinnerungen
schrecken mich ab“, sagt er, „sie sind schwach.“ Er will Geschichte in
der Gegenwart wieder leben lassen, die Distanz zwischen Vergangenheit
und Gegenwart aufheben (Booklet, S. 15). Lanzmanns Shoah ist
kein zwergenhafter Vorgänger von Steven Spielbergs Shoah Foundation, in
deren Visual History Archive Zeitzeugen auf schätzungsweise 120.000
Stunden Bildmaterial ihre Geschichte erzählen
(http://college.usc.edu/vhi/).
Überlebende erzählen nicht einfach nur ihre Geschichte, und
das, was sie erzählen, auch nicht als ihre Geschichte. Sie
sind sich eines kollektiven Schicksals bewusst und sprechen deswegen
häufig in der Wir-Form [22]. Ihre Geschichte ist Teil eines Ganzen,
weswegen sie für die anonymen Toten mit sprechen. Lanzmann bezeichnete
seine Zeugen als „Sprecher der Toten“ [23]. Nicht nur für die Toten
sprechen sie, sondern selber als (Fast-)Tote. Und so wurde sogar der
ebenso trockene wie düstere Raul Hilberg zum Schauspieler, als er die
letzten Eintragungen aus dem von ihm herausgegebenen Tagebuch von Adam
Czerniakow vorlas, dem Vorsitzenden des Judenrats im Warschauer Ghetto,
der sich am 23.07.1942 das Leben nahm, weil er jüdische Waisenkinder
für die Deportationen in die Vernichtungslager bereit stellen sollte
(vgl. Lanzmann 1999, S. 225f.). Später erinnerte Lanzmann sich, wie
Hilberg zum „actor“, zu Czerniakow wurde (vgl. Lanzmann 1995) . Auch
wenn Hilberg rechtzeitig fliehen konnte, so trifft auch auf ihn zu,
dass es in Shoah „keinen einzigen Überlebenden [gibt], es
gibt allenfalls Wiedergänger, die fast schon im Jenseits über dem Boden
des Krematoriums schwebten und zurückgekommen sind“ (Booklet, S. 13).
Auch sein Tod war schon beschlossen. Viele Überlebende haben das
Gefühl, im Lager gestorben zu sein [24]. Dies macht ihre Berichte auch
in ihren Augen vergeblich. Ihre Berichte dementieren sich selbst: sie
beschreiben einen Tod, den sie überlebt haben. Schlimmer noch: Es
scheint, da sie Zeugnis ablegen können, nochmal alles gut gegangen zu
sein (vgl. Delbo 1993, S. 359, S. 384 und Klüger 1994, S. 140).
Ein Film eines berichtenden Augenzeugen dokumentiert nicht einfach
Erfahrungen oder Fakten an sich, sondern Zeugen, wie sie Zeugnis
ablegen; das Zeugnis wird erst verfertigt (vgl. Young 1997a, S. 245 und
S. 249f). Lanzmann vermied die Scheinobjektivität von 'sprechenden
Köpfen', indem er das Filmen mitfilmte, indem er selber als aktiver
Mitgestalter der Erinnerung auftauchte und dem mitunter langwierigen
Hin-und-Her-Übersetzen Zeit gab. So wird durchsichtig, dass Shoah
konstruiert ist. Lanzmann zeichnete nicht einfach nur Erinnerungen auf,
bildete nicht einfach erzählende Menschen ab. Er inszenierte seine
Zeugen, und dadurch wurden sie zu Darstellern. Simon Srebnik ist wieder
in Chelmno und steht wieder singend auf dem Kahn auf dem Ner. Motke
Zaidl und Itzhak Dugin leben in Israel, aber Lanzmann bringt sie dort
in eine wüste Gegend, wo anscheinend vor kurzem brandgerodet wurde und
die sie mit der Atmosphäre der Gegend vergleichen, in der sie 1944 die
Massengräber von Ponar [25] wieder ausheben mussten, um die inzwischen
halb verwesten Leichen zu verbrennen. Henrik Gawkowski, der polnische
Eisenbahner, fährt wieder einen Zug auf der Strecke nach Treblinka.
