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Abwesenheit des
Staates
Über den Begriff der Geltung
bei Helmut Reichelt
PHILIPP LENHARD
An den 68ern war nicht alles schlecht. Denn
immerhin galt es damals als schick, sich mit Marx auseinander zu
setzen, was zwar in 99 von hundert Fällen bloß zur Pflege eines
unappetitlichen Jargons führte, der verstaubte Ausdrücke wie
Proletarier, Klassenkampf, Entfremdung usw. in jedes noch so banale
WG-Gespräch einschleuste, aber doch einige wenige dazu anhielt,
Gesellschaftskritik als Kritik der politischen Ökonomie zu betreiben.
Einer von ihnen ist Helmut Reichelt, emeritierter Professor für
Soziologische Theorie an der Universität Bremen, Mitglied der
Frankfurter Marx-Gesellschaft und Angehöriger des Wissenschaftlichen
Beirats der honorigen Beiträge zur
Marx-Engels-Forschung. Sein bahnbrechendes Buch Zur
logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx, zugleich
seine Dissertation, erschien 1970 in der Europäischen Verlagsanstalt
und wurde dankenswerterweise 2001 vom Ca Ira Verlag nachgedruckt. Schon
damals wies Reichelt erfolgreich nach, dass der von den Strukturalisten
behauptete radikale Bruch zwischen Früh- und Spätwerk eine Illusion
ist, die sich dem Unverständnis der Marxschen Werttheorie verdankt.
Reichelt zeigte anhand der entsprechenden Passagen etwa aus der
Einleitung in die Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie oder aus den Thesen über
Feuerbach, dass Marx’ Theorie von der Verdoppelung der Ware in
Ware und Geld, die die gesamte dialektische Entwicklung der jeweils
konkreteren Kategorien im Kapital antreibt, Marx
schon in den Feuerbachthesen als Konzept gegenwärtig war. Wo Marx dort
von einem Sichselbstabheben der weltlichen Grundlage sprach, da wurde
derselbe Zusammenhang im Kapital als
Verselbständigung des automatischen Subjekts entfaltet.
Marx ein
Metaphysiker?
In seinem neuen Buch, fast vierzig Jahre nach dem
genannten Klassiker, schließt Reichelt an seine damaligen Ergebnisse
an. Er präsentiert aber weder eine stumpfe Wiederholung, noch eine
Weiterführung, sondern bricht in einem entscheidenden Punkt mit Marx.
Das ist – soviel kann man schon sagen, ohne die Katze gleich aus dem
Sack zu lassen – überraschend, spricht aber für den Denker Reichelt. Im
Gegensatz zu anderen Vertretern der so genannten „Neuen Marx-Lektüre“
ist Reichelt in seiner orthodoxen Gelehrsamkeit über das Stadium der
„Rekonstruktion“ längst hinaus. Viele der Einsichten, die heute von ach
so gescheiten Marxologen als brandneu präsentiert werden, stehen
bereits in seinem Buch von 1970. Er hat es nicht mehr nötig, aller Welt
zu beweisen, was für ein toller Marx-Kenner er ist und das gereicht ihm
zum Vorteil. Souverän stellt er Marx’ eigene Auffassungen dar, wo es
nötig ist, bleibt aber zugleich distanziert genug, um seine deutlich
herauszulesende Parteinahme für Marx nicht mit einer blinden Hörigkeit
zu verwechseln. Reichelt präpariert heraus, dass die Marxsche
Werttheorie in sich gar nicht konsistent sei. Teilweise verdanken sich
die verschiedenen Lesarten des Kapitals nicht nur
dem Vermögen oder Unvermögen der jeweiligen Interpreten oder ihren
unterschiedlichen Beweiszielen, sondern nach Reichelt einem Schwanken
von Marx selbst. Dieser habe sowohl einen substantialistischen als auch
einen handlungstheoretischen Wertbegriff, beides schlösse sich jedoch
wechselseitig aus. Entweder Marx ist Metaphysiker und attestiert der
Ware einen Wertcharakter an sich, d.h. vor aller Abstraktion durch
konkrete Subjekte, oder er vertritt eine reine Zirkulationstheorie des
Werts, was bedeuten würde, den Wert einzig als in der Tauschabstraktion
zustande kommenden Charakter bloßer Dinge zu verstehen. Indem Marx die
Ware schon auf der ersten Seite als eine unmittelbare Einheit von
Tausch- und Gebrauchswert präsentiert, setzt er genau das zu beweisende
– die Genesis des Werts als objektiv existierendes Allgemeines – von
Anfang an voraus, denn der Tauschwert ist ja letztlich lediglich das
Verhältnis zweier Wertgegenstände zueinander. Reichelt versucht anhand
verschiedener Formulierungen zu zeigen, dass Marx die
Wertgegenständlichkeit der Dinge substantialistisch verstehe, etwa wenn
dieser davon spricht, die abstrakte Arbeit als Substanz des Werts sei
Vergegenständlichung der produktiven „Verausgabung von menschlichem
Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw“ (Marx 1983, S. 24) oder diktiert: „Ein
Gebrauchswerth oder Gut hat also nur einen Werth, weil Arbeit in ihm
vergegenständlicht oder materialisirt ist“ (Marx 1983, S. 20). Der
entscheidende Bruch, den Reichelt vollzieht, ist der mit der
scheinbaren Marxschen Prämisse eines Doppelcharakters der in den Waren
dargestellten Arbeit. Ketzerisch fragt er: „Muss der historische
Materialismus zu Grabe getragen werden, wenn sich die Verdopplungsthese
als unhaltbar erweist?“ (Reichelt 2008, S. 157)
Doch seine Antwort, soviel zur Beruhigung, ist negativ. Denn Marx habe
eben nicht nur eine substantialistische Theorie der Genesis des Werts,
sondern auch eine handlungstheoretische. Der sich vermeintlich parallel
im Kapital findende Nachweis, dass der Wert erst
durch die Gleichsetzung zweier Dinge, die sich in der Form der
Austauschbarkeit befinden, entstehen kann, weil die Dinge als konkrete
Dinge qualitativ voneinander unterschiedene sind, führt zu der Frage:
Wie erhalten die Dinge (die noch keine Waren sind, weil sie hier noch
keinen Doppelcharakter haben) diese Form der Austauschbarkeit? Wie
kommt es, dass „dieser Inhalt jene Form annimmt“ (Marx 1989a, S. 95)?
Will man wie Reichelt die substantialistische Erklärung nicht
akzeptieren, so ist man gezwungen, eine andere anzubieten. Reichelt
greift das Problem unter dem Stichwort der „Geltung“ auf, indem er
fragt, wie die Geltung der Ware als einer Verkörperung und Besonderung
einer abstrakten Allgemeinheit zustande kommt. [1] Geltung impliziert
eine Relation: Für wen gilt etwas? Er folgert, dass die Bestimmung der
Geltung die Subjekte mit einbeziehen muss, dass die
Wertgegenständlichkeit für die Subjekte gelten muss, d.h. von ihnen
zugleich akzeptiert und hergestellt werden muss. Diese Argumentation
funktioniert nur, wenn die Dinge sich sowohl immer schon in der Form
der Austauschbarkeit befinden, als auch von den Subjekten als solche in
den Tausch überführt und damit in Waren verwandelt werden. Reichelt
gibt hier den wichtigen Hinweis auf Aristoteles, der die Dinge als
Waren in potentia verstanden hatte, die erst im Tausch zu Waren in actu
werden. Das korrespondiert mit einer handlungstheoretischen
Wertkonzeption, die den Wert immer erst im Akt des Tausches selbst
aufspürt.
Geld als
gegenständliche Allgemeinheit
Habe Marx das angeblich noch als ein „Erscheinen“
der schon vor dem Tausch in den Waren hausenden Substanz des Werts
gedeutet, so muss nach Reichelt der Wert anders bestimmt werden. Die
Gleichzeitigkeit von Geltung und Akzeptanz wird nämlich allein durch
das Geld als gegenständliche Allgemeinheit – oder, wie Adorno
formuliert, als „objektive Begrifflichkeit“ (zit. n. Reichelt 2008, S.