Abraham Bomba war als Arbeitsjude in Treblinka einer der Friseure, die
den Juden vor der Gaskammer die Haare schneiden mussten. Lanzmann
mietete in Israel einen Friseursalon, um ihn beim Gespräch wieder Haare
schneiden zu lassen. Es ist eine der fürchterlichsten Szenen. Nicht nur
weil Bomba zusammenbricht und Lanzmann nicht locker lässt, sondern weil
man versucht ist mitzuweinen und sich so den schaurig-wohlen Ausweg des
Mitleidens zu eröffnen. Shoah wurde nicht gedreht, um den
Zuschauern die Gelegenheit zu bieten, „sich geläutert zu fühlen durch
die Tränen, die sie im Gedanken an ihre ewigen Opfer vergießen“
(Sperber 1979, S. 92). Niemand kann hier mit-leiden. Dieser
Illusion gibt sich vor allem gerne hin, wer unbedingt Deutscher sein
und die Probleme, die er sich und anderen damit aufbürdet, dadurch
verschwinden machen will, indem er - in dem Glauben, hinter dem Vorhang
der Tränen würden alle gleich - sich imaginär zu den Opfern stiehlt,
die sich unter ihren Erinnerungen winden. Lanzmann inszenierte nicht,
um solche nolens volens ergreifenden Effekte zu erzielen. Es geht auch
nicht darum zu dokumentieren, wie sehr Juden leiden mussten. Er
verwendete viel Mühe darauf, „die Aussage in Szene zu setzen, [um] die
Sprecher überhaupt in die Lage zu versetzen zu sprechen.“ Lanzmann ist
überzeugt, dass Bomba „ohne die Inszenierung in einem Friseurladen
weder sprechen, noch [hätte] weinen können“ (Booklet, S. 9). Wie jeder
normale Schauspieler mussten auch die Augenzeugen „nicht nur in eine
bestimmte seelische, sondern auch in eine bestimmte physische
Verfassung versetzt werden.“ Es kommt Lanzmann nicht darauf an, dass
Bomba weint, sondern auf das, was dem Weinen vorangeht. Nicht das
Weinen ist der Augenblick der Wahrheit, sondern der Moment, in dem
Bomba, durch Lanzmanns Nachfragen und Anregungen angeleitet, wieder in
seine alte Betätigung als Friseur gleitet. Nicht die Realität der
Tränen in der Gegenwart, auch nicht die nacherzählte Realität des
Vergangenen sind das, was Lanzmann erreichen möchte, sondern das
rückverwandelnde Schauspielern. „Es reicht nicht aus, [die
Vergangenheit] nur zu erzählen. Sie mußten sie spielen, d.h. irreal
machen. Dieser Akt des Irrealisierens definiert das Imaginäre“ [26].
Nicht soll dem Zuschauer vorgeführt werden, wie es wirklich war,
sondern er muss es sich vorstellen.