28) – gestiftet. Reichelt fasst das so zusammen: „Ohne diesen Stoff
keine Geltung, aber auch keine Geltung ohne konkreten Gegenstand. Geld
ist, weil es gilt, und es gilt, weil es ist. Ein
sinnlich-übersinnliches Ding.“ (Reichelt 2008, S. 163) Marx’
Wertformanalyse beschreibe zwar, wie das Gold als Geldware von den
anderen Waren ausgeschlossen wird und sich ihnen als allgemeines
Äquivalent entgegensetzt, aber die Formulierungen von Marx verrieten,
dass es die Waren selbst seien, die ausschließen – nicht die
Warenhüter. Reichelt weist nun daraufhin, dass es nicht nur historisch,
sondern bei jedem Tauschakt die Warenhüter sind, die die Geldware als
allgemeines Äquivalent ausschließen und damit seine Geltung als Geld
akzeptieren. Nur so lasse sich das „Geld als Einheit von Geltung und
Akzeptanz“ (Reichelt 2008, S. 143) begreifen: „Die Geldform und
Warenform, Allgemeines und Besonderes konstituieren sich uno actu. Das
ist natürlich nicht mehr die Marxsche Gallerte und die
vergegenständlichte besondere Arbeit, die bei Marx in unmittelbarer
Einheit als Ausgangspunkt der ganzen Deduktion fungieren. Vielmehr sind
es geltende Formen. In der Gleichsetzung gilt der besondere Gegenstand
(der Rock) als unmittelbar austauschbar, oder seine Naturalgestalt gilt
der anderen gleich, befindet sich in der Form der Gleichgeltung, der
Austauschbarkeit. Wenn aber der besondere Gegenstand in der
Gleichsetzung als unmittelbar austauschbar gilt, sind wir mit einer
Verkehrung konfrontiert, in der sich diese Entgegensetzung von
Allgemeinem und Besonderem herausbildet als dialektisches Verhältnis
von Abstraktion und Totalität. Denn alle besonderen Produkte tauschen
sich nur gegen ihn (den Rock), er hingegen tauscht sich gegen alle. So
wird er zum ‚existierenden Inbegriff’ des Reichtums schlechthin, ein
existierendes Allgemeines, und die besonderen Gegenstände gelten nur
als Besonderungen seiner selbst. Als Geld – in der Form unmittelbarer
allgemeiner Austauschbarkeit – ist es, als das Eine, die Einheit der
Vielen, und die Vielen sind die Vielen des Einen.“ (Reichelt 2008, S.
162)
Reichelt besteht also darauf, dass die Austauschbarkeit der Waren nur
dann gegeben ist, wenn es ein solches existierendes Allgemeines bereits
gibt. Solange das Geld nicht existiert, was mit seiner Nicht-Geltung
identisch wäre, sind die Waren bloß kontingente Dinge. Christian Iber
(2005, S. 60f.) hat herausgearbeitet, dass sich Erst- und Zweitauflage
des Kapitals an diesem entscheidenden Punkt der
Konstituierung des Geldes unterscheiden. Marx gelangt in der
Wertformanalyse der Erstauflage zur Unmöglichkeit eines allgemeinen
Äquivalents, weil sich alle Waren gegenseitig als ein solches
ausschlössen. Und ohne allgemeine Äquivalent- auch keine Geldform: „Da
aber jeder Warenbesitzer den Standpunkt seiner besonderen Ware als
allgemeines Äquivalent gegen alle anderen Waren vertritt, ist im
Ergebnis keine Ware allgemeines Äquivalent. Diese vertrackte Situation
können die handelnden Warenbesitzer nur bewältigen, indem sie so denken
wie Faust ‚am Anfang war die Tat’ und durch ‚gesellschaftliche Tat’ den
Ausschluß einer bestimmten Ware als allgemeines Äquivalent von allen
anderen vollziehen, was nichts anderes bedeutet, als den Gehalt der
Geldform IV [2] der Zweitauflage zu realisieren.“ (Iber 2005, S. 61)
„Gesellschaftliche
Tat“ als Staatsaktion
Es kommt nun alles darauf an, diese
„gesellschaftliche Tat“ richtig zu verstehen. Reichelt verfällt leider
genau an diesem Punkt in die soziologische Denkform, indem er die
gesellschaftliche Tat als „allgemeine Einigung der Akteure“ (Reichelt
2008, S. 115) interpretiert – ganz in der Tradition der reizenden, aber
romantisierenden Vorstellung, es gäbe so etwas wie einen
Gesellschaftsvertrag. [3] Reichelt fällt nicht auf, dass exakt hier der
Ursprung der Geltung des Geldes und damit zugleich der Warenform liegt.
Denn was er als „allgemeine Einigung“ deutet, ist in Wahrheit eine
„Haupt- und Staatsaktion, der Übergang von der Form des allgemeinen
Äquivalents zur wirklichen Geldware bedeutet den Eintritt des Staates
in die Kritik der bürgerlichen Ökonomie“ (Scheit 2004, S. 143). Obwohl
dieser Eintritt des Staates am Anfang des zweiten Abschnitts des ersten
Kapitels, dem Abschnitt über den Austauschprozess, steht, in dem Marx
dezidiert die Notwendigkeit einer „Rechtsform“ des bürgerlichen
Subjekts herausarbeitet (Marx 1983, S. 51f), bemerkt Reichelt ihn
nicht. Die konstitutive Schwäche aller neuen Marxinterpreten, die
Ignoranz gegenüber der Einheit von Staat und Kapital, die sie dazu
verleitet, das Kapital zu einer Kritik der
kapitalistischen Ökonomie zu verkürzen, äußert sich bei Reichelt so
deutlich wie nur möglich. Dass es sich nicht nur um einen Lapsus
handelt, sondern die Verdrängung des Staates im Zentrum dieser neuen
Marx-Lektüre steht, zeigt sich auch, wenn Reichelt Marx an anderer
Stelle abermals für seine Verdoppelungsthese kritisiert: „Dieser
Erklärungsansatz liegt auch den staatstheoretischen Erwägungen in der Deutschen Ideologie zugrunde. Die von der
Gesellschaft getrennte Existenz des Staates soll [!] aus dem
‚Widerspruch des besonderen und gemeinschaftlichen Interesses’
resultieren“ (Reichelt 2008, S. 95, FN 2) – als sei dieser Widerspruch
ein von Marx nur behaupteter und nicht tagtäglich empirisch erfahrbar!
Der Staat ist überhaupt nur als existierendes Allgemeines zu begreifen,
das sich den Individuen als verselbständigte Objektivität
gegenüberstellt. Es ist also überhaupt nicht vom Kapital zu
unterscheiden, sondern bloß dessen politische Erscheinungsform. Marx
hält das in der Deutschen Ideologie eben an jener
von Reichelt monierten Stelle treffend fest: „Eben aus diesem
Widerspruch des besonderen und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das
gemeinschaftliche Interesse als Staat eine
selbständige Gestaltung, getrennt von den wirklichen Einzel- und
Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische
Gemeinschaftlichkeit, aber stets auf der realen Basis der in jedem
Familien- und Stamm-Konglomerat vorhandenen Bänder, wie Fleisch und
Blut, Sprache, Teilung der Arbeit im größeren Maßstabe und sonstigen
Interessen […]“ (Marx 2004, S. 428). Das „Annehmen“ einer
„selbständigen Gestaltung“ ist durchaus mit dem historischen Prozess zu
identifizieren, in dem sich das Kapital als ökonomische Macht einen
bürgerlichen Staat zur Durchsetzung seiner Interessen – sei´s durch
Reformen, sei´s durch Revolution – schafft: die Geburtsstunde des
modernen, demokratischen Rechtsstaates. Doch Reichelt kritisiert Marx
ausgerechnet dafür, den Widerspruch, der aus der ursprünglichen
Konstitution des Staates und der damit einhergehenden rechtsförmigen
Setzung der Individuen als Staatsbürger resultiert, nicht lösen zu
können. Marx schiebt er den schwarzen Peter zu und bescheinigt ihm
abermals, ein ideologisches Vertragsmodell des bürgerlichen Staates vor
Augen zu haben. Hegel, der den Staat „als ein vorgängig-Allgemeines“
(Reichelt 2008, S. 410) begreife, tritt als ebenso ideologischer
Widersacher auf: Marx habe „die Methode der Vertragstheoretiker vor
Augen; der Staat, die Verfassung entsteht aus den Aktionen der sich
vereinigenden Subjekte, wobei er deren Dasein als in sich verkehrte
Existenz wahrnimmt und er von daher deren Einheit als ein von ihnen
Getrenntes, Verselbständigtes interpretiert,
das in dieser Form das Komplement darstellt zu der in sich verkehrten
Existenz der vereinzelten Individuen.“ (Reichelt 2008, S. 410; Hv. PL)
Auf dieses Argument trifft zu, was Johannes Agnoli einmal im