Lanzmann verwendete in Shoah keinerlei historisches
Filmmaterial. Bilder der Tat gibt es ohnehin fast keine. Aber weder
originale noch nachgestellte Bilder sind für Lanzmann akzeptabel. Sie
sind „Bilder ohne Imagination. Das sind einfach Bilder, das hat keine
Kraft“ (Ebd., S. 134). Jede literarische wie bildliche Darstellung
einzelner Begebenheiten der Shoah ist zu schwach, zu harmlos. Die
Grausamkeiten sind so schlimm, dass jede bekannte Sprache nicht mehr
angemessen scheint, sie wiederzugeben [27] . Wie sollen sie den
„Abgrund zwischen der Welt und uns“ (Delbo 1993, S. 257), so die
Auschwitz-Überlebende Charlotte Delbo, überbrücken? Auch Bilder von
abgemagerten Menschen in Lumpen in Lagern sind nur eine Abbreviatur,
ein Sinnbild. Es fehlen die Dimensionen seelischer und physischer
Zustände, die man nicht sehen kann: von permanentem Terror und der
damit verbundenen permanenten Angst, von nie aufhörendem Hunger und
Durst; es fehlen Gestank und Geräusche und die akkumulierte Geschichte
permanenter Erniedrigung. Menschen zu sehen, die geschlagen werden,
sind immer noch Menschen, die geschlagen werden. Menschen im KZ aber
waren keine Menschen mehr. „Entmenschlichung“ darf man nicht als
anderes, großes Wort für „gequält“ oder „erniedrigt“ ansehen, sondern
muss es wörtlich nehmen: was einen Menschen überhaupt erst zum Menschen
macht, das wurde genommen. Dies reicht von grundlegenden kulturellen
Verrichtungen wie Reinlichkeit gegenüber Exkrementen [28] bis hin zu
der ethischen Erfahrung, nicht mehr als Mensch handeln zu können, weil
man nicht eingreifen kann und darf, wenn der Nächste gequält wird oder
wenn man ihn seinem Tod überlassen muss, wenn man sich selber retten
will [29]. Hier wurde der Mensch, so der polnische Dichter Jan Platek
in einem Gedicht, „für den Menschen zu etwas [...], / Was noch keine
Sprache der Welt /definiert hat“ (Zit.n. Yahil 1998, S. 888). Der
Überlebende musste sich nach der Befreiung durch viele kleine
Handlungen zurück entwickeln, hält Delbo fest, „muß alles
zurückerobern, was er vorher besessen hatte“ [30].
Historisches Bildmaterial zum Nationalsozialismus ist darüber hinaus
fast immer unbrauchbar, denn es sind Bilder, die von Tätern gemacht
wurden. Indem man dieses Material für die Geschichtsschreibung
verwendet, übernimmt man automatisch und unbemerkt den Blick der Täter
auf ihre Opfer. Es gibt keine Objektivität der lichtbildlichen
Abbildung: die Art und Weise, wie Deutsche Juden sahen, ist in den
Aufnahmen materialisiert; die Beziehung von Täter und Opfer kommt in
diesen Bildern zur Erscheinung [31]. Dazu kommt, dass die meisten
Bilder aus der NS-Propaganda stammen. Es bedarf gar nicht erst der
Ikonen-Malerei von Spiegel-Titelbildern mit Hitler-Antlitz.
Die Deutschen sitzen dem Trug auf, sie sähen im Fernsehen etwas über
das Dritte Reich. Sie sehen aber nur das Dritte Reich,
ein Stück von ihm, von der von ihm produzierten Realität. Nicht zuletzt
deswegen beschäftigen sich die Deutschen so gerne mit ihrer
Vergangenheit: indem sie dies tun, können sie immer wieder ihren Traum
vom Dritten Reich leben, an seiner Inszenierung teilnehmen [32] .
An der nationalsozialistischen Bewegung faszinierte damals nicht
zuletzt die Todesromantik und -sehnsucht, die Lust am Untergang (vgl.
hierzu bspw. Vondung 1988, S. 207-225, Friedländer 1999, S. 45ff und
Hilberg 1965, S. 35): am eigenen ursprünglich noch mehr als an dem
anderer. Die Deutschen machten aus Europa ein Schlachthaus, und
insbesondere den Osten verwandelten sie in ein Nekrotopia. Hier hatten
sie den Untergang, den sie mehr wünschten, als sich von sich zu
emanzipieren, ständig um sich. Mit der Vernichtung anderer schufen sie
die Kulissen zu ihrer dunklen Sehnsucht, banden sie sich aneinander und
gingen auf das Rachegericht zu, das sie erwarteten. Sie waren
entschlossen, bis zum bitteren Ende weiter zu machen, auch wenn sie
nicht mehr an den Sieg glaubten. Auch wenn sie die Judenvernichtung
vielleicht nicht befürworteten, so führte das weit verbreitete Wissen
um sie nicht dazu, die Loyalität zum Dritten Reich aufzukündigen (vgl.