Zusammenhang der „Staatsableitungsdebatte“ festhielt: „Ich brauche den
Staat nicht abzuleiten, er ist schon da.“ Erst mit der Existenz des
Staates gibt es überhaupt Subjekte, die ihn konstituieren können – und
diese Konstitution ist nichts weniger als die tagtägliche Reproduktion
einer verkehrten Einheit. Diese verkehrte Einheit ist als Kapital jedem
Produktionsvorgang, als Staat jedem Vertragsverhältnis vorausgesetzt
und bildet die Grundlage jedweder Äquivalenz, die dem Handeln der
Subjekte ihre Form aufprägt. Es ist ein Schein, dass die Subjekte den
Staat hervorbringen, aber es ist ein realer Schein, denn der Staat
erscheint nur – ist nur da –, wenn die Subjekte sich zu ihm als ihre
Einheit verhalten. „Dieser Mensch ist z. B. nur ein König, weil sich
andre Menschen als Unterthanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt
Unterthanen zu sein, weil er König ist.“ (Marx 1983, S. 34, FN 21)
Reichelt dagegen versteht nicht, dass die Untertanen nur eine
„Reflexionsbestimmung“ (Marx, ebd.) des Königs sind, wie umgekehrt der
König eine Reflexionsbestimmung der Untertanen ist.
Abstrakte
Arbeit und bürgerliche Rechtsform
Weil Reichelt aber die Unableitbarkeit des Staates
verdrängt – und sich damit letztlich doch als Soziologe zu erkennen
gibt – muss er auch die Kategorie der abstrakten Arbeit als
substantialistisch missverstehen, denn hier besteht ein ursächlicher
Zusammenhang: Die durch das Kapital als Einheit von Produktions- und
Zirkulationssphäre gesetzte abstrakte Arbeit und die durch den Staat
gesetzte bürgerliche Rechtsform sind zwei sich gegenseitig stützende
notwendige Verkehrsformen abstrakter Herrschaft, die durch Gewalt
garantiert werden. Indem die Arbeiter notfalls mit Gewalt in die
Fabriken getrieben werden – eine heute kaum vorstellbare, aber
historisch stattgehabte und jederzeit wieder mögliche unmittelbare
Äußerung der kapitalen Herrschaft über die Produktion –, werden sie zu
bloßen Arbeitskraftbehältern degradiert; indem die Produzenten
geschichtlich von den Produktionsmitteln getrennt und materiell
enteignet wurden – die so genannte „ursprüngliche Akkumulation“ –,
wurden sie in doppelt freie Lohnarbeiter verwandelt, die die
zeitweilige Verfügung über ihre Arbeitskraft in einem rechtsförmigen
Äquivalententausch an den Kapitalisten veräußern müssen. Beide Formen
kapitaler Herrschaft, der Zwang zur abstrakten Arbeit und der Zwang der
negativen Gleichheit, sind die Substanz des Kapitals, aus dem es leibt
und lebt. [4] Die physikalistische Reduktion der abstrakten Arbeit auf
„menschliche Arbeit überhaupt“ (Marx 1983, S. 24) geschieht nicht durch
Marx, sondern durch die rechtsförmige Gleichsetzung zweier konkreter
Arbeitsprodukte: „Um Leinwand als bloß dinglichen Ausdruck menschlicher
Arbeit festzuhalten, muß man von allem absehn, was sie wirklich zum
Ding macht. Gegenständlichkeit der menschlichen Arbeit, die selbst
abstrakt ist, ohne weitere Qualität und Inhalt, ist nothwendig
abstrakte Gegenständlichkeit, ein Gedankending.“ (Marx 1983, S. 30) Ein
Gedankending ist aber auch die rechtsförmige Gleichheit aller
Warenhüter – allerdings ein Gedankending, das durch den politischen
Souverän durchgesetzt wird: „Die Sphäre der Zirkulation oder des
Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der
Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen
Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit,
Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware,
z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie
kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt
ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen
Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als
Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent.
Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem
von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie
zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres
Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für
sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle, infolge einer
prästabilierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer
allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils,
des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.“ (Marx 1989a, S. 189f) Staat
und Kapital sind als verselbständigte Objektivität jedem Tauschvorgang
immer schon vorausgesetzt und verwandeln die je besondere Lohnarbeit in
abstrakte Arbeit in spe. Bereits vor dem Tauschvorgang hat die
verausgabte Arbeit die Form potentieller Abstraktheit [5] – ihre
Geltung als solche realisiert sie erst durch den gelungenen
Warentausch, also den Verkauf der Waren. Scheitert dieser, so „ist auch
die in ihm [dem Ding – PL] enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als
Arbeit und bildet daher keinen Werth“ (Marx 1983, S. 22).
Potentielle abstrakte Arbeit
Dass die Arbeitskraft schon immer als potentiell
abstrakte verausgabt wird, das Kapital, dessen Begriff im Kapital erst nach und nach entfaltet wird, also im
entwickelten Kapitalismus immer schon vorausgesetzt ist und sich durch
die einzelnen Erscheinungsformen seiner selbst hindurch reproduziert,
ohne dabei noch „Narben seiner Entstehung“ (Marx 1989b, S. 405)
sichtbar werden zu lassen, wirkt sich ganz praktisch auf den
Produktionsprozess aus. Die abstrakte Fließzeit der Moderne ist ein
Ausdruck der Verkehrung des Verhältnisses von Arbeit und Kapital (vgl.
Postone 2003, S. 309f). Nicht mehr wird Arbeitskraft von den Individuen
verausgabt, um einen Überschuss zu produzieren, der dann gegen andere
Waren ausgetauscht wird, um den eigenen Bedarf zu decken, sondern das
Kapital verschlingt menschliche Arbeit schlechthin, um sich selbst als
Geld heckendes Subjekt zu reproduzieren. Der Tauschwert hat sich
verselbständigt, das Geld ist nicht mehr bloßes Tauschmittel und Maß
der Werte, sondern fungiert erst als Schatz, dann als Kapital, das
alles in Funktionen seiner selbst verwandelt. Die Arbeiter werden zu
variablem Kapital, also zur bloß subjektiven Erscheinungsform des Werts
und sind als solche vom Gesamtprozess des Kapitals abhängig. Sie sind
dem Kapital, das selbst ein zwar automatisches, aber gleichsam blindes
Subjekt ist, ausgeliefert und werden von ihm beherrscht. Lässt sich
ihre Arbeit in abstrakte und damit wertbildende verwandeln, können die
Produzenten wie bescheiden auch immer an der gesellschaftlichen
Reichtumsproduktion partizipieren [6], bleibt sie bloße Tätigkeit,
werden sie ganz unmittelbar abhängig von der Willkür des Staates. Die
Arbeitszeit der immer schon potentiell wertbildenden, abstrakten Arbeit
wird von den Kapitalsubjekten nicht mehr – wie noch bis ins Mittelalter
hinein – als an einen konkreten endlichen Prozess gebunden betrachtet,
sondern scheint jeglicher Tätigkeit vorausgesetzt zu sein. Damit tritt
die abstrakte Arbeit auch unabhängig vom Tauschvorgang ins Bewusstsein
der Individuen, die ihren Feierabend nicht einmal mehr als
Unterbrechung der kontinuierlich fließenden Zeit wahrnehmen. (Vgl.