Dörner 2007, S. 444, S. 484, S. 606). Sie waren Deutschland. Wer
'Konsequenz', 'Zusichstehen' und 'Authentizität' zur Idee vom Guten und
zum Kriterium von Wahrheit macht, der wird beim Nationalsozialismus
fündig. Nach den Maßstäben heutiger Seelenratgeber und Psychotechniker
war Hitler der erfolgreichste Therapeut aller Zeiten, nämlich eines
ganzen Volkes. Die Deutschen hatten eine Überzeugung, und zu der
standen sie bis zum Schluss. Sie würden es immer wieder tun.
SHOAH
Ein Film von Claude Lanzmann
Box mit vier DVDs
arte Edition
absolut MEDIEN 2007
Anmerkungen:
[1] Lanzmann 1999, S. 13. - In diesem Buch sind alle Aussagen aus dem
Film verschriftlicht.
[2] Zu Chelmno vgl. jetzt die erste eigene Studie: Krakowski 2007.
[3] Stuart Liebman (2007) wirft zusammenfassend einen Blick zurück und
hat über ein Dutzend der prominentesten Beiträge zu Shoah
zusammengestellt.
[4] Aus dem 24-seitigen Booklet, das der DVD-Box beiliegt. Hier S. 8.
[5] Zu diesen Begriffen vgl. Korman 1972, Young 1997, S. 139ff und
Petrie 2000.
[6] H.G. Adler in einem privaten Brief vom 06.03.1982 nach der Lektüre
von Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden, zit.n.
Hilberg 1994, S. 175. - In die Modelle von Strukturfunktionalismus
(Hans Mommsen) oder Rationalität der Endlösung (Götz Aly) fügt Hilberg
sich i.ü. nicht ganz so leicht ein, wie man meint. Vgl. bspw. seinen
Aufsatz German motivations for the destruction of the Jews.
(Dank an Hanno Loewy.)
[7] Lanzmann im Interview, abgedruckt in Müller 1991, hier S. 128ff.
[8] Für manche ist dies bereits hinreichend, um von einer
„Rationalität“ der Judenvernichtung zu sprechen (vgl. Lübbe 1992).
[9] Die so genannte 'neue Täterforschung' (vgl. die Arbeiten von
Gerhard Paul, Klaus-Michael Mallmann, Ulrich Herbert, Jürgen Matthäus
und Umfeld) hat sich zwar wieder (respektive überhaupt erstmalig)
verstärkt den Tätern und deren (ideologischer) Motivation zugewandt,
doch zerrinnt ihr der Gegenstand zwischen den Fingern. Am Ende von
Christopher R. Brownings Studie Ganz normale Männer (Kapitel
18), wahrscheinlich der Initiator für die 'neue Täterforschung', muss
man zu dem paradoxen Schluss kommen, dass der Nationalsozialismus ein
internationales antisemitisches Mordprogramm offenbar nahezu ohne
antisemitische Täter exekutierte. Mag sein, aber sie taten es. Der
Nachweis von individueller Überzeugung und Absicht kann ohnehin nicht
geführt werden und ist für die Beurteilung des Ergebnisses unbedeutend.
[10] Lanzmann im Interview, abgedruckt in Müller 1991, hier S. 129.
[11] Vielleicht lässt sich damit Hilbergs eindringliche Warnung „Es
gibt kein gutes Buch, das mit den Opfern anfängt. Geht nicht!“ (in:
Welzer 1999, 40), die bei deutschen Historikern natürlich Zustimmung
fand, auch auf Filme ausgedehnt widerlegen.
[12] Lanzmann im Interview, abgedruckt in Müller 1991, hier S. 139.
[13] Horkheimer in GS 6, S. 404.
[14] Zu dieser von vornherein aufgeladenen und formierten
Vorstellungswelt vgl. Young 1997b, S. 175ff, 185ff und 203f, sowie die
Impressionen bei Loewy 2002, S. 73ff und 94ff.
[15] Lanzmann im Interview, abgedruckt in Müller 1991, hier S. 133.