Adorno 1969) Auf den Begriff gebracht wird die Form unendlicher Zeit
durch die modernen Fabriken, deren Produktion durch ein ausgeklügeltes
Schichtsystem niemals unterbrochen wird. Unabhängig vom Handeln der
Individuen, ja, unabhängig von ihrem gesamten Leben, fließt die
abstrakte Zeit ewig und unveränderlich und repräsentiert damit die
scheinbare Unendlichkeit des Kapitals. Indem abstrakte Zeit den
Individuen vorauseilt, werden sie zu bloßen Anhängseln degradiert, die
sich ständig unter Druck setzen müssen, um nur den Anschluss an den
unaufhörlich fortschreitenden Zug der Zeit ja nicht zu verpassen. Die
Arbeitshetze einerseits, das dumpfe Dahinvegetieren der Überflüssigen
andererseits hat hier seinen Ursprung. Indem das Kapital sich seine
eigene „Substanz“ in der Herrschaft über die Produktion schafft,
verwandelt es zugleich die Arbeitskraftbehälter in Kapitalsubjekte.
Der viel gescholtene Substantialismus Marx’ (Vgl. etwa Heinrich 1999,
S. 212) verdankt sich also dem automatischen und politischen Subjekt
Kapital und nicht einem metaphysischen Rest im Marxschen Denken. Wer
die Kategorie der abstrakten Arbeit aus der Kritik herausschneiden
will, zieht ihr den Stachel. Die Abwesenheit des Staates im
neo-neomarxistischen Denken ist bezeichnend für ihren
wissenschaftlichen Anspruch – und der führt sie keineswegs zufällig in
den Hausverlag der Globalisierungsgegner von Attac. Es ist erschütternd
mit anzusehen, wie gesellschaftliche Verhältnisse, in denen der
Konformismus die Linke usurpiert hat, auch einen so strengen Denker wie
Reichelt in die Nähe des Abgrundes zieht, wo die vermeintliche
„Kritische Theorie als Programm“ (Reichelt 2008, S. 22) am Ende darauf
hinausläuft, Herrschaft theoretisch verschwinden zu lassen. Dass sich
Reichelt im zweiten Teil des Buches, in dem auch einige bereits
bekannte Texte in überarbeiteter Form präsentiert werden, so intensiv
mit Habermas auseinandersetzt, hat hier seinen tieferen Grund. Reichelt
wehrt sich gegen die Position, in die er sich selbst manövriert hat –
und das, immerhin, ehrt ihn.
Helmut Reichelt, Neue
Marx-Lektüre. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Logik,
VSA-Verlag Hamburg 2008, 477 Seiten, € 26,80.
Weitere Literatur:
Adorno, Theodor W., Freizeit, in: Stichworte. Kritische Modelle 2, Frankfurt/M 1969.
Heinrich, Michael, Die Wissenschaft vom Wert. Die
Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher
Revolution und klassischer Tradition, erweiterte Neuauflage,
Münster 1999.
Iber, Christian, Grundzüge der Marx’schen
Kapitalismustheorie, Berlin 2005.
Kurz, Robert, Die Substanz des Kapitals, in: Exit!, Nr.1/2004, S. 44-129.
Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen
Ökonomie. Erster Band, in: MEW 23, Berlin 1989a.
Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen
Ökonomie. Dritter Band, in: MEW 25, Berlin 1989b.
Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen
Ökonomie. Erster Band, Erstauflage [Hamburg 1867], in: MEGA² II.5,
Berlin 1983.
Marx, Karl, Deutsche Ideologie, in: ders., Die Frühschriften, Stuttgart 2004b, S. 405-554.
Marx, Karl, Thesen über Feuerbach, in: ders., Die Frühschriften, Stuttgart 2004a, S. 402-404.
Postone, Moishe, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche
Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx,
Freiburg i. B. 2003.
Reichelt, Helmut, Zur logischen Struktur des
Kapitalbegriffs bei Karl Marx, Frankfurt/M, 1970. Neuauflage mit
neuem Vorwort bei Ca Ira, Freiburg 2001.
Scheit, Gerhard, Suicide Attack. Zur Kritik der
politischen Gewalt, Freiburg i. B. 2004.
Anmerkungen:
[1] Mit dem Begriff der Geltung hat Reichelt unbewusst
die zentrale Begrifflichkeit im Kapital benannt,
die von Beginn an und kontinuierlich darauf verweist, dass es sich bei
allen entwickelten Kategorien um Formen von Herrschaft handelt.
Keineswegs zufällig taucht der Begriff bereits zu Beginn des ersten
Kapitels mehrere Male auf.