[16] Young 1997b, S. 197. - In Dachau irritiert, dass „dort, wo die
'Erinnerung' an Schmutz und Chaos wachgehalten werden soll, Sauberkeit
und Ordnung“ herrschen. „Angesichts der beinahe antiseptischen Reinheit
des Geländes drängt sich der Verdacht auf, dass die Gedenkstätte die
Vergangenheit ästhetisiere, „als ob sie nicht an sie erinnern, sondern
sie besiegen wolle“ (Young 1997a, S. 283). Auch hier ist der visuellen
Bearbeitung eine historiographische resp. theoretische Einordnung der
Judenvernichtung komplementär. Enzo Traverso, einer der Marxisten, die
gelernt haben, „Moderne“ statt „Kapitalismus“ zu sagen und der hierbei
die Fehler der marxistischen NS-Interpretation mit den Ressentiments
des Kulturpessismismus anreichert; - Traverso also phantasiert, dass in
den Gaskammern „der Tod zum ersten Mal zu einem anonymen und 'sauberen'
[wurde]. Blut wurde nur [!] vergossen, wenn die Opfer einander in ihrem
Todeskampf niedertrampelten und zerkratzten“ (2000, S. 343). Es ist
bemerkenswert, dass Traverso von all dem absieht, was jenseits der
Gaskammern geschah, was vor ihnen lag und was nach ihnen kam, damit er
den Holocaust mit viel Suggestion zuerst in 'der Moderne' verschwinden
lassen und dann diese mit jenem in toto denunzieren kann. Jenseits der
Gaskammern wurde ca. ein Drittel der insgesamt ermordeten Juden von den
so genannten „Einsatzgruppen“ erschossen. Vor ihnen lagen die Ghettos
mit Auszehrung und Tod durch Hunger und Seuchen. Traverso abstrahiert
also von dem Zustand, in dem Juden sich nach Ghetto und Transport
befanden, als sie in Auschwitz ankamen, um in ihren so genannten
'sauberen Tod' zu gehen. Den Gaskammern folgten bspw. offene Verwesung
und Verbrennung, Gruben voll Blut und Leichenwasser, Gas- und
Blut-Erruptionen aus Massengräbern. Jenseits, vor und neben den
Gaskammern lagen unzählige alltägliche individuelle Übergriffe,
Räubereien, Schikanen etc., allesamt Verbrechen, die bestimmt nicht
„ohne Leidenschaft, ohne Haß“ (Ebd., S. 338) begangen wurden.
Überlebendenberichte könnten korrigierende Irritationen auslösen.
Vielleicht beklagt Traverso aus diesem Grund, dass jüdische Augenzeugen
„heute ungefragt zu lebenden Ikonen“ erhoben würden, Bestandteil eines
allgemeinen Trends zur „Humanitätsduselei“ (2008, S. 12), durch die
nicht nur antifaschistische und kommunistische „Helden“ zu jüdischen
Opfern mutierten (vgl. Ebd., S. 16), sondern auch der jüdische Fokus
auf allein ihre Leidensgeschichte zur universellen Norm würde, die
andere Verbrechen (Kolonialismus inklusive „Nakbah“ der Palästinenser,
vgl. Ebd., S. 37ff und 47ff) ebenso wie Fixpunkte antikapitalistischer
Opposition (Ostblock-Kommunismus, vgl. Ebd., S. 77ff) mutwillig
verdränge. Aber auch der Kronzeuge für die Rede vom rationalen =
rationellen, fabrikmäßigen, bürokratischen etc. Charakter der
Judenvernichtung, nämlich Adolf Eichmann (vgl. hierzu Kettner 2006),
weiß von abstoßenden Details rings um die Massenvernichtung zu
berichten (vgl. von Lang 1985, S. 71f, 73f, 76f).
[17] Vgl. Dörner 2007, S. 204-221, 241-245, 608f, 617. - Auch dann erst
regte sich Kritik.
[18] Eine Haltung, die über die Jahre hinweg immer wieder auffiel. Als
Hannah Arendt 1949/50 zum ersten Mal seit ihrer Vertreibung wieder in
Deutschland war, beobachtete sie, „daß es keine Reaktion auf das
Geschehen gibt. [...] Dieser allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall
aber die offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit billiger
Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch nur das auffälligste Symptom
einer tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen
Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und sich damit
abzufinden“ (1193, S. 24f). Zehn Jahre später spürte Primo Levi „etwas
in der Luft, was man anderswo nicht findet. Wer [den Deutschen] die
schrecklichen Tatsachen der jüngeren Geschichte vorhält, trifft ganz
selten auf Reue oder auch nur auf kritisches Bewußtsein. Sehr viel
häufiger begegnet er unschlüssigen Reaktionen, in die hinein sich
Schuldgefühle, Revanchegelüste und eine hartnäckige und anmaßende
Ignoranz vermengen“ (1994b, S. 15).
[19] Vgl. Anders 1985, S. 186ff und Welzer 1997, v.a. S. 49f und 59f -
Die Radikalität dieser nahezu einzigartigen Erkenntnis wird von Anders
und Welzer allerdings sofort gebrochen, indem die Ursache dafür, dass
die Täter keine Schuld empfinden konnten, in der condition
moderne verortet wird. In den für die Moderne typischen langen
mediatisierten Handlungsketten werde Verantwortlichkeit aufgelöst,
handele man nur auf Befehl, sei man nur Mittäter etc. pp.
[20] Vgl. Welzer 1997, S. 64. Welzer sieht allerdings nicht den
Wahnsinn dieser Reaktion, sondern findet sie nur allzumenschlich. So
hält er auch die „Revision der eigenen Biographie“ für „eine unmögliche
Anforderung“ (Ebd., S. 59). Für einen bestimmten Charaktertypus,
nämlich den autoritären, ist es dies in der Tat. Dieser kann auch die
„kognitive Dissonanz“ nicht ertragen, sich eingestehen zu müssen,
„einen Fehler gemacht zu haben“, weswegen er die einmal begonnene
Judenvernichtung fortführen müsse (Welzer 2002, S. 247). Aber die
Konstitution von Subjekten hinterfragt Welzer nie; er behandelt sie
stets als reine Naturgegebenheit.
[21] Vgl. Hermann Görings Äußerungen in alliierter Gefangenschaft, in
Gilbert 2001, S. 10, 18, 138.
[22] Vgl. die Übersicht zu literarischen Zeugnissen bei Fine 1983, S.
110ff und Des Pres 1976, S. 37ff.
[23] Booklet, S. 11. - Damit erfüllen sie nur scheinbar die häufig
erhobene Forderung, der anonyme Tod im Holocaust und die abstrakte Zahl
von 'sechs Millionen toten Juden' müssten konkretisiert und
personalisiert werden (vgl. beispielsweise Anders 1985, S. 182f). Die
Einwände drehen sich im Kreis: (1) Große Zahlen seien zu abstrakt, man
könne sich unter ihnen nichts vorstellen. Deswegen solle man das
Schicksal der Juden an Einzelfällen darstellen. Auch sollte den
anonymisierten Opfern ihre Individualität wiedergegeben werden. (2) Die
Darstellung von Einzelfällen aber lässt die Ausmaße verschwinden und
bedient obendrein das Bedürfnis, sich mit positiven Charakteren zu
identifizieren. Sie verhindert also genau das, was sie erreichen will:
sich die Dimension der Judenvernichtung vorzustellen. Weder starben die
Opfer einen individuellen Tod, noch als Individuen, sondern in Massen
als Exemplar einer zur Vernichtung bestimmten Gattung. - Es führt also
kein Weg daran vorbei: man muss versuchen, sich die riesige Dimension
vorzustellen, wird daran scheitern und kann dann dieses Scheitern in
seine Vorstellungsversuche mit aufnehmen und so am Scheitern sich die
Dimensionen der Shoah wieder versuchsweise vergegenwärtigen.
[24] Vgl. bspw. Delbo 1993, S. 316, 358-360, 367, 370. H.G. Adler
beschrieb das Lager Theresienstadt als ein „Zwischenreich in ständigem
Dämmer“ (2005, S. 529), weil Leben und Tod sich die Waage hielten und
ihre Grenzen verschwammen. Zusammenfassend vgl. Des Pres 1976, S.