[2] In der zweiten Auflage des ersten Bandes des Kapitals
ist die vierte Wertform im Gegensatz zur Fassung der Erstauflage die
Geldform, in der eine Ware als allgemeines Äquivalent ausgeschlossen
ist und dadurch die Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit allen
anderen Waren annimmt.
[3] Es bleibt hier zwar offen, ob die von Reichelt angenommene Einigung
im Sinne Rousseaus als tatsächlicher Vertrag gedacht wird oder im Sinne
Hobbes als durchsichtige fiktive Legitimation eines ursprünglichen
Gewaltaktes, aber aufgrund der Nichterwähnung des Staates liegt erstere
Auffassung näher, die Reichelt an dieser Stelle auch in die Nähe der
Konzeption eines diskursiv sich herstellenden Konsenses von Habermas
bringen würde.
[4] Da das Kapital nichts als aufgehäufte tote Arbeit ist,
akkumulierter Wert, ist es gezwungen, ständig Wert (genauer: Mehrwert)
zu produzieren. Aber das Kapital kann aus sich selbst heraus nur die
Bedingung der Möglichkeit der Produktion von Wert setzen, ob die
Realisierung dieses Zwecks gelingt, liegt prinzipiell außerhalb seiner
Verfügungsmacht – der Ursprung der Krise. Denn ob Arbeit als abstrakte
tatsächlich im Tauschwert einer Ware erscheint, das Arbeitsprodukt also
in einen Wertgegenstand verwandelt wird, ist abhängig vom gelungenen
Tausch. Gebrauchswert und Tauschwert – das Vorhandensein eines
zahlungskräftigen Bedürfnisses – müssen zusammenfallen, damit der
Tausch gelingt. Dass diese Bedingung erfüllt ist, ist nicht nur im
Einzelfall kontingent, sondern wird sogar vom Kapital höchstselbst
untergraben. Durch die Tendenz zum Monopol wurde bereits seit Ende des
19. Jahrhunderts das Bürgertum sukzessive enteignet und als
Konsumentenschicht geschwächt, durch den Drang des Kapitals zur
Verkürzung der zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendigen
gegenüber der mehrwertbildenden Arbeitszeit werden auch die Arbeiter
zunehmend um ihre Potenz zur Realisierung des Tauschwerts gebracht – zu
schweigen von den Horden Überflüssiger, die nur noch durch Almosen als
industrielle oder buchstäbliche Reservearmee am Leben gehalten werden.
Die kapitalistische Produktionsweise ist in sich widersprüchlich, d.h.
krisenanfällig, was allerdings ganz und gar nicht bedeutet, dass die
Krise einen Zusammenbruchscharakter haben muss. Weil die Gewalt dem
Kapitalverhältnis als nur vorübergehend gezügelte und verschleierte
immerzu inhärent bleibt, ist die Krise nur die zyklische Offenlegung
des brutalen Charakters kapitaler Herrschaft.
[5] Die wichtige Unterscheidung zwischen abstrakter Arbeit in potentia
und in actu übersieht Robert Kurz (2004), was zu katastrophalen Folgen
führt, nämlich zu einem schlechten Substantialismus, der die abstrakte
Arbeit, nicht das Kapital zum gesellschaftlichen a priori erklärt (Kurz
2004, S. 92) – also die vom Kapital allererst konstituierte Substanz
ihm voraussetzen will und damit die Realparadoxie „automatisches
Subjekt“ doch wieder in ein idealistisch gefasstes Verhältnis von Wesen
und Erscheinung auflöst. Konsequenterweise fasst Kurz abstrakte Arbeit
als kapitalismusspezifische Qualität, nicht als Abstraktion von aller
Qualität.
[6] Wie sehr sie partizipieren, hängt von gesellschaftlichen Kämpfen
ab, die bestimmen, welche Lohnhöhe „notwendig“ für die Reproduktion der
Ware Arbeitskraft ist. Im günstigeren Fall handelt es sich bei diesen
kapitalimmanenten Auseinandersetzungen um Klassenkämpfe, im
ungünstigeren tritt der Staat als ideeller Gesamtprolet, d.h. als
Volksstaat, auf und sistiert die kapitalistische Produktionsweise als
autoritärer Gesellschaftsplaner
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