95-147, Sofsky 1997, S. 229-236, Langbein 1995, S. 138-189.
[25] Auch „Ponary“ oder „Ponierai“. Ein Massenvernichtungsgelände ca.
10 km von Wilna (Litauen), wo zwischen Juni 1941 und Juli 1944
schätzungsweise 70.000 bis 100.000 Juden erschossen wurden.
[26] Lanzmann im Interview, abgedruckt in Müller 1991, hier S. 136.
[27] Chaim A. Kaplan, der einsame arbeitende Chronist des Warschauer
Ghettos, stellte dies immer wieder resigniert fest (vgl. 1967, S. 137,
268, 384). - Diese Probleme der Überlebendenberichte zusammenfassend
vgl. Reiter 1995, S. 23ff und Fine 1983, S. 106.
[28] Diese genaue Bedeutung von „Entmenschlichung“ findet
erstaunlicherweise kaum Beachtung. Einzig Terrence Des Pres (1976, S.
53ff) geht teilweise darauf ein.
[29] Primo Levi beschreibt die „Scham, die uns nach den Selektionen und
immer dann überkam, wenn wir Zeuge einer Mißhandlung sein oder sie
selbst erdulden mußten, jene Scham, die die Deutschen nicht kannten,
die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich
lädt, und die ihn quält, weil sie existiert, weil sie unwiderruflich in
die Welt der existenten Dinge eingebracht ist“ (1994a, S. 8). Vgl.
bspw. auch Delbo 1993, S. 106, 107, 116; Klüger 1994, S. 122f, 143;
Kaplan 1967, S. 87.
[30] Delbo 1993, S. 356. - Vgl. hierzu H.G. Adlers beeindruckende
Schilderung in seinem Roman Eine Reise (S. 320ff.), wie der
Überlebende Paul sich selbst zurück gewinnt, indem er wieder Eigentümer
von Dingen wird, mit denen er sich gestaltet und in denen er sich
verobjektiviert gegenübertreten kann. Damit illustriert er Hegels
Auskunft aus den Grundlinien der Philosophie des Rechts, dass
die Person eine „äußere Sphäre“ der Freiheit braucht, „um als Idee zu
sein“ (§ 41). (Um dem Materialismus gleich entgegen zu treten: ein
Mensch ist Mensch nie anders denn als Idee.) Indem eine
Person ihren Willen in eine Sache legt, wird das Ich sich als freier
Wille im Besitz gegenständlich und wirklich. Im Eigentum wird der Wille
des Ich objektiv (§§ 44-46). - Für diese Wiederherstellung des
Individuums auf die Ebene bürgerlicher Freiheit dürften Anhänger der krisis-Weltanschauung
nur Mitleid bis Hohn übrig haben: immer noch der 'Subjektontologie' und
der 'Metaphysik der Warenmonade' verhaftet, immer noch nicht das
'Aufhebungsdenken' erreicht.
[31] Vgl. Stern 2006, S. 56f - Den Blick der Täter hat man nicht nur
mit den Bildern, sondern auch in der Theorie übernommen, vor allem in
der gesellschaftskritischen, die die Rationalität der Shoah betont
(vgl. besonders Götz Aly und Enzo Traverso). Peter Longerichs
Reflexionen darüber, dass man als Historiker Gefahr läuft, mit dieser
Interpretation die Perspektive der Täter und deren Verschleierung
fortzuschreiben (Longerich, 1998, S. 240f und 489f), stehen nahezu
alleine.
[32] Gerhard Paul resümiert, dass die Dokumentationen über die NS-Zeit
aus genau diesen Gründen nach 1945 nicht „die unterschwellige Kraft der
propagandistischen Bilder“ brachen, sondern diese durch jene „ihre
wahre Popularität erst nach 1945 erreichten (2004, S. 270f). Vgl. auch
Friedländer 1999, S. 22f.
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